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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-07 · Heft 49 (7.12.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 49 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3- Bild der Entwicklung des Schwesternbundes zeichnete. An vielen markanten Stellen konnte sie länger verweilen, so als der auS ganz kleinen Anfängen herausgewachsene Schwesternbund sich nicht mehr damit begnügte, die Schülerinnen der jüdischen Elementarschule in Kassel im Nähen, Kochen und Bügeln auszubilden, sondern 1868 dazu überging, ans ganz Hessen-Nassau junge Mädchen für einen Haushalt vorzubilden. 1871 war der Schwesternbund auch finanziell so weit erstarkt, daß er seinen Pfleglingen eine Ausbildung als Kindergärtnerinnen'Lehrerinnen und bei besonderer Begabung auch als Künstlerinnen gewähren konnte. Im Jahre 1896 wurde znnächst ein Heim sür außerhalb beheimatete junge Mädchen in Mieträumen in der Wörthstraße geschaffen, und als sich sehr schnell zeigte, eine wie große Notwendigkeit damit erfüllt war, ging man daran, ein eigenes großes Heim in der Jordanstraße zu erbauen, wozu in reicher Weise freiwillige Gaben gespendet wurden. Im Frühjahr 1910 wurde dieses Heim seiner Bestimmung übergeben, und heute bewohnen es 60 junge Mädchen, denen es Heimat und Vaterhaus erseht. Fürwahr, ein stotzer Bau aus jenem Samenkorn, bas vor hundert Jahren nach laugen Vorbereitungen aufging. Der Schwesternbund wird von einem aus neun Damen und drei Herren bestehenden Vorstande geleitet; seit 21 Jahren steht Fräulein Klara Philippsohn an dessen Spitze, nachdem 42 Jahre ihre Mutter diese Stelle innehatte: mit dem hundertjährigen Bestehen der Gesellschaft Schwesternbund beging Fräulein Philippsohn ihr fünfundzwanzigjähriges Mitgliedsjubiläum, was hier eingeschaltet werden mag, um anzuerkennen, welche Fülle vch: Arbeit diese Vorsitzende der Gesellschaft bisher geleistet hat. Die eigentliche Festrede hielt Herr Bankier Hermann Blumenthal. Er gab einen kulturgeschichtlich interessanten Neberblick über den ethischen Grundbegriff der Philosophie, wie er insbesondere über die Wertung des Menschen im Talmud sestgelegt sei und sich über das ganze Altertum hinaus lebendig erhielt, den Menschen als Ebenbild Gottes zu betrachten und ihn.nm Gegensatz zu allen Völkern >es Altertums, vor lähmendem Knechtssinn zu bewahren. So trieb der Talmud Humanismus im wahren Sinne, und es sei kein Zufall, daß auch hier der Schwesternbund und die Gesellschaft Humanität so wacker und treu Hand in Hand arbeiteten. In ehrender Weise gedachte Redner des Dichters Mosenthal, dessen Mutter Mitbegründerin des Schoesternbundes gewesen war und der im Gedanken an seine Mutter in zweien seiner Werke auch dem SchwesternLunde warme Worte widmete. Herr Bürgermeister Brunner überbrachte die Glückwünsche des Magistrats, dabei in seiner geschichtlichen Erinnerung zUrückgreisend auf die Zeit der Begründung des Schwesternbundes vor hundert Jahren, als Kurfürst Friedrich Wilhelm I. aus dem Exil zurückkehrte und den Faden dort wieder anknüpfte, wo v!e Weltgeschichte ihn vor sieben Jahren abgerissen hatte, in finsterer Reaktion und in Standesvorurteilen aller Art. Von den in die gleiche .^eit fallenden Schöpfungen: Errichtung einer Handwerksschule. einer Allsstellung von Handwerkserzeugnissen, Beginn des Baues des Kattenschlosses und her Begründung des Schwesternbundes, hat nur dieser das Jahrhundert durchlebt, und es sei zu hoffen, daß er auch noch fernere Jahrhunderte überdauern werde. Herr Justizrat Dr. R o th fe l s überbrachte die Glückwünsche des Vorsteheramtes, Herr Rechtsanwalt Dr. K a tz e n st e1 n , die der Synagogengemeinde und acht wohltätiger Lzw. wissenschaftlicher Vereinigunaen, Herr Justizrar Dr. Arnthal die der Gesellschaft Humanität, Frau Eugeme Wertbeim die verschiedener hiesiger Frauenvereinigungen, die gleiche Ziele für die Allgemeinheit verfolgen, Herr Landesrat S t ö h r erkannte als- Vertreter der Gesellschaft sür Gemeinwohl den weit vorausblickenden Geist der Begründerinnen des Schwesternbundes an, da erst jetzt die Staatsregierung in bezug auf gemeinnützige Wohltätigkeit in den Bahnen wandelt, die vor hundert Jahren hier betreten worden sind. Zum Schluß sprach Herr Dr. Lazarus, der die Grüße der ältesten Schule der Gemeinde überbrächte und der Zusammenarbeit zwischen Schule und Schwesternbund gedachte, dabei an eine dichterische Arbeit Mosenthals erinnernd, der die Ziele des Schwesternbundes verherrlicht. Mit dem Chorgesange „Großer Gott wir loben dich" schloß die Feier um 1 Uhr mittags." Möge der Schwesternbund im zweiten Jahrhundert feines Bestehens hochherzige Gönner finden, die ihm die Erfüllung seiner hohen Aufgabe ermöglichen. 22 Frankfurt a. M., 30. November. Von der Deutsch- Holländischen Palastina-Berwaltung wird uns geschrieben: Die kriegerischen Ereignisie in Palästina haben, wie nicht anders zu erwarten war, unsägliche Leiden über unsere Brüder gebracht und die Zahl der H i lf s b e d ü r s t i ge n in ungeheurem Umfange vergrößert. Obgleich, nach den bisher bei uns vorliegenden Nachrichten, Evakuierungen größeren Stiles nicht vorgenommen werden sollten, ist doch genug der Kriegsnot über die Bedauernswerten hereingebrochen. Wir haben Vorsorge getroffen, daß unser Hilfswerk für die nächsten Monate unverändert im Gange bleibt, r^d sind zu dessen Durchführung auf die gesteigerte kräftige Unterstützung der weitesten Kreise angewiesen. Es bedarf sicherlich nur dieses Hinweises, um insbesondere alle unsere Vertrauensmänner Zll reger. Tätigkeit in einem Augenblicke anznspoxnen, der für das Schicksal unserer Brüder im Heiligen Lande von höchstem Ernste ist. Ueberweisungen erbeten auf Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 9553. er. Stuttgart, 30. November. Unter großer Anteilnahme fand auf dem Pragfriedhof die Bestattung des auf dem Felde der Ehre gefallenen Leutnant d. R. Erwin F r e u d e n t h a l statt. In der Kapelle des israelitischen Friedhofs hielt Rabbiner Dr. Stöffel die Trauerrede, in der er insbesondere des großen Pflichtgefühls, das den für das Vaterland Gestorbenen in allen Lebenslagen anszeichnete, gedachte. Der Sarg, getragen von acht Mann des Ersatzbataillons Nr. 119 und unter Vorantritt eines Zuges und der Regrmentsmusik desselben Regiments, wurde zum Krematorium übergesührt. Hier widmete Rechtsrat Dr. Hirsch dem Dahingeschiedenen Worte des Gedenkens itnb hob dabei hervor, daß derselbe wegen seiner vielen guten Eigenschaften von allen, die ihm im Leben nahestanden, vermißt werde. Namens des Feldregiments, dem der Verstorbene angehörte, und des Ersatzbataillons legte ein Kamerad unter Worten der Anerkennung für die Tapferkeit, die der Gefallene vor dem Feinde bewiesen, und zum Dank für seinen kameradschaftlichen Sinn, einen Kranz nieder. Während der Sarg sich in die Tiefe senkte, wurde dranßen der militärische Salut abgegeben. Grstrrrkich-Angsrn. z. Prag, 30. November. Unsere Gemeinde hat durch das am 23. d. M. erfolgte Ableben des Herrn Siegfried L i e b e r s einen schweren Verlust erlitten. Schon im Hanse seiner feinsinnigen Eltern, die in Prag angestammt waren, erhielt er nicht nur die sorgfältigste Erziehung, sondern auch bereits vielfache Anregungen zu seiner späteren umfassenden Betätigung, irn Dienste des Gemeinwohls. In den weitesten Prager Gesellschaftskreisen geschätzt, wandte er dann etwa vor drei Dezennien feine im praktischen Leben gesammelte, reiche Erfahrung sowie seine staunenswerte Arbeitskraft einer ganzen Reihe gemeinnütziger Jnstitu-tionen zu, insbesondere aber der Armenpflege und Jugendfürsorge. So war er duvch viele Jahre im Vorstande der Josefstädtischen Kleinkinderb,ewahranstalt und irn Nächstenliebeverein eine führende Kraft, und sein intensives jüdisches Interesse betätigte er zumal an der Spitze der Pinkas-Shnagoge, und in späteren Jahren'in der Kultusgemeindevepräsentanz und Armenkommission, in welchen er vermöge der Vertrautheit mit allen Prager Verhältnissen unschätzbare Dienste leistete. Ganz besonders aber, trat er im Zentralverein zier Pflege' jüdischer Angelegenheiten hervor, zll dessen Obmann er nach Philipp Falkowicz' Tode einstimmig berufen wurde, nachdem er bereits früher die Handwerkersektion dieses Vereins geleitet und zu deren Aufblühen das meiste bei getragen hatte.- Den Schützlingen des an dieser Sektion errichteten Lehrlingsheims war er ein wahrer, fürsorglicher und vor keiner Mühe zurückweichender Vater, und in Anerkennung dieser seiner verdienstvollen Tätigkeit'wurde auch anläßlich seines 60. Geburtstages dieses Heim rnit seinem Bildnis zur fortdauernden Erinnerung, geschmückt. Noch den letzten Abend vor seinem Tode war er in angestrengter Weise für diesen seinen Lieblingsverein tätig, wie es denn bei ihm überhauptkerne Seltenheit war, selbst bei schon geschwächter Gesundheit noch, bis in die späte Nachtstunden für die von ihm vertretenen gemeinnützigen Anstalten.zu arbeiten. Auch der galizischen und palästinensischen Hilfsaktion hat er sich mit Wärme angenommen. Siegfried Liebers gehörte vermöge seines Lebensganges und seiner gesellschaftlichen Beziehungen noch der alten liberalen Richtung an; dies hinderte ihn jedoch nicht, den neuzeitlichen Bestrebungen, zumal .der jüdischen Jugend, als objektiver Beurteiler und nicht selten auch als. wohlwollender Förderer gegenüberzustehen. Welcher Schatzung sich der Verblichene erfreute, zeigte sich bei dessen Leichenbegängnisse in der massenhaften Beteiligung aus allen Prager Gesellschaftskreisen und ans allen Schichten der jüdischen Bevölkerung. Und die Schlichtheit

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