Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-07 · Heft 49 (7.12.1917) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 49 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229335--73615-3286107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 Stoffe selten zum Gegenstand seiner Darstellung wählte. Zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus trat er in einem Selbstbekenntnis, das im „Berliner Tageblatt" erschien und welches Aufsehen erregte, energisch für das Recht des Judentums ein. In der künstlerischen Eigenart des Meisters lebt ein besonderer" Zug, welcher sich in der kritisch-schürfenden Durcharbeitung der Probleme in seltener Schärfe ausdrückt, eine Besonderheit, die vielleicht als Erbteil der Rasse Spinozas ausgesprochen werden darf. Liebermann ist fraglos der größte deutsche Meister der impressionistischen Richtung. Man hat ibm Abhängigkeit von den Franzosen vorgeworsen und so aus antisemitischen und politischen Motiven seine Kunst herabsetzen wollen. Dieser Vorwurf ist jedoch durchaus unberechtigt, denn Liebermann gehörte jener Berliner Schule an, die von Cbodowiecki über Menzel bis zu ihm führt. Es wird das unvergängliche Verdienst des großen jüdischen Malers bleiben, daß er der deutschen Kunst den Weg voranschritt, der zur künstlerischen Freiheit führt. Ein großes Publikum, das dem durch gute Lichtbilder illustrierten Vorträge reichen Beifall zollte, folgte den Ausführungen des Redners. 5Ö Osterode (Ostpreußen), 30. November. Am 18. d. M. verstarb plötzlich im 70 Lebensjahre der langjährige Prediger innerer Gemeinde. Jakob Sturm ann. seit dem 1. Januar dieses Jahres im Ruhestände. Seine Beerdigung am 21. November leate beredtes Zeugnis ab von der allaemeinen Liebe und Verehrung, die sich der Verstorbene in seiner Gemeinde und in weiten Kreisen der Provinz erfreute. Ein Trauergefolge, wie es Osterode selten gesehen, versammelte sich im Tranerhause, um dem geliebten Prediger und Seelsorger der Gemeinde die letzte Ehre zu erweisen. Lüer svrach Prediger Hes. der Amtsnachfolaer des Verstorbenen, t'esemvfuudene Worte des Abschiedes. Darauf setzt" sich dcr lange Trauerzua unter Vvrantritt der jüdischen Schulkinder der Gemeinde nach der Svnagoge in Beweaung. Der schwarz bekleidete Sara wurde vor t>eln Almemor uiedergefetzt ^ronercesäncw Ver Gemeinde leiteten die Trauerfeier ein. Hierauf vielt Nrediger Hes eine eindrucksvolle, von t'efem Gefühl getragene Tronerre^e mij den Dahinaeschiedeueu. Er entwarf in großen Zügen ein Bild des Berstorbenen. der 52 Jahre in der Gemeinde als Lehrer und Rredmer gewirkt und seine acm.ie Lebenssaft und Lebensarbeit in den Dienst der Gemeinde gestellt l»abe. Fast alle Gemeindemitglieder können ihn mit Stolz ihren Lehrer nennen. An dem Geschick eines jeden einzelnen in der Gemeinde bat er innigen Anteil genommen, in Irrend und Leid waren mit allen verbunden. Alle Institutionen der Genwinde sind seine Schöpfungen, wie er überhaupt die Gemeinde erst eigentlich anfaebaut bat. In dieser schweren Abschiedsstunde gelobe die Genwinde, die Lebensarbeit des Entschlafenen sortmsetzen. auf daß sein Geist ewia in ihrer Mitte fortlebe. Nach abermaligem Ehoraesana und nach einem von den Schulkindern gesungenen Liede wurde der Sarg von Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentantenverfammlung wieder zuin Leichenwagen n,rückgetragen und zu/ Friedbofsballe geleitet. Hier widmete Waisenhausdirektor V e r i tz (Königsberg) namens des Vereins jüdischer ReligiouLlebrer Ostvreußens und seiner Pensmnskaste wie im Aufträge des Verbandes jüdischer Lebrervereine im Deutschen Reich dem Freund und Kollegen berzliche Worte des Dank"? für die treue Tätigkeit die der Verstorbene iahrzehntelang in diesen Vereinigungen geleistet hat. Die jüdische Lehrerschaft Ostvreußens blickt mit Stolz und Verb-ehrung. nii? den Tahinaeschiedenen als auf ihren langjährigen Vorsitzenden, freund und vorbildlichen Amtsbrnder. Für den Verband der Svnagogengemeinden Ostvreußens svrach Rabbiner Dr. Doaelstein (König sbera): Rabbiner Dr. O l i tz k i (Allenstein) als Nachbarrabbiner sowie im Namen vieler freunde aus der Gemeinde Allenstein: für die verschiedenen Vereine der Gemeinde Osterode noch Vrediger Hes. Der scheidende Tag warf bereits seine letzten Strahlen zur Erde hernieder, als die Gemeinde mit Blicken tiefsten Dankes sich von dem Grabhügel ihres geliebten unvergeßlichen Predigers Stnrmann wandte. — Januach beschalom! Sch. Älürnherr, 30. November. Auf Anforderung des Rabbiners und der Gemeindeverwaltung München ist Herr Feldrabbiner Tr. Baerwald nach mehr als dreijähriger Tätigkeit in der israelitischen Feldseelsorge aus diesem Amt geschieden. Die Vorgesetzten militärischen Stellen und der Verband der deutschen Juden nahmen dabei- Veranlassung, ihm für seine hingebende Arbeit ihren wärmsten Dank ausznsprechen. In der Tat, aus den schwierigsten .Anfängen heraus hat er — ein Jahr lang gemeinsam mit dem früheren Feldrabbiner Herrn Dr. Chone (Konstanz) — ein System von israelitischer Feldseelsorge geschaffen, dessen Leistung -am-besten im Vergleich mit dem der christlichen erkannt wird: hier ist eine Division, eine Lazarettabteilung, ein Kommandanturbezirk zu versehen, dort Üebersicht und Betätigung in diesen allen mehrfach zusammen, in einer ganzen Armee. Erst seit einem Jahre war ihm ein Hilfsgeistlicher zur Unterstützung beigegeben. So danken denn auch Herrn Dr. Baerwald Tausende jüdischer Soldaten eine erhebende Stunde im Gottesdienst, ein stärkendes Wort auf dem Krankenbette — viele Familien die letzte Liebesbezeugung für ihre gefallenen Söhne, Männer und Brüder. Das sei sein Dank! Zum Nachfolger wurde vom bayerischen Kriegsi ministeriun^ Herr Dr. I. Levy, zuletzt Oberlehrer an der höheren | israelitischen Schule in Leipzig, ernannt. J.A. Nürnberg, 30. November. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhielten: Feldlazarettinspektor Richard Goldschmidt, Unteroffizier Viktor Reichenberger, Sohn des Herrn Emanuel Reichenberger, Gefreiter Ferdinand H o f m a n n bei der daher. Feldschlächtereiabteilung, Sohn!d!er Metzgerswitwe Hofmann, Gefreiter Goldschmidt, Sohn des Kommissionär. Gnidor Goldschmidt, Kriegsfreiwilliger Funker Robert Iondorf, Sohn der Weinhändlerswitwe Lina Jondorf.! Das bayer. Militärverdienstkreuz 3. Klasse erhielten: Landsturmgefreii ter Paul L e b r e ch t, Sohn des verstorbenen bekannten Wohltäters! Martin Lebrecht, Artillerieunteroffizier Martin Selling, Sohn j des Kaufmanns Josef Selling. Das österr. Ehrenzeichen 2. Klasse vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration erhielt der Geh. Kommerzienrat Eugen Frankfurter.! L. H. Kassel, 30. November. Ein seltenes Fest wurde jüngst m | hiesiger Genwinde dem Ernst der Zeit entsprechend begangen. Ein! hundertjähriges Jubiläum werktätiger Nächstenliebe, die sich an der! weiblichen Jugend bezeigte. Das „Kasseler Tageblatt" berichtet! darüber: „Die Zeit vor hundert Jahren, nach den Befreiungskriegen, war von tiefen Gedanken durchdrungen, das Los der Menschen zu verbessern. In der Volkswirtschaft hatte das physiokratische System gemeinsam mit den liberalen Gedanken des Schotten Adam Smith das aristokratische besiegt imb die Fryhnarbeit der Bauern und Landarbeiter war aufgehoben, die Per.Knlichkeit des einzelnen Menschen bekam größeren Wert, die Möglichkeit'zum Aufstieg durch seine Arbeit war nach jahrhundertelanger Unterdrückung jeglicher Selbständigkeit endlich gegeben. Dazu sielen allerhand beschränkende Bestimmungen im Handel und Gewerbe, der Grundsatz wurde anerkannt, daß das, ums der Mensch durch seiner Hände Fleiß erarbeite, auch sein freies persönliches Eigentum sei. Nachdem die Schranken gefallen waren, die Stände und Kasten, ia ganze Menschenklassen bisher strengstens geschieden hatten, zeigte sich aber erst, wie hilflos der Mensch war, der nichts Rechtes in der Schule und im Leben zu lernen vermocht hatte. Und solcher gab es viele, denn der Staat hatte sich während zehn Jahren um die Heranwachsende Jugend nicht bekümmern können, da Krieg und Kriegsgeschrei die deutschen Gaue erfüllte und wir in Hessen unter einer fremden Herrschaft standen. Es zeugte von hoher politischer Einsicht, von ernster Lebensklugheit, wenn in diesen Zeitläuften hier in Kassel am 23. November 1817 sich eine Anzahl junger Damen zusammenfand, um einen Schwesternbund zu begründen mit dem klar vorgezeichneten Ziele, ihren minderbemittelten Schwestern aus der Gemeinschaft eine Erwerbsfähigkeit zuteil werden zu lassen. Damit war jedem dieser iungen Mädchen ein großes Kapital in die Hand gelegt, womit, wie die Zeit lehrte, mehr Segen gestiftet werden konnte als mit einem Geldbeträge. Das Unternehmen wuchs aus der Meinheit in eine neue Zeit, und auch ihr wurde es gerecht; heute, nach hundert Jahren, ist es bodenständig und so fest verwurzelt in der heimatlichen Scholle, daß der Stadt ein bedeutender Verlust zugefügt würde, sollte es seine Wirksamkeit aufgeben. Doch daran ist nicht zu denken, fest verankert steht der Schwesternbund durch seine Werke, und gerade sie rechtfertigten die Feier, die gestern mittag im Murhardsaale aus Anlaß des Jahrestages seines hundertjährigen Bestehens iir Gegenwart der Vertreter zahlreicher Behörden und einer stattlichen Schar geladener Gäste vor sich ging. Die Königliche Staatsregierung war durch Herrn Geheimen Negierungsrat Grafen v. Platen- H a l l e r m u n b vertreten. Ein Schüler- und Schülerinnenchor, aufmerksam der exakten Leitung des Herrn Lehrers E ck h o l d folgend, eröffnete mit einem Chorgesang die Feier, worauf die bewährte. Vorsitzende, Fräulein Klara Philippsohn, in großen Umrissen ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.