Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229336--73631-3286124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin, 14. Dezember 1917 81. Jahrgang Nr. 50 Der Gemeindevote. Vetlsge zur „ANgemetnen Leitung üeß Judentums Sorrrlpsndtnrrn und Oschrichtm. SkUtschlsnd. E. M. Berlin, 11. Dezember. Die Tugendlehre der j ü d \ sche n Ethik behandelte Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen in einem Vorträge am 6. d. M. im Verein s ü r jüdische Geschichte und Literatur. Von dem Sähe ausgehend, daß es nur e i n Sittengesetz, aber viele Tugenden gibt, führte Cohen aus, daß fckon im Talmud sehr interessante Versuche angestellt sind,- um die Mannigfaltiakeit der Tugenden zu beschreiben. Der hebräische Terminus „Maaloth" bezeichnet die Tugenden als Stufen zur Höbe des Lebensideals. Hier erscheinen also die Tugenden als Mittel der Entwickelung zur Sittlichkeit. Unter den vielen Stufen ist als erster Wegweiser für den Kulturmenschen die Kardinaltugend der Wahrhaftigkeit Ul bezeichnen. Die religiöse Sittenlehre eröffnet den: Menschen erst das Verhalten zur Wahrheit: Gott, das Urbild aller Wahrheit, zu erkennen, ist sittliche Pflicht. Die Läuterung des Herzens, die wir erflehen, erstrebt als Ziel, dem Gott der Wahrheit zu dienen. Aus dieser Quelle stammt auch der Eifer der Propheten wider den falschen Gottesdienst. Unser Bekenntnis i st k l a r und unzweideutig, es i st kein Mh ster iu m , sondern s ch lichte, e h r l i che W a h r h e i t. Aus dem Bekenntnissatz ergibt sich die fundamentale sittliche Bedeutung der Wahrheit für unsere religiöse Gemeinschaft. Aus dem 15. Psalm, der einen erhabenen Moralkodex im kleinen darstellt, ist in das tägliche Gebet das Wort ausgenommen: „Wer Wahrheit sinnet in seinem Herzen." Durch die bier erhobene Forderung, die Wahrheit zu bekennen, ist das Gebet über den Psalm hinausgewachsen, denn erst der Mut zum Bekenntnis der Wahrheit gibt die Kraft zur Wahrhaftigkeit. Die Wahrheit ist jedoch nicht der einzige.Weg zur Höhe: vielmehr bedarf jede Tugend der Ergänzung durch andere „Stufen". Unter dem Verzeichnis der Maaloth, welche der Talmud in sehr bedeutsamer Weise aufstellt, nimmt die Demut vor Gott und die Bescheidenheit vor den Menschen einen höchst bedeutsamen Platz ein. Bescheidenheit, der die Selbstachtung verbleibt, ist keine Selbsterniedrigung, sondern eine Erhöhung: die Demütigen sind das wahrhaftige Charakterbild des vollendeten, des messianischen Menschen. Die dritte Tugend ist die Gerechtigkeit, sie ist eine der Hauptsachen des menschlichen Lebens und nimmt bezeichnenderweise unter den sieben noachi bischen Gesetzen die erste Stellung ein. Die Gerechtigkeit bedarf der Ergänzung durch die Milde und die Wahrhaftigkeit: Zedaka bezeichnet beide Tugenden, sie ist der Ausgleich für das Unrecht, das der Arme und Rechtlose erfährt. Rach geistvollen Ausführungen über die Treue, den Messianismus und den Frieden des einzelnen und der Gesamtheit schloß- Geheim rat Eohen seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß die Tugendwege, die uns unsere Literatur eröffnet, und die uns auf den Dornenpfaden unserer Wanderungen begleitet haben, uns zu dem großen letzten Ziele führen werden. — Die zahlreich erschienene Zuhörerschaft folgte den Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit und spendete dem greisen Vortragenden reichen Beifall. E. M. Berlin, 11. Dezember. D i e Generalversammlung des Vereins Mädchenhaus Pankow fand am 9. d. M. im Hause der Vereinsvorsitzenden, Frau Geheimrat L o e w e, statt. Der Verein, der satzungsgemäß arme deutsche Mädchen jüdischen Glaubens, vornehmlich Waisen, aus allen Teilen Deutschlands aufnimmt und sie zu Hausbeamtinnen erzieht, hat im verflossenen Jahre 29 Mädchen betreut, von denen neun eine Berufsstellung annahinen. Seit der Begründung der Anstalt sind insgesamt 393 Zöglinge ausgenommen worden. Die große Teuerung der Lebensmittel und aller anderen Bedarfsartikel hat die Lage des Vereins ungünstig beeinflußt. Den regelmäßigen Einnahmen von 15 300 Mark, die aus 8200 Mark Mitgliederbeiträgen, Zinsen im Betrage von ^200 Mark und 3900 Mark Unterhaltnngsbeiträgen bestehen, standen laufende Allsgaben im Betrage von 27 600 Mark gegenüber, so daß ein Fehlbetrag von etwa 12 000 Mark entstand. Von den Gesamtausgaben entfallen auf jeden einzelnen Zögling im Berichtsjahre 969,29 Mark (Vorjahr 769 Mark), die täglichen Verpslegungskosten betrugen im Berichtsjahre auf den Kopf 1,29 Mark (Vorjahr 91,50 Pfennig). Das Defizit wurde durch große Zuwendungen von Mitgliedern und Gönnern des Vereins gedeckt. An größeren einmaligen Beiträgen waren zu verzeichnen: 5000 Mark von Herrn Josef G a r b a t h - R o f e n t h a l in Pankow, 1000 Mark von Herrn Leutnant Rudolf S. Mosse, 3000 Mark von Herrn Kommerzienrat E i s n e r und 2000 Mark von Frau Gertrud M o s s e. Nach Schluß des Berichtsjahres gingen weitere 5000 Mark von Herrn Josef G a r b a t h - N o s en th a I und 10 000 Mark von Herrn Direktor M a n k i e w i c z ein. Die Zahl der Mitglieder ist im letzten Jahre von 469 auf 493 gestiegen. Die Generalversammlung wurde durch den Geschäftsbericht eingeleitet, den Justizrat Makower erstattete. Dem Bericht folgte eine lebhafte DisfufiftO'it über die Frage, ob der im Vorjahr gefaßte Beschluß, keine Mädchen im schulpflichtigen Alter au szu nehmen, in Zukunft wieder außer Kraft gesetzt werden kann. Frau Vankdirektor Mank i e w i cz trat lebhaft für die Ausnahme von schulpflichtigen Mädchen ein, doch wurde der diesbezügliche Antrag mit Rücksicht auf die finanzielle Lage des Vereins abgelehnt. Die von Herrn Rechtsanwalt Dr. Heinrich Veit Simon namens der Rechnungsprüfer beantragte Entlastung wurde einstimmig gewährt. Bei der sodann vollzogenen Vorsiandswahl wurden die satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder, Frau Gertrud Mosse und die Herren Albert S e l i g s o h n, Otto Pariser, Rechtsanwalt V e i t S i m o n und Direktor L i p s ch i tz, wiedergewählt. — An die Generalversammlung schloß sich eine Sitzung des Vorstandes, in welcher sich derselbe konstituierte: zum Vorsitzenden wurde Frau Geheimrat L o e w e, zum stellvertretenden Vorsitzenden Kommerzienrat E i s n e r, Waisenbausdirektor Grunwgld zum Schriftführer und Justizrat Makower zum Kassenwart gewählt. £<*> Berlin, 11. Dezember. Nachdem am 28. Januar d. I. bei einer Zusammenkunft der jüdisch-liberalen I u g e n d v e r - eine Berlin, Breslau. Posen, Hamburg die Begründuna einer Arbeltsgemeinschast beschlossen worden war, trat am 13./14. Oktober deren erster Delegierten tag in Breslau zusammen. Unter der Leitung ihres Vorsitzenden, des Generalsekretärs der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Herrn Rechtsanwalt 6 e i n r i ch Stern (Berlin), wurde in einer dreistündigen Abendsitzung und in einer sechsstündigen Tagessitzung viel und gute Arbeit geleistet. Die Satzungen der Arbeitsgemeinschaft wurden nach einem Entwurf des Berliner Vereins mit einigen Abänderungen, die die Breslauer beantragt hatten, angenommen. Für den grundlegenden 8 1 wurde folgende Fassung gewählt: Die Arbeitsgemeinschaft der iüdischliberalen Jugendvereine bezweckt die Förderung der Interessen der in Deutschland bestehenden jüdischen Jugendvereine, die im Judentum eine Religionsgemeinschaft erblicken und den Entwicklungsaedanken im Judentum anerkennen (jüdisch-liberale Jugendvereme). Von dem Geist wahrer, positiver Arbeit am Judentum, die sich aus den Gedanken des Fortschritts und der geschichtlichen Entwicklung stützt, waren die Verhandlungen der Tagung durchweht. Das zeigte der Tätigkeitsbericht, den.Herr Walter Cohn (Breslau) gab, und das zeigte besonders das Referat des Herrn Robert Hirschfeld (Berlin) über das Verbandsthema: „Wie gewinnen wir die schulentlassene Jugend?" Er legte seinem Vorträge Leitsätze zugrunde, deren erster lautet: Die jüdisch-liberalen Jugendvereinc wollen die schulentlassene Jugend zu jüdisch-liberalen (religiös-fortschrittlichen) Persönlichkeiten heranbilden, die nicht in der Abstreifung alles Jüdisch-Religiösen und in der Gleichgültigkeit dagegen heranwachsen, sondern die an der Weiterbildung des Judentums bewußt teilnehmen. Darum müssen wir sie über den Inhalt und den Wert des fortschrittlichen Judentums belehren. Dieses Ziel soll nach der Ansicht des Vortragenden besonders dadurch erreicht werden, daß die schulentlassene Jugend im Hebräischen, in jüdischer Geschichte und Apologetik unterrichtet und zur verständnisvollen Beobachtung religiöser Formen im Sinne des fortschrittlichen Judentums hingeleitet wird. Zur Vorbereitung und Unterstützung ff Vi ü -i