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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-21 · Heft 51 (21.12.1917) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 51 (21.12.1917)
Date
1917-12-21
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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602 feinem jeden redet, und wir vertrauen, daß das Verständnis für ihre sozialen und vaterländischen Pflichten und Aufgaben in einem jeden erwache. Wir bedürfen jeden Ueberschufses an Kraft, Mitarbeit und reichen Gaben. Familie und Umwelt wirken auf die Gedankenrichtung und die Geistesart der Menschen ein. Mit welchen Ansprüchen an das Leben er auf den Plan tritt, ist häufig genug ein väterliches Erbe oder ein mütterliches Besitzteil. Es ist eine oft ausgesprochene Wahrheit, die nicht eindringlich genug an das Herz sich wenden kann, daß auch die Hoffnungen und Erwartungen mit seinen Fähigkeiten in Einklang gebracht werden müssen, wenn er nicht in leidenschaftlichem Verlangen nach Ruhm, Glanz und Ehre Enttäuschungen und Erschütterungen auskosten will. Nicht jeder ist aus dem Holz geschnitzt, um Bitternisse und Schwierigkeiten im Sturm zu nehmen und zu überwinden. Es ist ein wichtiger Erziehungsgrundsatz, es ist Gewissenspflicht, unsere Jugend zum Maßhalten in ihren Aussichten auf Erfolg zu ermahnen. Das kann niemals eine auf das grob Materialistische gerichtete, das kann nur eine idealistische Erziehungsmethode, die dem werdenden Menschen einen Halt sittlichen Strebens und religiösen Glaubens mit auf den Weg gibt. Geschichte und religiöse Bildungsmittel weisen uns natürliche Wege, die uns vor Maßlosigkeit und Uebermaß streng bewahren. Wäre es nicht eine völlig falsch verstandene Liebe, wenn wir unsere Jugend nicht in die heilsame Zucht der Ueberlieferungen unserer Väter nehmen wollten, wenn lvir sie nicht dem Gotteshaus und dem Gottesdienst mit ihren edlen. Formen und Weihen anvertrauen, die frei und rein und lauter in allen ihren Ausdrucksmitteln, fernab von allen Maßlosigkeiten, uns lehren müßten, in allen Erscheinungen des Lebens, in allen heiteren und dunklen Tagen die Strenge des Maßhaltens zu bewahren. Das neue Geschlecht, das unter den Wehen einer neu heraufdämmernden Zeit heranwächst, hat Anspruch darauf, daß diese Gedanken i'nd Erwägungen im Herzen des deutschen Judentums reifen. In holdem Gleichmaß muß das Leben in seinen mannigfaltigen Verzweigungen bewähren, was die Kraft des gesellschaftlichen Einflusses uns verbürgt, was die Pflicht der Selbsterhaltung verlangt, was die Durchsetzung unserer politischen Ziele zur Notwendigkeit macht. Die Woche. Berlin, 18. Dezember. s will nicht tagen das ist die Signatur der ungewöhnlich dunkeln Winterwochen und der schrecklichen Kriegszeit. Die Waffenstillstandsverhandlungen mit Rußland nehmen zwar einen erwünschten Fortgang (der Waffenstillstand ist nun ans vier Wochen abgeschlossen), aber die inneren Verhältnisse des großen Reiches sind noch gänzlich ungeklärt. Kerenski ist wieder aufgetreten und behauptet, auf seine Regierung nicht zu verzichten; die verschiedenen Parteien bekämpfen sich aufs blutigste und man kann nicht Vorhersagen, welche von ihnen den endgültigen Sieg davontragen wird. Die englischen Angriffe sind siegreich abgeschlagen, die Unterseebooterfolge waren besonders groß und doch verkünden englische Minister, die ganz unverbindlichen Friedensbesprechungen aus dem September d. I. zugestehend, daß die Engländer trotz des Abfalls Rußlands und trotz der Not Italiens entschlossen sind, den Krieg fortzusetzen bis zum Siege und, wie sie sich ausdrücken, bis zur Niederwerfung des preußischen Militarismus und bis zur Erringung der Freiheit der Völker. Uns bleibt nichts übrig, als auf die Zukunft zu hoffen, den Sieg unserer Waffen zu erwarten. Daß dabei das Elend der ganzen Welt fortschreitet, daß unsere inneren Schwierigkeiten sich vermehren, daß die Teuerung ungeheure Dimensionen annimmt — wer wollte dies leugnen? Aber das Vertrauen auf unsere gerechte Sache verläßt uns nicht; die Hoffnung, daß endlich einmal unsere starrsinnigen Gegner von ihrer Verblendung geheilt werden, bleibt bestehen. Wir harren und vertrauen, daß doch endlich einmal das Dunkel schwindet und der Tag anbricht. * Uns war schon längst bekannt, daß der Leiter der gegenwärtigen russischen Regierung, Tro tz ki, Jude sei. Wir trugen Bedenken, davon zu reden, um nicht das Wutgeschrei der Antisemiten zu entfesseln. Da nun aber von anderer Seite der Schleier gelüftet worden ist, so nehmen wir keinen Anstand, folgenden, von einem Russen, geschriebenen Artikel der „Neuen Zeit" (9. Dez.) wörtlich wiederzugeben: Sein berühmtes Petersburger Auftreten in den Revolutionstugen von 1905 ist noct) frisch in meiner Erinnerung. Von Gegnern und tobenden Feinden umringt, die zornig und aufgeregt jede seiner Bewegungen verfolgen, steht er auf der Rednertribüne, äußerlich ruhig und kühl und schleudert Worte, die bombenhast explodieren und darauf abzielen, die größte Verheerung, den ungeheuerlichsten Krieg zu entfesseln — den Krieg von Brüdern gegen Brüder. Und je schärfer, je bissiger und schmerzlicher seine Worte sind, nur so fester, lauter und mit um so rücksichtsloserem Trotze spricht er und doch geht ein elektrischer Strom von ihm aus und löst Begeisterung... Mit Entrüstung und Bewunderung erzählen seine Widersacher von jener gewaltigen Rede, die er in der Nacht des 25. Oktober im Smolnh-Jnstitut gehalten hat: wie er erbarmungslos, einem Propheteil gleich, alle diejenigen brandmarkte. die mit halben Mitteln arbeiten und mtf halbem Wege stehen bleiben, und wie es gleichzeitig in -seinen Augen ausblitzte, wie vom Widerschein der langersehnten Morgenröte, als er den schlichten und lnüden Bolksmassen weite Perspektiven eröffnete: „Es lebe der baldige, ehrliche demokratische Friede!" „Der ganze Boden dem Volke!" „Die ganze Macht den Arbeiterrüten!" „Es lebe die konstituierende Versammlung!" - Kampf und Zerstörung — das war bisher Parole seines Lebens. Nun verkündet er den Frieden: Einen rätselhaften Dämon nenneu ihn die Gegner ... -r- £ * Der jetzige Volkskommissar für auswärtige Politik Trvtzki, oder, wie er von Hause aus heißt: Leo Bronstein, steht etwa im -'18. Lebensjahre. Er ist geboren auf einem Gute bei Rikolajcw als Sohn eirres reichen jüdischen Grundbesitzers. Ter aufgeklärte Baker lies; den; außerordentlich begabten Knaben neben der üblichen jüdischen auch eine gründliche allgemeine Bildung angedeihen. Mit 17 Jahren verließ der energische lebenslustige Jüngling das väterliche Gut, trennte sich, wie er selbst erzählt, nicht ohne Herzeleid von seinen Füllen, Kälblein und Hunden und begab sich nach Nikvlajew, wo er in eine höhere Klasse des Gymnasiums eintrat. Dort machte er die Bekanntschaft einer revolutionären, armen, gebildeten jüdischen Familie Sokolowsky, eine Bekanntschaft, die in sein Leben eine Umwälzung hineintrug. Nun sehen wir beit fähigen, jungen Umstürzler Aufrufe an „Brüder und Schwestern" verfassen, die Sokolowsky bei sich zu Hause abdruckt und heimlich verbreitet. So entsteht in Nikolajew eine revolutionäre Bewegung. Es währte nicht lange, und der Ort kommt auf den Inder „der gefährlichen Städte" und! in einem halben Jahre wird der junge Leo samt der Familie Sokolowsky verhaftet. Bor das Gericht in Odessa gestellt, werden die Angeklagten zur Verbannung nach Snamenka verurteilt, einem kleinen sibirischen Nest im Bezirke Kerensk. Auf dein Wege dorthin trifft in Moskau, dem Kreuzweg der Sträflingskolonnen, der Vater mit dem Sohne znsanunen, um dort von ihm Abschied zu nehmen. Hier teilt Leo dem Betrübten seinen Entschluß mit, sich an Ort und Stelle im Gefängnis mit Fräulein Sokolowsky zu vermählen, die 15 Jahre älter vom als er. Er wendet sich mit seinem Gesuch, an den Gesängnisinspektor, der einen Rabbiner konunen läßt. Ter Vater bittet, die Trauung nicht vorzunehmen. Der junge Bronstein droht, auch ohne diese Zeremonie seinen Entschluß ausznführen. Das wirkt. Ter Vater reist ohne Lebewohl ab. Im April 1901 kommt Bronstein nach Snamenka. Er lebt mit der Familie in einer Bauernhütte, schleppt selber Holz, heizt und kvcht

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