Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 in der die Türkei unversöhnlich sei, die Frage der Kapitulationen. — Wie dem auch sei, die Türkei wird, falls sie Herr in Palästina bleibt, ihr Verhalten zu der jüdischen Kolonisation, die sie auf Schritt und Tritt behinderte, gründlich ändern müssen. * Das „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlicht den Bericht Nr. 61 des Feldrabbiners Dr. Baeck. Er ist freilich schon vom 14. September datiert, also vor der neuen, durch die russischen Ereignisse geschaffenen Lage. Trotzdem scheint er uns wohl geeignet, das Interesse unserer Leser zu fesseln, weil -er an Sinnigkeit und ernsten, tiefen Gedanken seinen Vorgängern gleicht. Er lautet: In den abgelaufenen vier Wochen habe ich an den üblichen Plätzen und Tagen Gottesdienste abgehalten. Daneben hatten die Verein? barungen und Vorkehrungen für die Feiertage ihre Stunden erfordert, und es wird von der Kriegslage in den einzelnen Gebieten abhängen, wie weit sich alle diesePläne werden ausführen lassen. In den letzten Wochen bot sich wieder öfters das Bild von Truppen, die in Bewegung sind, denen die Spanmrng und die Erwartung des Kommenden im Antlitz steht. Es ist ein Eindruck, der immer wieder fein Neues hat, die langen Reihen zu sehen, die die Straße entlangziehen. Es ist etwas Sprechendes in ihnen; man erblickt sie nicht nur, man meint eine Stimme zu hören, etwas aus ihnen heraus zu Vernich men, wenn auch die Stille über allen liegt,und selbst jeder Schritt int tiefen Sande seinen Laut verliert. Wir fühlen uns ja immer am tiefsten bewegt, wenn das Schweigen zu uns redet, wenn etwas, was wir nur sehen, doch deutlich zu uns spricht. Der Weg, den sie antreten, führt dem Ungewissen entgegen, und selbst sein erstes Ziel bleibt für die meisten zunächst unbekannt. Mer mag es ein Ungewisses sein, so ist es doch ein anderes, ein Neues, und bei allem Ernst klingt eigentlich aus jedem ein froher Mut, eine Zuversicht hervor, weil es ein Weg ist, der sich wieder vor ihm öffnet, ein Weg aus dem Gewohnten, allzu Gewohnten heraus. Es wird nicht immer genügend beachtet, welche seelische Anforderung in den räumlichen Verhältnissen des Stellungskrieges liegt, in dieser Beschränkung auf den immer gleichen Platz, den immer gleichen Horizont, in welchem Auge und Ohr stets nur dasselbe erfahren, wie wenn zwischen gestern und heute und morgen keine Grenze gezogen sei. Siegen ist, zum mindesten seelisch, leichter als dieses stete Stillestehen. Hinausgehen zu können, selbst ins Unbekannte hinaus, ist dann schon ein Erlebnis. Aber es ist nicht für alle und nicht oft in diesen drei Jahren so gefügt. Wenn dann den Fuß kein neuer Weg zum Fernen führt, so will die Hoffnung wenigstens hinausgeleitet sein. In der Enge erwacht die Sehnsucht nach dem Weiten. Der Gedanke an die Zukunft, der Wunsch, sie zu durchdenken und zu gestalten, wird rege, und er hebt den Sinn über die räumlichen Schranken empor, die ihn zu umschließen und stumpf zu machen drohen. Die Erwartungen dringen in die Heimat hinaus, und sie wollen erringen und erobern. Wenn der Soldat marschiert, lebt sein Denken ganz in dem, was ihn umgibt und was unmittelbar vor ihm liegt. In den Monaten des Stillstandes wohnt sein Geist mehr in den kommenden Tagen; die Gegenwart wird ihm die Brücke dorthin, die er zu sichern und zu hüten hat; aber er lebt in der Zukunft. Es wird häufig gesagt, daß das Volk in Waffen während dieser drei Jahre demokratischer geworden sei. Darin liegt viel Richtiges, wofern dieses Wort nicht als bloßes Schlagwort, sondern in seiner ganzen seelischen Bedeutung genommen wird. Es sind verschiedene Gründe, die still und allmählich eine solche Entwicklung gestalten konnten. Schon die eine Tatsache führte dahin, daß Menschen, die in den Friedensjahren mehr oder weniger in entgegengesetzten Kreisen lebten, und daß die auch, welche vorher schon nebeneinander gestanden hatten, jetzt enger Zusammengerückt worden sind. In dieser engeren Berührung beginnen auch die Gedanken zueinander zu kommen. Nach der gleichen Richtung lenkte auch die Dauer des Krieges, durch welche Menschen, die sich im Frieden fast wie Väter und Söhne gegenübergetreten wären, hier draußen als dieselben Mannschaften, als Kameraden, auch im Denken und Sprechen auseinander angewiesen, einer neben dem anderen stehen. Auch eine Schranke des Altersunterschieds i st so n ieder gelegt und und auch damit ein bestimmtes Volksempfinden, eine stärkere Einheit des Moinens und Wollens geschaffen. Aber am wesentlichsten wirkt doch dahin der Stellungskrieg selbst, der den Geist, welcher sich regen will, in eine verheißungsvolle Ferne hinausführt und so den innerlich arbeitenden Wunsch nach dem Fortschritt wachhält. Da der Platz von seinen Grenzen umschlossen bleibt und der Tag seinen gleichen Kreis immer hat, so nehmen dafür die Gedanken ihren Weg; die Seele schweift zur Zukunft, sie denkt an das, was werden soll, sie zieht zum Staate des Friedens hin. Der Stellungskrieg hat so, wenn dieses Wort auch gebraucht werden darf, das Volk in Waffen politisiert. Alle Philosophie, so ist gesagt worden, fängt mit dem Staunen und Fragen an; auch aller politische Sinn setzt damit ein. Den einen lehren Menschen das Fragen, den anderen lehren es die wechselnden Zeiten. Jeder gute Tag ist nur eine Antwort; wem es wohl ergeht, der versteht alles. Sein Glück oder sein Beh>agen ist ihm Bescheid genug; er hat es nicht nötig, sich an dasSchicksal zu wenden. Erst die schweren Tage bringen die Ungewißheit mit ihren Fragen, mit ihren Zweifeln an Vergangenheit und Gegenwart und ihrer Hoffnung aus das, was kommen soll. So haben viele es im Kriege an sich erfahren; sie sind aus dem Gefühl des Selbstverständlichen hinausgetreten und haben die Zukuft zu erwarten begonnen. Es wäre das stärkste Erlebnis, wenn einer so zur Frage, die er an sich selbst richtet, gelangte, zu dieser Frage: wer bist du gewesen, wer willst du sein? Aber für die meisten bleibt es bei der Frage, die sie an das stellen, was vor ihnen steht, an die anderen Menschen und an die Kreise und Ziele der Lebensarbeit, an Staat und Volk, an Gesellschaft und Gemeinde, an das Gewordene und das Werdende; sie werden, wie dieses Wort sagt, politisiert. Und auch das bedeutet schon ein Wesentliches, einen Schritt aus einer Gedankenlosigkeit heraus, zu dem Denken hin, das die kommende Zeit von denen fordern wird, die sie aufbauen sollen. Die neuen Jahre werden der fragenden Menschheit bedürfen. Eine seelische Kraft ist damit gegeben, daß in allen diesen Monaten der Geduld die Gedanken in die Ferne zu ziehen begännen, aus dem Prof. Dr. 6. Blaschke. (Vgl. den Artikel in Nr. 48.)