Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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591 „Ich teile voll und ganz den Standpunkt, den die neutralen Delegationen zur Stockholmer Konferenz in ihrem Friedensmanifest znr Ju den frage ei ngenom men haben. Der internationale Charakter der Judenfrage ist so handgreiflich, daß man dafür gar keine Beweise anzuführen braucht. Die Existenz einer Judenfrage in vielen Ländern kann nicht geleugnet werden. Lie tritt schon negativ durch die Tatsache der Judenverfolgung zutage. Wenn manche Juden die Existenz der Judenfrage leugnen, so beweist das nur, daß sie selbst assimiliert und dem Judentum und seinen Problemen -entfremdet sind. Die Assimilation ist keine bloß jüdische Erscheinung. Von ihr sind auch Flamen, Russen und Angehörige vieler anderer Völker ergriffen. Die Assimilation ist eine allgemeine Erscheinung in Grenzgebieten. Daß die Assimilation unter den Juden stärker hervortritt, erklärt sich eben dadurch, daß die Juden im sozialen Sinne ein Grenzvolk bilden. Nicht der Asiimilationsvrozeß, der einen Bruchteil der Juden erfaßt hat, ist das, was mich in Stauen verseht, sondern umgekehrt die phänomenale Widerstandskraft, die das jüdische Volk immer entfaltete und entfaltet, die Tatsache, daß es von der Assimilation nicht viel stärker mitgenommen ist. Das friedliche Nebeneinanderleben von zwei oder mehr aleichberecktiaten Völkern in einein Lande, die sich gegenseitig geistig beeinflussen, kann sicherlich in hohem Maße kulturfördernd sein, aber was man gemeinhin Assimilation nennt, wirkt keineswegs kultursördernd, sondern umgekehrt überaus kulturhemmend. Die Assimilation) welche die Minderwertigkeit eines gegebenen Volkes zum Vorwand hat, hindert di-e Entwickluna eben desselben Volkes und erzeugt in jeder Hinsicht verderbliche Wirkungen. Zu dieser Ueberzeugung bin ich aus persönlicher Anschauung gekommen. Die assimilierten Flamen in Brüssel sind kulturell weder Franzosen noch Flamen. Die französierten flünnsckM Oberschichten sind geistig völlig unfruchtbar, während ein großer Teil der Arbeiter von beiden Sprachen des Landes nur Brocken besitzt, so daß sie nur die Klatschnachrichten der Presse lesen können, dagegen aber zum Verständnis des politischen Teils der Zeitungen zu wenig Sprachkenntnisse haben. Daß die Assimilation auch antisozial wirkt, lehrt uns gleichfalls das belgische Beispiel. Die Asfimilanten haben kein Empfinden für die Not ihres Volkes. Ja, es ist sogar eine Tatsache, daß die französierten Flamen die Beziehungen zwischen den beiden das Land bewohnenden Völkern vergiftet haben, daß sie im wallonischen Lager die Rufer im Streite gegen das flämische Volk sind. Sie haben auf ihrem Gewissen die Rückständigkeit eines großen Teils des flämischen Volkes und die Verweigerung seiner Rechte. Soviel ich sehe, liegen die Verhältnisse auch genau so bei den Juden. Ich bin entschieden für die Anerkennung der Juden als Nationalität in allen Ländern, wo sie in Massen leben und für die internationale Regelung der Juden frage. Ter Krieg hat deutlich genug bewiesen, daß die nationale Frage jedes Landes alle Länder berührt. Damit die jetzige Weltkatastrophe sich nicht wiederhole, müssen auf interncttionalem Wege Normen für die E-ehandlung der Nationalitäten in den verschiedenen Staaten geschaffen werden. Das Schicksal der schwachen Nationen -darf nicht mehr den einzelnen Staaten überantwortet werden. Ich habe kein Vertrauen zu den Staaten. Ich habe zum Beispiel ungeachtet der großen Tragödie, die Rumänien gegenwärtig durchmacht, kein Vertrauen, daß es in Zukunft den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, falls es selbständig über das Schicksal seiner jüdischen Bevölkerung wird verfügen können. Rumänien ist im doppelten Sinne ein Präzedent in bezug auf die jüdische Frage: einmal wurde hier die jüdische Frage zum erstenmal international behandelt (Berliner Vertrag 1878), dann aber verletzte Rumänien systematisch die Vereinbarungen der Mächte, und zwar ans dem Grunde, weil die Mächte sich mit der Proklannerung eines Prinzips begnügten, ohne Garantien für dessen strikte Beobachtung zu schaffen. Das darf sich nicht mehr wiederholen. Ich billige vorbehaltlss die Forderung der ukrainischen Delegation, die auch von der tschechischen und jüdischen Delegation unterstützt wurde, daß bei dem zu schaffenden internationalen Tribunal ein Ausschuß eingesetzt werden müsse zur Wahrung der Rechte der Völker und daß das internationale Tribunal zugunsten jedes Volkes intervenieren solle, dessen Rechte von irgendwelcher Seite verletzt werden. Die Rechte der Inden a l s Bürger und als N a t i o n a l i - tat müssen auch in dem internationalen Akte festgesetzt werden, der die Unabhängigkeit Polens proklamieren wird. Ich habe den Eindruck, ' daß die Polen ausgezeichnete Menschen sein werden, wenn ein wirksames Gesetz geschaffen wird, daß sie an anderen nicht tun dürfen, was an ihnen getan worden ist. Ich höre Klagen, daß. der Antisemitismus den Geist der polnischen Gesellschaft so vergiftet hat, daß selbst sozialistische Parteien ihm erlegen sind. Da kann ich nur sagen: die Feindschaft gegen irgendein Volk ist mit den Grundsätzen des Sozialismus so unvereinbar, daß jede sozialistische Partei, die antisemitische Politik macht, sich damit außerhalb der Internationale stellt. Bei uns in Belgien ist der Antisemitismus so fremd, daß der Mann aus dein Volke ungläubig das Haupt schüttelt, wenn man ihm von Judenverfolgungen erzählt. Was Palästina betrifft, so fordert das Manifest der neutralen Delegationen den internationalen Schutz für die dortige jüdische Kolonisation. Ueber die Aussichten des Zionismus können die Meinungen auseinandergehen, dem jüdischen Volk muß aber nach dein Grundsatz des nationalen Selbstbestimmungsrechtes in jedem Falle das Recht zustehen, sein Schicksal nach seinen eigenen Wünschen und Idealen zu gestalten. Wenn die jüdischen Massen in den Ländern des Ostens, in Rußland, Polen, Galizien und Rumänienin ihre Rechte eingesetzt sind, so entfällt zum großen Teil allerdings der Grund 51t ihrer Unzufriedenheit, also auch zur Auswanderung und zur Kolonisation in anderen Ländern. Mer das setzt einerseits nicht nur ihre rechtliche, sondern auch ihre soziale Gleichstellung voraus und anderseits muß ja auch der Faktor der großen Bevölkerungsvermehrnng in Betracht gezogen werden. An Kolonisationsrnnterial wird der Zionismus jedenfalls keinen Mangel haben. Der Krieg hat die große Bedeutung einer gesunden Landwirtschaft für den Bestand und die Entwicklung der Völker vargetan. Ich war niemals Anhänger des extremen Industrialismus. Der Sozialismus wird sich unmittelbar nach dem Kriege mit dem Agrarproblem ernst zu befassen haben. Er muß eine Politik der Produktionsfördernng treiben, das heißt eine bessere Organisation der Produktionskräfte der Menschheit anstreben. Das ist für die sozialistische Internationale ein Grund mehr, dem jüdischen Kolonisationswerk in Palästina freie Bahn zu öffnen. Den Schutz der jüdischen Kolonisation in Palästina, den das Manifest der neutralen Delegationen fordert, verstehe ich in doppeltem Sinne, im negativen und positiven. Es müssen einerseits Bürgschaften dafür geschaffen werden, daß die Türkei die individuelle und kollektive jüdische Kolonisation in Palästina nicht mehr behindert, anderseits nniß auch der Staat für die Wohlfahrt und das Fortkommen der Kolonisten sorgen als Gegenleistung für das, was sie dem Lande geben. Die Türken, die eine Minderheit im Reiche bilden und selbst außerstande sind, die großen in ihren Händen befindlichen Gebiete zu bevölkern und zu entwickeln, dürfen die Tore Palästinas dem Arbeitsfleiß der jüdischen Einwanderung nickt sperren. Die Erklärung Balfours, des englischen Ministers des Aeußeren, England beabsichtige dem jüdischen Volk znr Schaffung eines nationalen Heims in Palästina zu verhelfen, erhebt den Zionismus zu einem Faktor der Weltpolitik. Diese Erklärung, ist eine Anerkennung der Kraft ünd des Einflusses der zionistischen Bewegung: die - Stellung Englands wird aber rückwirkend den Zionismus noch mehr stärken. Die Internationale kam: sich auch nicht länger dem Zionismus gegenüber indifferent. verhalten. Wenn sie ihn gestern als Privatsache betrachtete, so ist das heute, wo er eine Roll? in der Weltpolitik zu spielen begonnen hak, nicht mehr möglich. Auch die Türkei wird wohl mit der durch die englische Erklärung geschaffenen Lage rechnen. In diesem Gefühl werde ich durch Aeußerungen des türkischen Politikers Nissim Mazliach bestärkt, der in der türkischen Kammer den Wahlkreis Brussa vertritt. Herr Mazliach, der im Sommer eine Besprechung mit dem holländischskandinavischen Komitee gehabt hatte, besuchte mich dieser Tage wieder. Beim letzten Besuch siel mir bei ihm ein Gesinnung swechse l hinsichtlich des Zionismus auf. Jur Sommer hatte er erklärt, die Juden der Türkei genössen im Lande volle Gleichberechtigung, den Juden des Auslandes gegenüber hingegen habe die Türkei keine Verpflichtungen. Diesmal verhielt er sich nicht mehr so ablehnend. Als ich ihn nach seiner Meinung über Balfours Erklärung fragte, erwiderte er, er habe den Eindruck, daß die türkische Negierung auf dem Friedenskongreß in allen Fragen ohne Feindseligkeit und objektiv auftreten werde, und auch in bezug auf die Judenfrage und Palästina mit sich reden lassen wird, daß es nur eine Frage gebe.