Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229335--73614-3286106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81. Jahrgang Nr. 49 Der Oemeindebote. Berlin, 7. Dezember 1917 Vetlage zur „Allgemeinen Leitung deS IudentumK". korrrlpondmMn und Nachrichten. SrutschlsnÄ. Berlin, 4. Dezember. Aus Anlaß der Ernennung des ehemaligen Staatsminister v. Loebell zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg, der in dieser Eigenschaft zugleich die höchste Aussichtsinstanz für die Berliner jüdische Gemeinde darstellt, hat diese an Herrn v. Loebell ein Glückwunschschreiben gerichtet, das folgenden Wortlaut hat: „Euer Exzellenz beehren wir . uns, zu der Ernennung zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg unsere ergebensten Glückwünsche darzubringen. Die ruhmvolle staatsmännische Laufbahn, auf die Euer Exzellenz bereits zurückblicken können, bietet Gewähr, daß die Wirksamkeit Euer Exzellenz auch in dem neuen Amte dem Vaterlande und im besonderen der Provinz Brandenburg zum Segen gereichen wird. Während draußen auf dem Schlachtfelde die siegreichen Kämpfer Heldentaten ohnegleichen verrichten, erwächst der Heimat die nicht minder verantwortungsvolle Aufgabe, im Vertrauen auf die Unbesiegbarkeit des deutschen Volkes für die unerschütterliche Sicherheit des Vaterlandes auf militärischem, wirtschaftlichem und geistigem Gebiete mit allen Kräften einzustehen. Wir wünschen von Herzen, daß Euer Exzellenz zur Erreichung dieses hohen Zieles tatkräftige Mithilfe bei allen Schichten der Bevölkerung finden möge. Daß auch die jüdische Gemeinde zu Berlin ihr bescheiden Teil dazu stets beizutragen bereit ist, dürfen Euer Exzellenz versichert sein." Die Antwort des Oberprüsidenten lautet: „Die warmen Worte der Begrüßung und die Wünsche, die der geehrte Vorstand an mich anläßlich meiner Ernennung zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg gerichtet hat, haben mich besonders erfreut, und ich spreche hierauf meinen aufrichtigsten Dank aus. Sie haben mit Recht auf die große verantwortungsvolle Aufgabe hingewiesen, in der Heimat für die unerschütterliche Sicherheit des Vaterlandes auf militärischem, wirtschaftlichem und geistigem Gebiet mit allen Kräften einzustehen. Je mehr die Erkenntnis imferer ernsten Pflichten wächst, desto sicherer ist der Sieg und mit um w festerem Vertrauen können wir auch der Zukunft unseres Vaterlandes entgegensehen. Daß ich bei der Erfüllung der mir obliegenden schweren Aufgaben auch der Mitarbeit und der Unterstützung der jüdischen Gemeinde zu Berlin sicher sein kann, ist meine feste Hoffnung, die durch die Ausführungen des gefälligen Schreibens vom 15. d. M. bestärkt werden konnten. Gez. v. Loebell, Staatsminister." E. M. Berlin, 4. Dezember. Eine Trauergemeinde, wie sie der Friedhof in Weißenfee noch nicht oft so zahlreichgesehen hat, hatte sich am Mittwoch, den 28. v. M., an der Bahre des verstorbenen Professors Dr. S i g i s m u n d B la schk e versammelt. Alle Kreise des offiziellen deutschen Judentums waren durch ihre berufenen Persönlichkeitenvertreten. Außer dem Vorstand, dem Repräsentantenkollegium und den Verwaltungskommisfionen unserer Gemeinde hatten die großen Organisationen, wie der Verband der deutschen Juden, der Deutsch-Israelitische Gemeindebund und der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ihre Vertreter entsandt; ferner waren vertreten der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, der Verein zur Pflege hebräischer Gesänge, das Lehrerkollegium des Sophien^Realghmnasiums, an dem der Verstorbene gewirkt hat. und zahlreiche andere Korporationen. Der Chor der Neuen Synagoge leitete mit Kellermanns „Was ist der Mensch" die Feier ein. Die Gedächtnisrede, welche Rabbiner Dr. Bl u m e n th a l im Aufträge der Gemeindebehörden hielt, hob die tiefe Liebe zum Judentum hervor, welche den Heimgegangenen beseelte. Als Anhänger der religiösen Entwicklung war ihm das Judentum mehr als eine Reihe äußerer. Formen. Deutschtum und Judentum verschmolzen in ihm zu einenr harmonischen Ganzen; mit gleicher Treue umfaßte er Vaterland und Glaubensgemeinde. Nach dieser Rede trat Direktor Dr. Minden an die Bahre, um als Vorsitzender der Repräsentantenverfammlung der Trauer des Kollegiums Ausdruck gu geben. „Die Repräsentantenversammlung hat in Idem Toten ihren zweiten Vorsitzenden -verloren, den sie als einen ihrer tüchtigsten Mitglieder v-erehrte. In vorbildlicher Pflichttreue hat er während seiner 18jährigen Wirksamkeit eine einzige Sitzung versäumt. Gern rmd häufig ergriff erdas Wort; es gab kein Thema, das ihn nicht interessierte. Stets versöhnlich und in der Form gemäßigt, verteidigte er seine Ansichten mit Kraft und- Würde. Sein ganzes Denken und Trachten gehörte dem Gemeindewohl. Sein Scheiden hat eine schwer zu füllende Lücke hinterlassen. Sein Streben und Schaffen wird den Körperschaften, in denen er wirkte, nicht verloren gehen, sein Geist wird weiter wirken." Im Namen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes beklagte Professor Dr. Kali scher den verstorbenen Freund und Mitarbeiter. „Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat der Heimgegangene in heißem Bemühen, dem Religionsunterricht die gebührende Anerkennung zu verschaffen, sich selbst in Beziehung zum D. I. G. B. gesetzt, und feit diesem Zeitpunkt beinahe datiert die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts in den höheren Schulen unseres Staates. Selbstverständlich war der D. I. G. B. darauf bedacht, diesen Mann an sich zu fesseln. In mehreren Kommissionen und Ausschüssen betätigte er sich an hervorragender Stelle. Sein klarer Verstand, sein zielsicheres Urteil und sein hoher Geist machten ihn zu einem Vorbilde in allen Aemtern, in die ihn das Vertrauen seiner Mitarbeiter berufen hatte. Wie wird er überall fehlen! Nur an ihm selber können wir uns allgemach ansrichten, an dem Gedanken, was er uns gewesen ist rmd was er uns im Geiste bleiben wird!" Für den Verband der deutschen Juden und den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Geheimer Justizrat Dr. F u ch s herzliche Wschiedsworte. „Diese Vertretungen des deutschen Judentums beklagen in dem Verstorbenen einen unermüdlichen Mitkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden und die Anerkennung der Gleichwertigkeit des Judentums. Treue für Vaterland und Glaubensgemeinschaft galten ihm unentwegt als höchster Menschenadel. In der Vergangenheit wurzelnd, arbeitete er für die Zukunft unserer Gemeinschaft, in deren Herzen sein Bild fortleben nud weiterwirken wird." Die letzte Ansprache hielt Justizrat Planster für den Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, die um ihren stellvertreteniden Vorsitzenden trauert. „Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehörte er dem Vorstande des Vereins an, zu dessen Begründern er zählte. Er war ein Vorkämpfer aller Bestrebungen, welche die Religion mit dein Leben in harmonische Uelber.e-instimmung bringen wollen. Sein Gedächtnis soll die weitere Arbeit des Liberalen Vereins als unvergänglicher Leitstern begleiten." Ein Gesang des Schülerchors des Sophien-Realghmnastums beschloß die Trauerseier, die noch einmal Zeugnis dafür ablegte, was der Verstorbene weiten Kreisen des Berliner Judentums gewesen ist. 22 Berlin, 4. Dezember. Die Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands hat am 19. v. M. die Genehmigung des Kaiserlichen Aufsichtsamtes zur Angliederung einer Pensionskasse erhalten. Sie führt fortan den Namen Witwen-, Waisen- und Ruhegehaltskasse der Rabbiner Deutschlands und tritt mit dem 1. Januar 1918 ins Leben. Der Sitz der Kasse bleibt in Berlin, die Geschäftsstelle befindet sich jedoch zurzeit in Nürnberg, wohin zu Händen des 1. Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal, alle Anfragen zu richten sind. Wir wünschen der Kasse auch in ihrer neuen Gestaltung eine günstige Entwicklung. 22 Berlin, 4. Dezember. Die Zentrale für Mazzesversorgung G. m. b. H. in Frankfurt a. M. schreibt uns: Im Anschluß an unsere Bekanntmachung vom 18. November sehen wir uns veranlaßt, nochmals ausdrücklich daraus hinzuweifen, daß die zur Ausgabe gelangenden Bestellscheine B nur für solche Verbraucher bestimmt sind, die sich am Pesfachfeste des Ch ome z ge nusses vollkommen enthalten. Verbraucher, auf welche diese Voraussetzung nicht zutrifft und die dennoch den Bestellschein 6 unterfertigen, können st.rasr e ch t l i ch b e l a n g t w e r d e n. E. M. Berlin, 4. Dezember. Alsverspätete Geburtstag s Huldigung für Max Lieb er mann veranstaltete der Verein für jüdische Geschichte und Literatur am 22. v. M. einen Liebermann-Abend, an dem Dr. Ernst Cohn-Wien er einen Lichtbildervortrag über den Meister und seine Werke hielt. Liebermann, der für Deutschland die moderne Malerei katexochen repräsentiert, ist dem Judentum nicht nur durch den Zufall der Geburt, sondern durch sein ganzes Leben eng verbunden, wenn er auch jüdische