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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-14 · Heft 50 (14.12.1917) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 50 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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„Mach dr doch kein Kummer, Moritz, de Hauptsache is doch, daß du mit er glücklich lebst." Ich horche atemlos. Einmal muß Vater früher Sehnsucht und Reue überkommen haben über die Entfremdung zwischen ihm und den Geschwistern, er muß sich über Mutter beklagt und Tante Phine muß ihm gut zugeredet haben. „Nu, freilich is es schade, Moritz. Obs schade is! Aber das is doch nich anders. Dein Jeanettchen is doch mal nich derfor. Nee, nee, nee, Moritz. Nich Widder iewer de Schwelle! Zum zweiten Mal zeigt mer keiner en schief Ponim. Ich will bekowet ausgenommen wern als Gast. Ob da nu Samtgardinen an de Tieren sin oder nich. Nu, nu, redt nich." Ihr Gesicht hat einen horchenden Ausdruck, und wird nun wieder mitleidig besänftigend: „Moritz, dein Kind, deine Trude, — hundert Jahr soll se alt wern in Zimches — die hat alles wieder gilt gemacht. Nu soll ich doch noch neben dir- Moritz!" Das klang, als ob sie ihn rufe, und dann, zitternd, weich: „Es hat mr zu weh getan, daß wr so auseinandergekomm sin, grad wir beiden, ich — Hab mich nach dr gesehnt, —■ sechs Geschister Hab ich gehabt, aber du warst mein Lieblingsbruder, — ich Hab mich nach dr gesehnt mein ganzes Leben lang." Sieht sie denn, daß ich die Tränen nicht zurückhalten kann? Daß ich unhörbar in nrich hinein weine? „Deine Trude is en Goldkind. Se macht alles wieder gut!" Ihre Worte verlieren sich ins Undeutliche, ich höre die Namen „Zerlinchen" und „Moritz" und andere, die nicht mehr sind. Nur schmerzlos soll sie liegen, nur schmerzlos und ruhig. Aber nein, der Atemmangel reißt sie aus ihren Träumen, und die Not fängt von neuem an. „Was soll aus meiner Rosel wern?" Ich springe zu, ich rede auf sie ein, — sie hört meine Trostgründe gar nicht. Nur einzelne Worte sängt sie auf, und sie geben ihr Anlaß zu neuem Aengsten: „Was heißt das: einmal bei die, un einmal bei die. Einmal bei Paulan un einmal bei euch?" jammert sie händeringend. „Wenn se dein einen im Wege is, dann geht se zum andern, un der schmeißt se Widder raus, wenn sen zur Last is." „Nee, nee, nee", schreit sie plötzlich auf, „der Dritte taugt nich in ene junge Ehe. Nich zu Paulan! Entweder er ises fünfte Rad am Wagen, oders is anders un dann erschtrecht nich richtig. Die zwei jungen Leute haben mit sich zu tun, daß se sich mitcnander einleben." „Ja, Tante, die jungen Leute!" sage ich so laut und bestimmt, daß die drei, die sicher hinter der Tür angstvoll auf jeden Ton lauschen, staunen werden, aber ich muß ja diesen lauten Jammer übertönen, muß mir Gehör erzwingen. „Tante, hör ,nal zu." Mein fester Ton hat etwas Weckendes und Beruhigendes zugleich für sie, ich merke es. „Tu hast ganz recht, die jungen Leute müssen für sich sein. Wenn du mal über hundert Jahr die Augen schließt" — sie macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Wozu noch die Umstände, heißt das. Hier ist nichts mehr zu verschleiern. „Dann kommt die Rosel dauernd zu uns", sage ich fest und ohne Rührung. Ich stehe neben ihrem Bett und habe mich ganz über sie gebeugt, „als unser fünftes und ältestes Kind. Hörst du, Tante? Mein Verlobter bringt mir vier Kinder mit in die Ehe. Darf ich da nicht auch eins mitbringen, ein großes, wohlerzogenes? Das längst aus dem Gröbsten heraus ist? Ich weiß, er wird mit Freuden ja sagen. Er wird froh sein, daß er an meinem eigenen zum Vater werden kann zum Dank, daß ich an seinen vieren Mutter werden will, — Unsinn, daß >vir an unseren fünfen Eltern werden wollen" — verbessere ich mich. Ich habe zuletzt leiser, sanfter gesprochen. Sie hat mich doch gehört, sie sieht mich an mit großen, horchenden, verstehenden Augen, in denen es nunmehr wie Frieden und Glück aufglimmt. Ihre zitternden Finger greisen nach meiner Hand. „Ja, so?" sagt sie leise nickend und in ihrer matten Stimme bebt verhallendes Glück. „Ja, so, ja, wenn de's so meinst. Wie wird se ’% haben, de Rosel, wie wird se 's haben!" immer glücklicher wird ihre Stimme und sie nickt traumhaft selig dazu. „Wie ne Prinzessin wird se 's haben." Und dann nach einer Weile: „Ich hält Truden und Paulan doch noch so gern unter de Chuppe geführt", aber das klingt friedlich, nur wie ein leises Bedauern. Und dann leise, beruhigt, nachdem sie noch einmal zärtlich all unsere Namen genannt hat. „Alles is gut-" Ich rufe die drei herein, denn ich sehe, Tante Phines letzte Augenblicke kommen. Ich darf die Ehre nicht allein haben, sie kommt auch ihren Enkelkindern zu. * Eben hat Rosel angstvoll aus dem Schlaf „Großmama" geschrien, dann „Tante Trude", aber als ich sie küßte und weich ihren Namen rief, schmiegte sie ihr heißes Gesichtchen, das naß von Tränen war — sie mag im Schlafe geweint haben — wohlig an mein Gesicht und schlief dann gleich friedlich wieder ein. So will ich nun immer bereit sein, daß eins von meinen Kindern mich ruft und ich es beruhigen muß. Zum Tagebuchschreiben werde ich nun keine Zeit mehr haben. Tagebücher sind etwas für Einsame; Mütter haben Besseres zu tun. Schon morgen und übermorgen ist viel zu erledigen, ehe Julius und Salomons und die anderen Verwandten kommen. Martin kann sicher nicht hier sein. Darunter wird Paula schwer leiden. Die Kinder sind zu ratlos, als daß man ihnen viel zumuten könnte. Ich will mir einen Besorgungszettel schreiben: Zuerst —, das Blattgewinde für Vaters Bild erneuern; dann — — — ich kann nicht mehr heute. Meine Lider sind so schwer von den vielen Tränen, sie fallen mir zu. Ich will mich neben mein Töchterchen legen und schlafen. Mistellcn. Aus einem Briefe von Adelheid Zunz. Geh. Hofrat Prof. Tr. Ehrenberg in Rostock teilt mir folgende zwei Stellen aus einem Schreiben von Adelheid Zunz an Pros. Dr. Ehrenberg in Wolfenbüttel vom 19. 8. 52 mit: Ein Bruder von Heine hat uns mit seinen Besuch überrascht. Ein russischer Stabsarzt, ein Hosrat in Uniform, wer sollte ihn erkennen? Er kommt aus Paris, wo er seinen Bruder besucht hat, der zwar gelähmt, aber nicht so krank ist, wie die Schriftsteller ihn beschreiben. Ferner in demselben Brief: Ich habe jetzt die Schmerzen mit Zunz zu tragen, der Arm tut ihm weh. Doch der geistige, der nicht seinen Arm, sondern sein ganzes Sein einnahm, die tragen sich schwerer noch. Ich gehe auch selten von ihm, kann er doch gegen mich klagen? Beide Stellen sind hoch bedeutend, die erstere wegen der allerdings wohl nicht ganz zutreffenden Bemerkung über H. Heine, die letztere wegen der Charakteristik von Zunz' Stimmung. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese einerseits bedingt hieße durch die prekäre Lage des großen Gelehrten, die den Mann schwer bedrücken mußte, der damals beinahe die Sechzig erreicht hatte, anderseits darin, daß er unter der damals besonders drückenden Reaktion schwer seufzte. L. 0.

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