Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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603 selbst und ist seiner Frau und feinen zwei kleinen Töchterchen ein fürsorglicher Vater und Gatte. In diesen Zeitpunkt fällt seine journalistische Mitarbeit an Jrkutsker Tageszeitungen und Petersburger Zeitschriften. Seine Aufsätze werden von der Zensur scharf mitgenomnren, aber auch an dem, was übrig bleibt, erkennt man schon den späteren Polemisten. Freunde werden auf seine außerordenrliche Fähigkeiten aufmerksam, sie bieten alles auf. um ihm zur Flucht zu verhelfen. Er lehnt ab, um sich nicht von der Familie trennen zu müssen. In der Folge gelingt es ihm, eine Erlaubnis zur Niederlassung an der Landstraße Wercholensk an der Lena zu erwirken. Hier wird er der Liebling der ganzen Umgebung. Durch seine klare Denkweise und ungewöhnliche Beredsamkeit fesselt er die politischen Verbannten an sich und wird ihr geistiger Führer. Schließlich bewegen ihn seine Freunde, sich wenigstens für die Dauer eines Jahres von seiner Familie zu trennen; er flieht nach Rußland, wo er eine gewisse Zeit unter falschem Namen tätig ist, sieht sich jedoch schließlich gezwungen, nach der Schweiz zu flüchten. Hier verwandelt sich Bronstein in den Genossen T r o tz k i und nimmt eine der wichtigsten Stellen in der Bewegung ein. Später kommt auch seine Familie dahin nach, um sich jedoch nach kurzer Zeit von ihm gänzlich zu trennen. In aller Stille gehen sie auseinander, und beide, er und sie, arbeiten nun jeder für sich in der Bewegung. Auf dem Kongreß der russischen I. D. sehen wir Trotzki an der Seite der Menschewisten. Bald darauf aber steht er schon an der Spitze der maximalistischen Zeitung „Jskra". Im Jahre 1915 kehrt er nach Rußland zurück und nimmt die erste Stelle int Rate der Arbeiterdelegierten ein. Als er nach dem Zusammenbruch der ersten Revolution mit dem ganzen Sowjet verhaftet und zur Katorga verurteilt wird, gelingt es ihm, nach dem Auslande zu entfliehen. Seitdem wandert er von Land zu Land in dürftigen Verhältnissen — das väterliche Gut war auf sein Drängen den Bauern übereignet worden —, bis ihn die letzten Ereignisse wieder nach Petrograd brachten, wo er bald Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates wurde. Als Publizist ist Trotzki durch sein bekanntes politisches Pamphlet: „Peter Struve in der Politik" berühmt geworden. Trotzki ist breitschultrig, brünett — eine kraftstrotzende Erscheinung. Seine Redeweise ist prägnant, deutlich, von einem besonderen Sarkasmus. Unduldsam und rücksichtslos int Kampfe, ist er im Privatleben sanft und milde, ein wahrer Freund und guter Kamerad. Zum Schluß noch eine charakteristische Einzelheit. Schon als Jüngling war Trotzki ein heftiger Gegner des Jagdsportes. Selbst Sohn eines Gutsbesitzers, der einen Wald sein eigen nannte, duldete er nicht das Töten von Tieren und Vögeln. Einmal kaufte er einen verwundeten Hirsch los, heilte ihn in langer, liebevoller Pflege und gab ihm dann die Freiheit wieder. Wir betonen ausdrücklich, daß wir nicht in der Lage sind, die einzelnen Angaben dieses Artikels nachzuprüfen. Als Gerücht sei nur erwähnt, daß Trotzki-Bronstein vor Jahren in Berlin gewesen sein soll, bei Gelegenheit einer Operation seiner Mutter. Ferner wird erzählt, daß eine Deputation russischer Rabbiner den Politiker gemahnt haben soll, in Rücksicht auf die voraussichtlich schlimmen Folgen für seine Glaubensgenossen von seinem Unternehmen abzusehen, daß er aber die Erklärung abgegeben haben soll, es sei seine erste Pflicht, dem Vaterlande zu dienen. * Aus den. „Nachrichten der Auslandspresse" vom 11. Dezember entnehmen wir folgendes. Sie sind im Augenblick besonders aktuell, da seit einigen Tagen Jerusalem sich in den Händen der Engländer befindet. Englands Pläne in der Türkei und der Zionismus. Nach den „Times" vom 3. Dezember fand in London eine große jüdische Versammlung unter dem Vorsitz von Lord Rothschild statt. Es wurde der englischen Regierung der Dank dafür ausgedrückt, daß sie in Palästina ein nationales Heim für das jüdische Volk schaffen wolle. In der Versammlung sprach auch Lord Robert Ceeil, der die Sympathie der englischen Regierung für den Zionismus ausdrückt. Der frühere Minister Herbert Samuel erklärte, die Juden in Palästina müßten künftig auch die Rechte der Araber berücksichtigen, ferner die Heiligen Stätten der Christen und Mohammedaner respektieren, und dann dürften sie keinen Versuch machen, eine politische Autorität über die in der übrigen Welt zerstreuten Juden auszuüben. Das Parlamentsmitglied Mark Sykes sagte, er wünsche eine Erneuerung der arabischen Zivilisation in Bagdad, die Befreiung von Armenien und die Wiedergeburt Israels. In der Versammlung sprach ferner Scheich Jsrnael Abdul Akki, den die Türken wegen feiner Teilnahme an der arabischen Nationalbewegung zum Tode verurteilt haben, sowie Vertreter der syrischen Christen und der Armenier. Demselben Blatte („Wirtschaftlicher Teil") von demselben Datum entlehnen wir nachfolgende wichtige Zusammenstellung: Die w i r t s,ch a f t l i ch e Z u k u n f t Palästinas. Ter „Eeonomist" vom 17. November fübrt aus: Bälfours Brief an Lord Rothschild gibt natürlich Anlaß zu der Frage, wie das jüdische Volk, das Gettos zu bevorzugen scheint, vom Ackerbau in einem Lande leben soll, das viel Gebirgs- und Wüstenlaud enthält und nur um ein Drittel größer ist als Wales. Es ist aber viel fruchtbares Land iur Küstenstrich, in der Mittelebene von Esdraela, in den fruchtbaren Tälern von Judäa und Galiläa und am oberen Jordan und darüber hinaus vorhanden. Quellen gibt es reichlich; die zerstörten römischen Wasserleitungen könnten wiederhergestellt werden, und die Aufforstung würde ergiebigere Regenfälle zur Folge haben. Das Klima ist regelmäßig, die Regenzeiten sind sicher, und im regenlosen Sommer fällt schwerer Tau. Getreide wird besonders in Teilen des Küstenstriches, auf der Ebene der Mitte und auf dem vulkanischen Boden des Hauran gebaut; aber das Land ist besonders für den Obstbau geeignet, der auch für gebildete Ansiedler mit mäßigen Mitteln am besten paßt. Jaffa-Orangen braucht man nur zu erwähnen, aber auch Aprikosen, Feigen, Mandeln, Pistazien, Walnüsse und Maulbeeren sind reichlich vorhanden; im Vordergründe aber stehen immer noch Oliven und Weintrauben. Baumwoll-, Zuckerrüben- und Zuckerrohrbau sind durchaus möglich; Weideland ist reichlich da und viele gerbstosfhaltige Rinden sind vorhanden. Salz, Asphalt, Phosphate und verschiedene Chemikalien werden in der Gegend des Toten Meeres gewonnen oder lassen sich gewinnen; Kohle ist bei Sidon vorhanden, ebenso auch Kupfer und Eisen. Fischerei, könnte mit Erfolg an der Küste und im See von Galiläa betrieben werden. Das Vorhandensein von Mineralquellen läßt daran denken, daß das Land als Kuraufenthalt einen Ersatz dafür bieten könnte, daß Deutschland und Oesterreich doch für Jahre den Besuchern aus Westeuropa und Amerika so gut wie verschlossen sein werden. Die Gesamtbevölkerung kann 700 000 sein, während sie in der Römerzeit sechs bis sieben Millionen betrug. Tie 46 jüdischen Kolonien mit ihrem Erwerbslmd Wirtschaftsgenassenschaften, ihren landwirtschaftlichen Schulen und ihrer Versuchsstation scheinen vor dem Kriege floriert zu haben,. Ihre Trauben und Orangen machten den viertelt Teil der Ausfuhr voit Jaffa aus, und wenn auch der Krieg einen Rückschritt in der Entwicklung bedeutet hat, sind doch die Türken wahrscheinlich nicht so zerstörungswütig gewesen wie die Deutschen in Frankreich. Die Arbeitskräfte in diesen Kolonien — eine der Hauptschwierigkei ten, auf die die Kritiker des Zionismus Hinweisen — sind teils Araber, in großem Maßstabe aber Juden aus Rußland, Rumänien und dem Jemen. Bei genügendem Kapital — das die Zionistenorganisationen zum Teil schon schaffen —, bei Beseitigung des Meltaus der türkischen Negierung und bei der bevorstehenden Knappheit an allen Nahrungsnritteln sollte die wirtschaftliche Zukunft eines jüdischen Palästina hell sein. Im Anschluß daran sei folgende Aeußerung des Politikers und Historiker Hans Delbrück wiedergegeben, die er auf Anfrage eines jüdischen Journalisten getan hat: „Wie die Engländer alle Staaten der Welt bis auf die kleinsten mittetamerikanischen Republiken gegen uns mobilisiert haben, suchen sie jetzt auch im Zionismus einen Bundesgenossen gegen Deutschland zu gewinnen. Sie versprechen zwar keinen selbständigen Staat, den der Zionismus ja auch gar nicht anstrebt, aber doch eine selbständige