Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ttUt bestätigt, was ihm vertraut ist, aber man sollte meinen, baß ein Buch von solcher sachlichen Klarheit auch -den Gegner zu überzeugen die Kraft hätte. H. St. Chamberlain und die Antisemiten haben sich mit ihrer Rassentheorie die kräftigste und verdienteste Abfuhr zugezogen und mit Recht. Die Rassenfrage in dem Sinne, daß die Arier und darunter wieder die Germanen als vorzugsweise kulturbegabt eigentlich der Welt die echte Kultur erst geschenkt und mithin das Recht auf Herrschaft erworben hätten und daß sie darum die angeblich rassefremden Kultureinflüsse mit Machtmitteln zu bekämpfen und zu unterdrücken befugt wären, ist ein Unding, solange der Nachweis nicht gelingt, daß cs in der Tat eine eigentümlich arisch-germanische Kultur gibt. Da ist es denn schlimm für die Herren, wenn einem das Gegenteil bewiesen wird. Diese arisch-germanische Kultur als Spezifikum ist ebensosehr ein Irrtum wie die arisch-germanische Rasse, welche sie erzeugt haben soll. Wäre es nicht richtiger, wenn wir die Grundlage unserer Kultur im 19. Jahrhundert suchten bei seinem Beginne? Steht dort nicht so etwas wie der Humanitätsgedanke? Und was sagt dieser, richtig verstanden? Daß man das Leben erfassen müsse aus dem Ganzen der Welt, daß der Mensch sich erkennen müsse aus dem Ganzen des Menschentums, nicht zum Zwecke eines kahlen Wissens, sondern mit dem Ziele der geistigen Belebung alles Wandelns und Handelns durch die Erkenntnis; das Gute suchen und das Gute finden; das Gute tun, wenn man es fand, nicht für sich selbst nur, vielmehr wieder für das Ganze, nicht aus einer spielerischen Willkür, sondern unter dem Schwergewicht der Pflicht. Große Ideen verlieren nichts von ihrer Größe, wenn kleine Menschen Kleines daraus machen. Daß die Wahrheit in Irrtum verkehrt werden kann, ist eine alte Sache, aber wenn wir unser Streben und unsere Arbeit betrachten, hinwegschauend über den Streit des Tages, über die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, über die Gegensätze, wie sie die Verschiedenheit der Anlage und Bedingungen im einzelnen bringt, hat sich nicht gezeigt, daß unsere Kultur gerade darum so hoch steht, weil sie mehr wie irgendeine andere fest aus dem Boden des Erkannten sich aufbaut und in ihrem dunklen Drange mit dem Ewiggleichen sich in Einklang zu setzen bestrebt ist? Wenn der frühere Reichskanzler mit gewissem Recht sagen durfte, daß der Franzose nur Franzose, der Brite nur Brite, der Deutsche auch Mensch sei, so soll das nur einen Unterschied des Grades bedeuten. Die Gesamtkultur der Welt wird von den gleichen grundlegenden Ideen getragen, aber in unserem Volke ist sie am meisten wahr geworden; wir sind in dieser Beziehung das erzogenste Volk. Jedem -ist es geläufig, daß die technische Seite unserer Kultur zu der gewaltigen Höhe hinaufgestiegen ist, welche nachgerade der ganze Erdkreis anzuerkennen nicht umhin kann, weil das wissenschaftliche Forschen und die Praxis sich zu einer wunderbaren Arbeitsgemeinschaft zusammenfanden. Daß es mit dem rein Geistigen bei uns eigentlich ebenso liegt, ist zur allgemeinen Ueberzeugung weit weniger durchgedrungen. Es ist das natürlich: das faßbar Wirkliche liegt der Masse immer näher, in der Welt überschauenden Denkens finden sich nur wenige zurecht. Und doch ist es so. Ter Umfang und die Tiefe unserer seelischen Kultur beruhen aus dem gleichen Suchen, die Erkenntnis in Handeln umzusetzen und das Leben geistig und sittlich von innen heraus zu regeln. Die Erkenntnis aber beruht auf der Gründlichkeit, Vielseitigkeit, Wahrhaftigkeit und Treue, mit welcher die deutsche geistige Arbeit sich alles inwendigen Reichtums der Welt zu versichern bestrebt ist; das eben gibt uns die innere Fülle und den Zug ins Universale. Wenn später einmal der Geschichtschreiber den großen Gang unserer Entwicklung klar zu durchschauen in der Lage sein wird, so wird man vielleicht sehen, daß gerade die Mischung vieler uttd verschiedener Völker, die Mischung vieler und verschiedener Anlagen im Laufe der Zeiten auf unserem Boden unter dem Druck der von allen Seiten aus uns cindringcnden Gegensätze un-d unter der Notwendigkeit, bei den schwierigsten Bedingungen uns durchzusetzen, das Geheimnis unserer Leistungen und unserer Kraft, wenn nicht ganz, so doch zu einem nicht geringen Teile erklären. Das, was wir germanische Kultur nennen, beruht als Ergebnis einer schweren und harten Schule auf der Pflicht aller gegen alle, beruht auf der Arbeit, auf dem Verständnis aller Glieder des Volkes, ob Christ oder Jude, ob Preuße oder Bayer, ob Pole oder Däne, und von dieser Seite betrachtet, hat der deutsche Staatsgedanke als eine im Kampfe gewordene höhere Form seine Ueberlegenheit glänzend erwiesen. In dem Staate also, welcher die größten und mannigfaltigsten Widersprüche und Gegensätze aufwies, zeigte sich aus einmal, daß er der am festesten gefügte war. weil er doch schließlich das Recht des einzelnen und das Recht des Ganzen am glücklichsten abzuwiegen verstanden hatte; es zeigte sich, daß das Gemeinsame stärker war als das Trennende, und durch die ganze große Bewegung geht ein Zug von Menschenstolz und Menschenwürde, von menschlicher Güte und Gerechtigkeit, der unser Recht verankert nicht in dem engen Kreise von Sonderinteressen, sondern in der Menschheit selbst. Es läuft auch bei uns neben dem Erhebenden Gemeines unter, wie überall bei Menschen, aber was ist es viel neben dem Schönen? Wie Bücher wirken! Gewiß haben sie ihre Schicksale, und es ist nicht unwichtig, unter welchem Stern sie einem in die Hände fallen. Heute, da einem ins Bewußtsein tritt gewissermaßen die ganze Geschichte unseres Volkes, das ganze politische und geistige Werden, da einem blitzartig Zusammenhänge kommen, an die man früher kaum gedacht, da das Fühlen und Denken sich erweitern muß, weil das große Geschehen nur in einem großen Herzen Platz hat, gibt so ein Buch, das mit einem reichen Fleiße den Spuren des Geschehens nachspürt und dem Entwicklungsgang der Menschheit nachgeht mit einem echten Begreifen, uns mehr als in der Flaue des platten Alltags. Wir sind auf Erleben gestimmt. Die Kultur unserer Zukunft wird deutsch sein, weil sie menschlich sein und auf der Erziehung gesunder, fester, ehrlicher, fleißiger Leute und ausopferungsfähiger, selbständiger, denkenderund gerechter Menschen mehr beruhen wird als bisher. Die Schönheit kommt dort von selbst, wo die Menschen sich frisch und ungebrochen erhalten, in sich selbst und mit anderen das Gleichgewicht suchend. Das ist alte menschliche Weisheit. Gegen die Schacherer und Wechsler, die mit dem Geiste Wucher treiben, gegen diese richte sich unser Zorn, gleichviel in welcher Verkleidung sie auftreten, diesen gegenüber hat selbst Jesus seine göttliche Gelassenheit verloren. Was lehren uns Bücher, wenn sie recht gelesen, was Taten, wenn sie richtig erfaßt werden? Das Buch der Geschichte könnte des Lebens Buch sein. Wann werden die Menschen es ganz verstehen? Von dem Iudenquartier in Mw Zorlu). Von Dr. med. Rainer (Wiesbaden), zurzeit Kopenhagen. olgendes ist die Schilderung eines Besuches im Judenquartier in New Bork von dem bekannten amerikanischen Schriftsteller William D. Howells. Man 'darf sich nicht verleiten lassen zu glauben, daß Howells als kalter Zuschauer *) Merkwürdiges Urteil eines bekannten Schriftstellers über das Iudenviertel von New Jork, wiedergegeben von der dänischen Zeitschrift „Protestantske Tidende" Nr. 12 (1. Oktober 1917), deren Exemplar ich der Güte des Herrn Professor Dr. Simonsen (Kopenhagen) verdanke. Bei der Uebertragung. aus dem Dänischen war mir Frl. Meta Schornstein behilflich, der ich hierdurch verbindlichst danke.