Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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arbeiten mußten, wo sie Arbeit finden konnten. Trotzdem sahen sie nicht wie ein erniedrigtes Volk ^aus; sie waren still und ordentlich; ich.sah nichts von Trunksucht oder Roheit wie im irisch-amerikanischen Viertel. Ich sah keinen Polizisten." Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) ch bin so froh, daß das Kind — mein Kind nun, mein Aeltestes — schläft. Die jungen Airgen sind das Weinen nicht gewöhnt, die Tränen haben sie schwer und müde gemacht. Ich habe schon mehr im Leben geweint. Und doch — sind mir die Tränen schon einmal heißer, wehmütiger geflossen? Verzeih, Vater, aber ich weiß es nicht. Mir ist es, als habe ich mit deiner Schwester dich noch einmal verloren. , Wer hätte das alles gedacht! Sv schnell, so plötzlich nun doch noch nach allen Vorzeichen! Und dasselbe mögen jetzt Paula und Benno durchsprechen und sich nach mir und Rosa sehnen. Wir möchten uns jetzt alle viere immer zusammenducken in unserem Kummer. „Ich lasse die Türe zu deiner Stube offen", hat Paula gestern abend gesagt, und Benno hat einverstanden genickt. Run werden sie eingehenkelt hin und her gehen durch die beiden Stuben und von der Toten sprechen. Ich weiß nicht, wie ich gestern früh um fünf in meine Kleider und dann in der Nachtdroschke in die Karlstraße gekommen bin. Als die Haustürglocke schellte und ich in der tiefen Finsternis aufschreckte, fuhr es mir sofort durch mein heftig pochendes Herz: Tante Phine! Ja, ja, unten stand der Bote. Ich möchte so schnell wie möglich in die Karlstraße kommen, Frau Sternheim sei nicht ganz wohl. Nicht ganz wohl? So war sie bei Besinnung, die Gute. Die Bestellung kam von ihr, von ihr persönlich. So kommt es keinem immer zuerst in den Sinn, den Schreck des andern zu mildern durch vorbeugende Abschwächung. Mehr als das Klingelzeichen der Nacht erschreckte mich der Anblick, der sich mir bot, als ich leise — seit unsere Gute so oft krank war, besaß ich Korridor- und Hausschlüssel für dort — die Tür öffnete. Die drei Geschwister, die ich so oft miteinander im Streit, mindestens aber immer in zwei streitbare Parteien getrennt, gesehen hatte, — standen dicht umfaßt im Korridor, immer eins die Arme um des andern Schulter, der lange Junge mit dem hilflos blassen Gesicht und den roten Augenlidern in der Mitte. Die drei erwachsenen Menschenkinder kamen mir vor wie drei Küchelchen, die sich angstvoll zusammenducken, weil die Henne ihnen genommen werden soll. Sie verstanden die Frage in meinem angstvollen Blick. Ich hätte sie auch nicht aussprechen können. Nicht einmal aussprechen! Und nun ist es doch so gekommen. Paula schüttelte den Kops und wies nach Tantes Zimmer. „Allein?" fragte ich erstaunt. Sie nickte und zuckte die Achseln: „Sie hat uns rausgeschickt. Wir sollen uns schlafen legen". Ein bitter gerührtes Lächeln huschte bei dem Wort um ihren Mund. Schlafen legen! So sah die Nacht aus. „Immer bedauert sie uns, daß wir um den Schlaf kämen- Das geht nun schon die ganze Nacht so. Und dich durften wir auch nicht rufen lassen. Erst gegeü Morgen verlangte sie nach dir". Ich fand Tante maßlos aufgeregt. Sie hatte schon sehnsüchtig aus mich gewartet. „Was soll wern?" schrie sie mir in ungedämpfter Angst entgegen und rang die Hände so heftig, daß mich die Vergeudung ihrer armen Kräfte dauerte., „Was soll aus der Rosel wern? Das Kind bleibt mer verwaist zurick. Was soll aus er wern?" — Ich konnte sie gar nicht beruhigen, mir gar kein Gehör verschaffen. Das Pulver, das ich ihr zurechtrührte, stieß sie wie - zornig von sich. Sie sagte nur immer wieder das eine und rang verzweifelt die Hände dabei. Oder hatte sie das Wort „Bruder" doch gehört? Wie in Zorn und Spott schrie sie: „Bruder! sage mer blos „Bruder". Was is e Bruder? Wenn er sich heute verheirat, gehert er seine Frau, und noch zehnmal mehr die Schwester von seine Frau, als seine eigne Schwester. Und wenn er sich nicht verheirat, kriegen fremde Leute Einfluß aufen. Was hat de Schwester von Bruder? Wennsen schlecht geht, de Geseires; wennsen gut geht, nischt." Mir stockt das Herz. Was kommen Tante für Gedanken? Was für Erinnerungen? Sie sieht jetzt ruhiger aus. Der Atem geht kurz und pfeifend. „Redt nich, Moritz!" Ich rühre mich nicht. Wo ist sie jetzt? Wo gehen ihre Gedanken hin? Ihre Stimme klingt, als wolle sie jemand beruhigen, nicht mehr angstvoll zornig: „Das is doch nich anders, Moritz. Se is doch deine Frau. Was willste mehr. Und se hat dich immer bekowet gehalten. Du warst en blutarmer Junge, un sie war de Tochter von Rosenberg Sehne". — Ach, Tante, Tante, klage Mutter nicht so furchtbar an. Ich kann es nicht hören. Jetzt sieht sie mich wieder mit großen, wehen Augen an, aber sie spricht ruhiger als vorhin. Gott sei Dank, es geht nicht wieder so grausam her über das arme, gepeinigte Herz. Es ist, als erzähle sie etwas: „Der gute Ort, wo mein Zerlinchen mit ihren Mann ruht, ist seit drei Jahren voll. Nu hat de Stadt en neuen Platz missen hergeben an de Gemeinde. Da waren ewige Verhandlungen. Paulan ihr Schwager, der Dr. Salomon, hat sich missen de Finger wund schreiben. Endlich ham se einen yergegeben, grad de entgegengesetzte Seite, un nu wieder ne Stunde von Ort. Se kenn se doch nich weit genug von sich tun, de Juden, im Leben wie im Tode." Tante, Tante, womit beschwerst dir dir noch alles deinen armen Kopf! Schone ihn doch, ihn und dein krankes, gequältes Herz! „Ich mecht nich in Roschmin beerdigt sein, Kind", fährt sie fort. „Ich liege da so alleine wie iberall. Auf den alten, guten Ort, wo meine Leute liegen, is kein Platz mehr. Da nich un in Schildern auch nich." Ich wage mich nicht zu rühren. Was soll, was soll ich nur darauf sagen? Sie beruhigen? Nein, nein. Sie spricht friedlich, fast wie im Traum. Ich könnte neue Sorgen wecken. Da, eine Frage: „Kind, was wird nu aus den Platz neben deine seligen Eltern? Du gehst doch nu, Gott sei tausendmal gelobt, zu deinen guten Mann und zu deine neue Familie." Ihre Stimme zittert wieder leicht gerührt. „Kanßte den wohl an de Gemeinde zurückgeben?" „Der Platz neben Vater, Tante?" Ich versuche zu sprechen als rede ich von ganz Fernliegendem und darum völlig Gleichgültigem: „Nein, nein, der bleibt in der Familie. Wenn du mal über hundert Jahr —" „Kind, ich soll? — neben meinen Bruder --" habe ich sie doch aufgeregt? Ihre Blicke verlieren sich schon wieder ins Weite, ins Traumhafte. „Nu doch noch, Moritz", sagt sie I wie verklärt, „nu doch noch".