Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-21 · Heft 51 (21.12.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 51 (21.12.1917)
Date
1917-12-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229337--73636-3286130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

81. Jahrgang. Nr. 51 Berlin, 21. Dezember 1917 Allgemeine eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3DI - Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regiernngsrats Professor Br. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-$9, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Masz halten. Von Stadtrabbiner Tr. Behrens (Güttingen). XJlUJUll* _ Die Woche. — Die Inschriften des allen Iuderrfriedhoses in Wien. Von m. d. — „Die 613 Befehle." Bon Dr. Fried mann (Lublinitz). — „Divide et impera." Von Dr. Neumcirk, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Auslandsbibliothek zu Berlin — Feuilleton: Iudenjuuge. Eine Knabengeschichte. Von Edgar Beyfuß - Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Redaktionelle Notiz. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin,^Kattowitz, Kosel, Posen, Dortmund, Frankfurt a. M., Prag, Wien. — Von Nah und Fern. Mgh halten. Von Stadtrabbiner Dr. Behren.s (Göttingen). ie Griechen waren Meister der Lebenskunst. Ihre Tugend der aa^poiiv?], der Besonnenheit und der Bedachtsamkeit, des Gleichmaßes und der Stetigkeit, ist vorbildlich geblieben und weckt Nacheiferung. Sie beherrschte in dem Maße ihr Denken, daß sie mit dem Ansprüche nationaler, betonter Eigenart auftreten konnte. Kunst und Wissenschaft, Bildung und Erziehung, öffentliches und gesellschaftliches Leben kreisten auf ihren Höhepunkten um diesen Gedanken, auf den wir nicht ohne Bewunderung und Neid zu blicken vermögen. Wenn die Kenntnis des klassischen Altertums, um das gegenwärtig ein bemerkenwerter Streit tobt, und das Studium seiner Ideale noch einen Sinn haben soll, dann verlohnt es sich wohl, einmal bei dem Gedanken des Maßhaltens zu verweilen und ihn auf seine Bedeutung für unsere Zeit und für unsere Gemeinschaft mit ihren besonderen Pflichten und Schwierigkeiten zu prüfen. Man sagt unserem Stamme eine besondere Lebhaftigkeit des Temperaments nach, die in erhöhter Leidenschaftlichkeit und Empfindlichkeit, in starker Aufwallung des Blutes sich ausströmt. Wir dürfen es dahingestellt sein lassen, ob darin bloß eine natürliche Anlage oder der Einfluß der Umwelt und der Erfahrung auf unser Gemüt pulsiert. Mit der Feststellung der Tatsache müssen wir uns abfinden, den Schäden nachgehen und ihre heilsame Abwehr erwägen*). Es gehört zum Wesen der Minderheit, daß sie, schärfer beachtet, auf sich achtet und auf Lob wie Tadel nachhaltiger reagiert, daß sie in ihrer Begeisterung überschäumt, in der Strenge ihres Urteils leichtlich den Bogen zu straff spannt. Wir müßten nicht von alter Kultur sein, wenn uns dieser Vorwurf nicht mit Recht treffen würde. Wir brauchen nur in die Kämpfe zurückzugreisen, die im öffentlichen Leben unserer Gemeinschaft unmittelbar vor Kriegsausbruch sich abspielten, um die Mahnungen verständnisvoll zu würdigen, die von unfern führenden Männern an uns gerichtet wurden. Nie darf die Sachlichkeit des Gegenstandes, die Heiligkeit des Ideals verlassen werden, für das h Vgl. die Ausführungen bei. H. Steinthal über „Juden und Judentum", Berlin 1916, S. 18 ff. auf den Plan zu treten für Männer von Herz und Bildung und Wissen sich wohl verlohnt, nie darf der Eifer zum Uebereifer herabsinken, der Streit auf die persönliche Arena hinabsteigen. Die persönliche Ueberzeugungstreue heischt unter allen Umständen männliche Achtung, selbst wenn Gefahr im Verzüge ist, daß auf gemeinsamer Linie die Gegner sich nicht treffen. Jede Partei bedarf zu ihrer Ergänzung schließlich der anderen, sie darf sich nicht dazu hinreißen lasten, den Partner als gemeinschädlich und gemeingefährlich hinzustellen'). Vermag sie nicht die Leistung zu ehren, fo doch gewiß den Willen, der zu den Höhen strebte. Es gibt kaum ein Gebiet unseres Gemeinschastsstrebens, das nicht von dieser Klage widerhallt, und niemand hat wohl unter solchen Fehden mehr zu leiden gehabt als der religiöse Liberalismus, der unbeirrbar seine Straße zieht. Wenn scharfe Worte fielen, so trifft es diejenigen, die bei der Betrachtung seiner Lebensäußerungen die Grenze des Maßhaltens weit übersprangen. Haß und Liebe aber sind schwer zu regulieren, wie die Zeichen der Zeiten uns hinlänglich lehren. Was aber nützen goldene Lehren, wenn sie an dem harten Widerspruch und Widerstand der Dinge scheitern. Die Erziehung zum Maßhalten aber beginnt daheim. Ist die Struktur, ist die Schichtung des deutschen Judentums derartig, daß ihm die Befolgung dieser natürlichen und einfachen'Regel schwer auf die Seele fällt? Die jüdische Bevölkerung setzt sich in reichem Maße aus städtischen Elementen zusammen. Sie ist empfänglich für die Erscheinungen des reichen Lebens, das nun einmal in den Bildungszentren sich entfaltet, für die Schöpfungen der Literatur und Kunst und Wissenschaft, für die Begeisterung, die auf sie einströmt, für das Urteil, das an diesen Stätten gesprochen wird und Gläubige wirbt. So dankbar diese lebendige Teilnahme an den Aeußerungen einer vielgestaltigen Kultur begrüßt zu werden verdient, so bedenklich ist die Einseitigkeit, in die sie zu geraten Gefahr läuft. Denn gewisse Kreise setzen ihren Stolz darein, sich mit mancherlei Bestrebungen zu identifizieren und sich als Vorkämpfer für Errungenschaften einzusetzen, die, aus dem Geist der Zeit entsprungen, mit der Zeit versinken und keineswegs das oft bewiesene Uebermaß der Förderung zu beanspruchen berechtigt sind, wie sie es nur allzuleicht erfahren. Der Ueberschwang der Gefühle darf sich nicht an das falsche Objekt verlieren, sondern muß eingedämmt, in die rechten, maßvollen Gleise geleitet werden, in einer Zeit zumal, die lernen wird, mit all ihren Kräften sorgsam und hauShaltend umzugohen. Wir reden nicht irgendeiner Abkehr von der Kultur das Wort, wir wollen nur verhüten, daß der Geist und die Leistung des deutschen Judentums durch den Mangel des Maßhaltens Schaden nehme. Ernst ist die Sprache, die die Gegenwart zu ') Vgl. Verhandlungen und Beschlüsse der Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland zu Berlin am 9. und 10. Mai 1916, S. 73.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.