Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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dabeigestanden hatte. Hmter der beißenden Ironie versteckt sich ein warmes, verstehendes Harz. Der Artikel, welchem die hier gegebene Schilderung entnommen ist, sängt mit dem Bericht über einen Besuch in dem Amerikanerarmenquavtier an. Wir lassen aus diesem die Schilderung der sür beide Quartiere so charakteristischen Wohnung folgen. „Der Freund, welcher mich aus diesen Besuchen begleitete, führte mich erst durch die gewöhnlichen Straßen des Viertels, aber bog Plötzlich in ein sehr schmales Gäßchen ein. Dieses kroch zwischen den schmutzigen Häusern dahin und mündete in einen Hof, der von kleinen, sehr alten Häusern umgeben war. Eins von den Gebäuden war ein Stall, dar seinen reichlichen Beitrag von Gestank zu den anderen Dünsten, die vom Hose heraufstiegen, lieferte. Dieser Hof ist die einzige Stelle, woher die Einwohner der Häuser Sonne und Luft bekommen können. Ich getraute mich nicht, mir vvrzustellen, wie es hier im Sommer sein müßte. Als ich aber die gebrechliche Treppe hinaufstieg und mich in einer typischen New Dörfer Armenwohnung befand, wurde ich beinahe erwürgt bei dem Gedanken, was eine heiße Nacht und ein heißer Tag auf einer solchen Stelle bedeuten müßten. Die schreckliche Lust vom Hofe kommt durch zwei kleine Fenster hinein und wird aus der Wanderung durch das Wohnzimmer noch schlechter, bis sie das schwarze Loch erreicht, wo die Familie auf einem Haufen Hadern, die Betten varstellen sollen, schläft." „Ich weiß nicht, ob das Judenviertel schlimmer oder besser schien als das amerikanische, aber ich wurde mir Plötzlich klar über eine Veränderung in mir selbst, über welche nachzüdenken ich dein Leser überlasse." „Nach kurzem Aufenthalt erscheinen einem die Zustände nicht mehr so schrecklich, wie sie in Wirklichkeit sind. Ich habe die Zustände bald als normal betrachtet, nicht für mich oder meinesgleichen, wohl aber für die Bewohner der Löcher, in denen ich mich besand. Vielleicht waren sie zum Teil selbst daran schuld; sie lebten, wenn nicht geduldig, so doch ohne Klage in Verhältnissen, die im Laufe einer Woche die besten Männer in Anarchisten verwandelt hätten. Vielleicht sind die armen Menschen selbst nicht so durchdrungen von der Ueberzeugung der Ungerechtigkeit ihres Schicksals wie der mitfühlende Beobachter. Jedenfalls kennen sic nicht das bessere Schicksal anderer und tragen ihr eigenes aus Gewohnheit. Im allgemeinen war etwas Vergnügtes über den Menschen in diesem Stadtviertel, und sie waren tapfer genug, um sich verhältnismäßig rein zu halten in Umgebungen, wo ich befürchte, daß „bessere Leute" sich kaum ausraffen könnten, das Gesicht zu ivaschen und das Haar zu kämmen. Es war sogar eine gewisse Zierlichkeit in ihrer Kleidung, welche nicht zerlumpt, aber meistens farblos und ungenügend war. — Hier wieder, wie so oft vorher, fühlte ich mich von der heldenmütigen Ueberlegenheit der Menschen gegenüber dem harten Schicksal durchdrungen und ich fühlte wieder, daß, wenn glückliche Menschen verhältnismäßig so gut wären wie diese Menschen im Verhältnis zu ihrem Schicksal, sie wahre Engel sein müßten." „Einer der Orte, die wir besuchten, war ein Hof, wie der im Amerikanerviertel, den ich beschrieben habe, nur etwas kleiner und mit höheren Häusern. Die Pumpe (Wasserpumpe) war in Lappen eingewickelt, um die Kälte fernzuhälten, und das elendige Loch war hier lange nicht so schmutzig. Es war auch kein Stall, aber wir merkten bald, daß der passende Gestank nicht fehlte. Ein wohlgekleideter Mann mit einer großen Uhrkette erzählte uns, daß, wenn der Bäcker im Keller sich etwas ungeschickt beim Brotbacken anstellte, ein erwürgender Rauch Heraufstiege. Keiner der anderen Bewohner klagte diesbezüglich, aber dies kam vielleicht daher, weil sie nur Jiddisch sprechen konnten und dieses an uns nicht verschwenden wollten. Sie schienen weder neugierig noch mißtrauisch uns gegenüber; sie ließen uns überall hingehen, als ob es ihnen nicht einfiele, uns zu hindern. Eine der Wohnungen, in welche wir kamen, war verlassen, aber ein kleines zehnjähriges Mädchen mit einigen kleineren Kindern unterhielten sich dort. Durch einen kleinen Jungen, der sich unser angenommen hatte, erfuhren wir, daß die Kleine nicht die Schwester der anderen war, sondern ihr Kindermädchen. Selbst auf einer so niedrigen Gesellschastsstuse werden noch Unterschiede gemacht. Wir fanden den Keller unter der leeren Wohnung bewohnt und, obgleich es sehr gewagt von den Menschen war, auf einer solchen Stelle zu wohnen, war es hier doch reiner, als man erwarten sollte. Es war zwar nicht sehr hell, und ein Teil des Schmutzes war vielleicht unsichtbar. Eine der lächelnden Frauen, welche zugegen waren, brachte als Entschuldigung vor: „Arme Leute können nicht so sein sein," und sie lachte, als ob sie etwas Spaßhaftes gesagt hätte. Im Raume waren nur ein Tisch, einige Stühle und ein kalter Ofen, aber die Leute waren ganz zufrieden in der Finsternis, die ihnen kaum erlaubte, die Gesichter der anderen zu sehen. Mein Begleiter steckte ein Zündholz an und hielt es vor den Eingang eines Loches, das als Schlafzimmer diente. Ich sah keine Wohnung, die von dieser verschieden wäre. Wenn die Wohnung höher war, so hatten die Bewohner mehr Licht und Lust, aber im Schlafraum war es nirgends besser. Hier war nirgends ein Ofen zusehen wie im Amerikanerviertel, aber alle Bewohner waren v o l l k o m nr e n ge s u n d. Hier ist die kleinste Sterblichkeitsziffer der ganzen Stadt; vielleicht wäre es für die Bewohner besser, wenn sie größer wäre . . . Obzwar ich mich sehr schnell mit allem aussöhnte, war es doch ein fürchterliches Elend, das dort zu sehen war. „Als ich mich zu diesen Besuchen rüstete, versah ich micli reichlich mit kleiner Münze, da ich glaubte, daß ich jedenfalls den Kindern etwas geben müßte; aber ich bekam bald das Gefühl, daß dieses gleichsam hieße, Erniedrigung zu ihrem harten Schicksale 31t fügen. Alle Kinder, mit denen wir sprachen, besuchten die Schule. Die meisten sprachen Englisch, während die Eltern nur Jiddisch konnten. Die jiddischen Laute umgaben mich, als ich wieder auf die Straße kam, die einem Basar glich. Der Ort wird von den Ehristen scherzhaft „Schweinemarkt" genannt, weil man hier alles bis auf Schweinefleisch bekommen kann. Die Trottoirs und die Straßen waren von Krämern überfüllt, und überall sah ich die herrlichsten Typen aus jener alten hebräischen Welt, die Gott kannte und erkannte, als noch die übrigen in heidnischem Dunkel sich befanden. Da waren Frauen mit oväleir Gesichtern und klaren, tiefen Augen, Männer mit langen Bärten, schwarz wie Kohle und weiß wie Silber, und mit dem edlen Profil ihrer Rasse. Nur ungern ging ich fort von hier. Gern hätte ich länger mit diesen Menschen zusammen gelebt, wenn ihre Lebensbedingungen es mir ermöglicht hätten. Gewiße Seiten ihres Lebens waren geradezu anziehend. Die nachbarliche Vertraulichkeit machte einen gemütlichen Eindruck, und wenn das ganze Viertel dem Handel ergeben schien, so war dies nur eine Folge der Not; es wurde mir gesagt, daß viele von diesen Hebräern ganz andere Ideale haben- Sie hoffen, daß das Land, zu dem sie ihre Zuflucht genommen haben, eines Tages sein Versprechen halten werde, so daß alle Menschen dasselbe Recht, das Glück zu suchen, haben werden. Vermutlich sind die meisten russische Flüchtlinge, deren Leben von der Wiege an mit Angst und Sorge erfüllt war, und die