Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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.—3 jüdischen Soldaten wurde ein Soldatenheim eingerichtet, zur Unterstützung der Geweindemitglieder, die durch den Krieg in Not geraten sind, wurden bei Kriegsausbruch Mittel bereit gestellt. Zur Unterstützung jüdischer Gemeinden in Ostpreußen wurde für fünf Jahre ein Betrag von 500 Mark bewilligt, der für den Bezirk Ehdtkuhnen- Stallupönen Verwendung finden soll. Den Beamten wurden Kriegsteuerungszulagen gewährt; die Besoldungsverhältnisse wurden entsprechend den für die städtischen Lehrer geltenden Sätze geregelt. Die Versorgung mit Koscherfleisch gestaltete sich infolge des Krieges außerordentlich schwierig. Eingehende Verhandlungen mit den Behörden verhüteten ein gänzliches Stocken der Fleischversorgung und ermöglichten die ausreichende Belieferung zum Pessachfeste. Ein Verzeichnis der in unserer Gemeinde bestehenden Stiftungen, eine Aufstellung der vier Wohltätigkeitsvereine und eine Gedenktafel für die im Kriege gefallenen Gemeindemitglieder vervollständigen den übersichtlich zusammengestellten Bericht. L. Frankfurt a. M., 7. Dezember. Im Auftrag der Zionistischen Vereinigung behandelte am vorigen Samstag abend im vollbesetzten Saale der Frankfurtloge Herr Major a. D. Fr. E. End res das zeitgemäße Thema des Zionismus. Im Namen des veranstaltenden Vereins begrüßte Herr Bankier Wolf die Erschienenen und betonte die Bedeutung dieser politischen Lebensfrage des Judentums, besonders wichtig am Vorabend so ungeheurer Umwälzungen. Major Endres begann nach einem Hinweis auf den bekannten Brief von Lord B ast s o u r an Lord R o t h s ch i l d mit der Erörterung der Frage: Welche Bedeutung hat der Zionismus für die Türkei? Kein Zionist verlangt heute mehr, daß die Türkei sich selbst zerfleischt und zwischen ihre Provinzen Arabien und Syrien sich die Verbindung durch die Bildung eines fremden Staates nehmen läßt. Auch als Bundesstaat innerhalb der Türkei besitzt Palästina für diese einen ungeheuren Wert. Großes haben bisher schon die zionistischen Kolonisten für Palästina geleistet, ihre Kolonien sind die Oasen des Orients. Der Ostjude lebt dort körperlich und moralisch auf, er hat sich derart entwickelt, daß er als Lehrer bei den Türken auftreten kann. Er gewinnt hier Musteranstalten in Fabrikationsmethoden, Genossenschaftswesen, modernem Ackerbau, an die er seine Reformbestrebungen anlehnen kann. Heute besteht freilich noch die Bewegung des Pantürkismus, die aus allen Bewohnern der Türkei Osmanen machen will. Aber dieser Ueberpatriotismus wirb nach dem Kriege einer besonneneren Anschauungsweise Platz machen. Zahlenmäßig könnten im besten Fall sich etwa 2Yi Millionen Juden dort ansiedeln, so daß damit zwar nicht in erster Linie die wirtschaftliche, aber doch die nationale Not der Juden gehoben wäre. Wichtig ist das Eintreten deutscher Politik für die Judenfrage in Palästina in bezug auf den Kampf mit England, das sich im Augenblicke der militärischen Eroberung zum Protektor des Weltzionismus gemacht hat, was ein politisch genialer Schachzug, aber eine Komödie war. Tatsächlich will England Palästina einfach erobern, um es als Glied in der Kette seines Orientprogramms zu verwenden. Amerika hat mit scheinheiligem Auge Englands Politik verfolgt und Wilson sie noch übertrumpft, indem er den Oberrichter B r a n d e i s, den Vorsitzenden der amerikanischen jüdischen Organisationen, beauftragt hat, Material über den Orient zu sammeln, was in politischen Kreisen als dessen Ausersehung zur Vertretung Amerikas bei späteren Friedensverhandlungen angesehen wird. Entgegen all diesen Fanfaren der Feinde bietet die Entwicklung unserer deutschen Regierungsform in freiheitlicher Richtung Gewähr, daß der Antisemitismus nicht zu einem Faktor deutscher Politik werden wird. Auch ein Vertreter der österreichischen Regierung hat das Versprechen gegeben, alles zur Verwirklichung des Basler Programms zu tun, und diese Versprechungen zählen mehr als die englischen. Eine andere Frage ist die der christlichen K u l t st ä t t e n. Die beste Antwort hat der Papst einem Zionisten gegeben: „Wir werden gute Freunde werden." Heute ist die zionistische Bewegung vor allem vor zu großer Ungeduld zu warnen. Unsere Politik bietet den Juden die Gewähr, daß sie nicht vergessen werden, und wird Verhältnisse herbeiführen, die der Entwicklung des Zionismus im Sinne des Basler Programms durchaus günstig sind. Dafür erwartet das deutsche Volk, daß die deutschen Juden deutsche Politik treiben und sich nicht von englischen Verlockungen verleiten lassen, die dazu weiter nichts sind als eine geschickte Maskierung englischer imperialistischer Bestrebungen. — Lebhafter Beifall dankte dem Redner; Herr Bankier Wolf kleidete diesen Dank in warme Worte der Anerkennung. tzollsnL. Den Haag, 7. Dezeruber. Niemand, der in das soziale Problem der Arbeitslosensürsorge Einsicht hat, wird verkennen, wieviel segensreicher als Almosengeben das Beschaffen von Arbeitsgelegenheit ist. Almosen demütigen den Empfänger, Arbeit steigert das Selbstgefühl des Arbeitenden. Dies gilt in besonderem Maße für die jüdische Arbeiterschaft Palästinas mit der ihr eigenen ernsten Auffassung ihrer Pionierpsüchten. Die entsetzliche Not in Palästina ist allgemein bekannt, die Preise für Getreide und andere Lebensmittel sind enorm gestiegen, Krankheiten und Seuchen wüten aufs bedrohlichste, die Entwertung des Papiergelds hat selbst die Existenz von Personen mit gesichertem Einkommen schwer erschüttert. Städtische und ländliche Betriebe sind stillgelegt oder aufs äußerste eingeschränkt. Einem Teil der palästinensischen Bevölkerung kann und soll nun nicht durch Almosen, sondern durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit, durch Notstandsarb eiten, geholfen werden. Es sind dies in erster Linie die in der Landwirtschaft beschäftigten jüdischen Arbeiter Palästinas, die in den Jahren vor dem Kriege bis in die jüngste Zeit hinein in unserem Siedlungswerk die größten Opfer brachten, Opfer an Gut und Blut. Sie haben auch während der schweren Kriegszeit das Land nicht verlassen und trotz kärglichsten Lebensunterhalts und ungünstigster Daseinsbedingungen ausgeharrt. Nun ist es eine Ehrenpflicht der Judenheit, der Arbeiterschaft in Palästina, die keine Almosen, sondern nur Arbeitsgelegenheit verlangt, 31t Hilfe zu eilen. Deshalb war man bemüht, nach Möglichkeit solche Arbeiten zu schaffen, die die Willenskraft und das Interesse des Arbeiters anspannen und aus allgemeinen kolonisatorischen Gründen, zur Ausdehnung bestimmter Arbeiterzweige und zur Produktion von Nahrungsmitteln, für notwendig gehalten wurden. Besondere Berücksichtigung mußte den weiblichen Arbeitern zuteil werden, da sie weit weniger als die männlichen in der Lage waren, sich auf den vorhandenen Großbetrieben und bei Kolonisten Arbeit zu verschaffen und infolgedessen im allgemeinen der Not mehr ausgeseht sind als ihre männlichen Kollegen. Bezüglich der Arbeiter ist bemerkenswert, daß ihr Gros sich im Gegensatz zu der Beweglichkeit vor dem Kriege in den letzten Jahren daran gewöhnt hat, stabil an einem Platze zu bleiben, was im Interesse der landwirtschaftlichen Arbeit recht günstige Folgen gezeitigt hat. Man bedenke ferner, daß die Arbeiter, die es für ihre Pflicht hielten, unter allen Umständen im Lande auszuharren, zu den charakterfestesten zählen, so daß die Hoffnung berechtigt ist, daß wir am Ende der Kriegszeit über einen auserlesenen Stamm von Arbeitern verfügen werden, die eine beträchtliche Anzahl von Jahren hindurch in Palästina Erfahrungen gesammelt haben und sich an das Land gebunden fühlen. Es er w ä chst daher a l l e n a n P a l ä st i n a I n t e re s s i e r t e nd i e besondere Pflicht, die Existenzbedingungen dieses wertvollen B e v ö l k e r u n g s e l e m e n t s m ö g l i ch st z u erleichtern, damit diese Vorhut für die großen Arbeitspläne n ach Fr i e den s sch'l u ß e rha l t e n bleibt. Es wurde von der NF.-Verwaltung im Einvernehmen mit der Vertretllng der Arbeiterschaft ein großer Plan für die Durchführung von Notstandsarbeiten im laufenden Wirtschaftsjahr (5678) ausgestellt, die Barausgaben in Höhe von ca. 2 60 000 Francs in Gold bedingen, von den Aufwendungen des INF. auf seinen Ländereien abgesehen. Die Arbeiten sollen insgesamt rund 760 Arbeitern zugllte kommen, wovon 260 31t Gemüse- und Ackerbaugenossenschasten zusammengeschlossen sind, während die anderen 500 Lohnarbeiter in den judäischen Pflanzerkolonien sind. An die Gemüse- und Ackerbaugruppen sollen einjährige Betriebskredite, ferner an Kolonisten in Judäa Arbeits- (bzw.' Lohn-) Kredite bewilligt werden. — Bei den Ackerbaugruppen werden sich einige Kolonien und der Palästinaarbeiter sonds bzw. die Arbeiter selbst mit Inventar und Betriebskapital beteiligen. Bei den Gemüsebaugruppen in Galiläa und Judäa ist der Anteil der Mädchen sehr stark und der Betriebsvorschuß soll zumeist vom INF. allein gewährt werden. In Judäa erscheint es am zweckmäßigsten, Arbeitsgelegenheit durch Kreditgewährung an die Kolonisten zu schaffen, die sich infolge der Krise größte Beschränkung in der Wirtschaftsführung auferlegen. Mehr als 800 Lohnarbeiter in Judäa sind