Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Zeitnot/ bei der.beschränkten Auswahl der Nährstoffe, da man den Verdauungsorganen manches Schwerverdauliche zumuten muß, ein gutes Gebiß, eine Gesunderhaltung des Mundes unumgänglich nötig ist, und wie viele weife Ratschläge dafür sich im Talmud (der stets „modern" sei) und im sonstigen jüdischen Schrifttum finden. So ist darin das Salz zur Reinhaltung des Mundes und zur Pflege der Zähne angegeben, so wird immer wieder die peinliche und wiederholte Waschung der Hände verlangt, bevor man sie zum Munde bringt, und besonderer Wert auf die Nagelpflege gelegt, um die Nägel sauber zu erhalten, keinen „Trauerrand" zu dulden und jede Ansteckung durch sie zu vermeiden, so wird das Küssen aus den Mund, namentlich bei Kindern, widerraten, weil es böse Krankheiten übertragen kann, so wird das sorgfältige und langsame Kauen zur Verbesserung der Verdauung (also das allermodernste „Fleischern") empfohlen, so wird „wegen Lebensgefahr" davor gewarnt, aus dem Becher zu trinken, aus dem bereits ein anderer getrunken hat, und dergleichen mehr. Man ersieht daraus, wie nur diejenigen gegen den Talmud eifern können, die ihn nicht kennen und nicht verstehen. Mer auch für die ganze heutige Ernährungsregelung finden sich Beispiele und Vorschriften schon in den altjüdischen Schriften. In seiner ernährungshygienischen Skizze „Das Nährmittelamt nebst Oberbefehlshaber desselben in der Bibel"') zeigt Dr. R a t n e r, mit welchem ihrer Bedeutung angemessenen Ernst die Ernährungs- und Lebensmittelsragen bei verschiedenen Gelegenheiten in der Bibel behandelt werden, und wie man schon zu Pharaos und Josephs Zeiten ein Nährmittelamt und eine Nahrungsmittelkominission mit einem Leiter derselben eingesetzt hat. Da hätten wir also damals schon einen Nahrungsmitteldiktator, ein Spiegelbild der Gegenwart gehabt. Und auch gegen das „Hamstern" wird in der Bibel Stellung genommen. Denn Joseph hat nach dem Midrasch eine Verfügung erlassen, daß niemand nach Aegypten auf zwei Eseln zum Broteinkauf kommen dürfe: ebenso verbot er die Ausfuhr des Getreides auf Eseln von Ort zu Ort. (Heutzutage sehen leider viele den als „Esel" an, der nicht „hamstert".) Jeder Käufer mußte auf seinen Befehl hin beim Eintritt in Aegypten Namen und Familienstand in eine Liste eintragen lassen, was eine Art „Kundenliste" gewesen zu sein scheint. Nach Dr. Rainers Schrift „Die zivile Kriegshilfstätigkeit in der altjüdischen Literatur"') hat es aber in den biblischen Zeiten sogar auch eine Z i v i ld i e n st p fl i ch t gegeben, wenn besonders schwierige Zeiten für das Land eingetretcn waren, wenn es sich um einen Kampf um die Existenz handelte. Sogar die Frauen und Jungfrauen wurden dann für die Kriegshilse herangezogen, und alle mußten hinaus, selbst der Bräutigam vom Hochzeitsgemach weg und die Braut unter dem Traubaldachin. Alle verfügbaren Kräfte, ohne Ausnahme, mußten dann ihre soziale, ihre allgemeine Bürgerpflicht für das Vaterland erfüllen. Wie sagt doch Rabbi den Akiba im „Uriel Acosta": „Alles schon Lagewesen!" Lalle und Kultur). Von Max Hermanny (Köln). as Buch verdankt seine Entstehung einer Erscheinung im Leben unserer Zeit, die so bedauerlich wie abwegig ist, dem Antisemitismus. Es ist zwar eine wissenschaftliche Gegen- 3) Sonderabdruck aus der „Hygienischen Rundschau" 1917. Heft 15. *) Sonderabdruck aus der „Hygienischen Rundschau" 1917, Heft 15. y Zn dem Buche „Moderne Rassentheorien" von Dr. Friedrich Hertz. 2. Auflage. Alfred Kröner, Verlag in Leipzig, 1915. schrift zu H. St. Chamberlains „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts", und das gibt der Sprache den gesunden, belebten Ton, die Schrift selbst aber wächst aus zu 'einer gründlichen Abhandlung über die Frage der Rassen- und Kulturentwicklung. Wichtig genug ist die hier behandelte Frage, und wenn Dr. Hertz verlangt, daß derjenige, welcher über die Menschen- und völkergeschichtlichen Vorgänge der schwierigsten Art zu schreiben unternimmt, sich wenigstens die Mühe gegeben haben müsse, das Erforschte zu kennen, mit ruhiger Sachlichkeit zu Prüfen und sich selbst ein begründetes Urteil zu bilden, ungetrübt durch Leidenschaft und Voreingenommenheit, ungetrübt aber auch durch die Ueberschätzung des eigenen Jchs, so wird jeder Wahrheitsliebende ihm uneingeschränkt beistimmen. Da weiter die Chamberlainschen Theorien mit Absicht auf soziale und Politische Wirkungen abzielen, die zu tiefgehenden Störungen des Gemeingeistes und des Zusammenlebens unseres Volkes geführt haben und noch mehr führen würden, wenn sie weiter Raum gewännen, so ist es gewiß am Platze, nicht im Wege der gewöhnlichen Bücherbesprechung die Hertzsche Arbeit zu erledigen, sondern sie im Hinblick aus die erwartete und kommende Reinigung der Grundlagen deutschen Kulturbestrebens nach dem Kriege mit Ernst zu betrachten; hat doch der Krieg, welcher unser Innerstes aufregt, gezeigt, wie wir nur bestehen können durch Zusammenfassen aller guten Kräfte, durch den einmütigen Willen des ganzen Volkes; er, der jeden an seine Stelle ruft, ohne Unterschied, hat die Meinung wieder bestärkt, daß es notwendig sei, auf dem durch die Not ins Oberwasser geratenen Gefühl der Gemeinsamkeit eine möglichst vollendete tatsächliche Kulturgemeinschaft aufzubauen und das staatliche, gesellschaftliche, geistige und sittliche Leben des Volkes einer noch umfassenderen Durchbildung zu einem freien, gerechten und schönen Gleichgewicht zu unterziehen. Man sagt, idaß die neue Kultur ganz deutsch sein und daß diese deutsche Kultur nach außen entschlossen und geschlossen auftreten solle. Würde es möglich sein, jeden einzelnen Deutschen darüber zu -vernehmen, wie seine Vorstellungen von Kultur beschaffen sind, und was er sich insbesondere unter deutscher Kultur denkt, käme man gewiß auf ein so wunderliches und -buntes Allerlei von Ansichten, daß das babylonische -Sprachgewirr -der Inbegriff von Klarheit i-m Vergleich dazu schiene, und wenn man gar am Handeln des einzelnen die Festigkeit behaupteter Grundsätze untersuchen wollte, auf wie viele Unzulänglichkeiten würde man nicht stoßen? Wie schön säße man bald auf dem trocknen, wenn man ermitteln wollte, was eigentlich gerade das Deutsche an dieser Kultur wäre. Es ist ungemein wichtig, vornehmlich heute, wo der Sinn für die großen Zusammenhänge des Lebens wieder wachgeworden ist, wo wirklich in unserem Volke sich der Glaube durchzuringen im Begriffe ist an seine Sendung in der Welt, wo ihm in seiner Gesamtheit eine Ahnung aufzusteigen beginnt, was es geworden ist und was es weiter werden sollte, -daß man nicht die Arbeit der Zukunft und diese selbst gefährde durch Einstellen auf falscher Grundlage nach innen und nach außen. Wir sind schon vor dem Kriege aus dem Wege eines großen Suchens gewesen, wir verlangen nach dem Kriege die Erfüllung. Derjenige, welcher die Lösung der Lebensfragen für den Menschen in dem Verständnis des Menschlichen begreift, welcher den Zusammenhang alles Seins als die selbstverständliche Voraussetzung der. Kulturentwicklung -an der Hand der Erfahrung und der Geschichte zu betrachten sich gewöhnt hat, wird mit innerer Uebereinstimmung aus einer Fülle von unbestreitbaren Tatsachen dargelegt finden, daß auch das, was wir Kultur nennen, einer langsamen, vielverzweigten und doch alles Endes wieder zusammenlaufenden Kette von Entwicklungsvorgängen seine Entstehung verdankt; sieht er doch