Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fie vor mich hintreten» oder, wenn ich schon tot sein werde, vor mein Bild und werden sagen: „Das und das hast du falsch gemacht und das richtig/ Ich habe ja auch so vor dir gestanden, Vater, und eine Angst überkommt mich, daß es mir schlechter gehen, daß ich mir schwerere und gerechtere Vorwürfe verdienen werde als du. Und das stimmt mich milde und einsichtig gegen Fehler und Versäumnisse, die — vielleicht, ich weiß ja nicht genau, — an mir begangen worden sind, und ich fange an zu begreifen, daß unser Tun immer nur Stückwerk bleiben muß. Daß alle Eltern, wenigstens die, die diesen Namen verdienen, das Beste wollen und daß es dann darauf ankommt, ob der Erfolg einst für sie sprechen, ob ihr Kind einmal glücklich oder unglücklich werden und wie seine Auffassung sein wird. Vielleicht haben wir alle, nicht nur du, mein guter Vater, auch ich, die ich jetzt Mutter von vielen werden soll, und alle Väter und Mütter eine Stunde zu überstehen, in der unsere Kinder unser Tun prüfen und ohne den Schimmer verklärender Kindessehnsucht scharf kritisieren werden. Ich habe nicht mehr Angst davor, weil ich die Kinder, die mein sein iverden, nicht selbst geboren «habe. Ich weiß, daß ich sie mir ans Herz zwingen werde. Die Natur hat mir die Gabe verliehen — noch nie habe ich sie so freudig und dankbar empfunden —, daß die Jugend sich zu mir hingezogen, sich warm von mir verstanden fühlt. Und das ging ins Allgemeine. Sollte ich da nicht meine vier eigenen mit meiner Liebe so fest umspannen können, daß sie vertrauend bei mir weilen? Ich habe gar keine Angst vor dem Vorurteil, das der fremden „L>tiefmutrer" entgegenvangeu könnte. Sie werden vergessen, wenn sie erst merken werden, daß sie eine Stiefmutter erwartet haben, daß aber eine Mutter gekommen ist. Und fremde Einflüsse? Die Köchin, die schon 15 Jahre im Hause Simon ist, meinen Schwiegervater bis zu seinem Tode betreute und erst dann in den jüngeren Haushalt überging? Sie hat schon mancher Hausdame den Garaus gemacht, denn sie soll sehr eifersüchtig auf ihre alten, durch sehr wertvolle Dienste erworbenen Rechte sein. Ich bin nicht bange. Ich werde ihr ohne Eifersucht ihr Gebiet, auf dem sie ganz Besonderes leisten soll, überlassen, das vor meiner Zeit in schweren Stunden Geleistete mit dem ganzen Hause mit respektieren, aber die Kinderstube wird mein Reich sein. Die Schwelle dorthin darf mir nur einer außer mir überschreiten, der, den wir als Herrn und Richter hier ansehen müssen und nach dessen Zufriedenheit ich geizen werde, wie nach den fröhlichen Mienen und dem kräftigen Körpergewicht seiner, unserer Kleinen. Ist es dir recht so, Vater? Mache ich so alles wieder gut, was ich in häßlich lieblosen Vorwürfen gegen dich, gegen dein teures Andenken gesündigt habe? Mache ich mich auch so am besten frei von der Dankesschuld, die ich gegen dich und die Mutter für all eure tausendfache Liebe im Herzen trage? Mein Zukünftiger hat mir einen sehr langen und schönen Brief geschrieben. Er dankt mir so unendlich warm für das, was ich an seinen Kindern tun will. Nun ja, er ist halt ein Mann. So kann er nicht wissen, wie es in einem Frauenherzen aussieht, in dem ein großer, leerer Raum gähnte, der nach Inhalt schrie. Er kann nicht wissen, daß ich seine Kinder, unsere Kinder schon lieb habe, daß ich mich in die kleinen süßen Kindergesichter versenke und aus ihnen und den drolligen Briefen die einzelnen Arten studiere. Ich hatte ihnen Schokolade mitgeschickt — mehr ließ sich in der Eile nicht auftreiben — und sie haben sich so niedlich bedankt. Dem Vierjährigen hat das große Brüderchen die Hand geführt. Nein, nein, das kann der Mann nicht wissen. Auch nicht, daß es mir weh ist um die arme Hilde, die uns genommen worden ist, und die keine Mutterliebe mehr erfahren durfte. Ich hätte eine Scheu, ihm das alles mit Worten zu sagen, weil er eS wohl verwunderlich, finden, vielleicht gar nicht glauben könnte. Er wird cs später merken, durch die Stimmung, die in seinem Hause herrschen wird,, für die ich nun verantwortlich sein, werde. Mein Bräutigam hat — daß er daran gedacht hat! — mir eine große Summe zur Verfügung gestellt für Frau Berliners Kulturwerk. Ich habe ihm — was haben wir nicht alles besprochen in den paar Stunden, die er hier war! — von ihr erzählt und von meinem Bedenken, ihren guten Plänen so schnell, so ehe mit der Ausführung begonnen worden ist, Valet zu sagen.; , Und doch, und doch, — für mich paßt das, was ich nun erwählt habe, beffer. Ueber mir und um mich müsien Dach und Wände sein, die mich und mein Tun vor der Außenwelt verbergen und schützen. Ich muß im Hause, in der Familie wirken; für die Oefsentlichkeit bin ich — wenn Frau Berliner das auch durchaus nicht gelten lassen wollte — zu schüchtern. Ich bin ganz zufrieden, daß ich mich so entschieden habe. Die Armen. Unglücklichen da im Osten werde ich doch nicht vergessen. * Ta.nte Phine konnte heute außer Bett sein. Zwar nur eine Stunde, dann kam schon wieder das Schwindelgefühl und die Schwere in den Beinen, aber sie nahm es doch als erstes Zeichen zu einem neuen, freudvollem Aufstieg, und wir alle hoffen mit ihr. Der Mensch, hofft ja so willig, so gern. . Ich sende dankbar freundliche Gedanken nach Magdeburg hin, denn von dort her kommt die erfreuliche Besserung. Nein, nein, Herr Sanitätsrat, Sie irren. Ihre Tropfen waren es nicht, die das alte, schwache Herz so belebt haben; das hat die übergroße Freude zu Werke gebracht. Tante sah vom Bette aus glückselig lächelnd zu, wie ich ihr eine helle Halsrüsche in ihren Morgemrock nähte. „Nu ja, mer sieht nach gar so mreß aus, wenn e bischen was Helles am Halse is. Nich so grau in grau. Das paßt nich, wenn zwei Kallen im Hause sin." Ueber ihre Seele ist Feiertagsglück ausgegossen, und deshalb soll auch äußerlich, alles festlich und geputzt sein. Tante macht keinen. Unterschied zwischen Paula und mir. Mit dem Zauberwort „Choßen" ist für sie alles, was an zärtlich närrischer Verliebtheit und bräutlicher Glückseligkeit in einem Fraueuherzen schlummern kann, restlos ausgelöst — komme er, wann er wolle, und komme, wer da wolle. Daß bei Paula die bräutliche Verzückung tatsächlich so erstaunlich programmmäßig ausbrach, wundert sie gar nicht. Sie nimmt ohne weiteres bei mir das gleiche an- „Rosa, schließ du den Schlüsselkorb in den Sekretär. Die beiden vergessen's je doch." „Aber warum denn, Tante Phine? Bin ich denn so zerstreut?" Seit wann vertraut sie der kleinen Rosa an, was sonst nur ich tun durfte? — „Ach, ihr beiden", sagt sie neckend, froh, „ihr habt je doch alle beid nischt wie de Choßen im Kopp." Ach nein, gute Tante Phine, so ist das bei mir nun doch nicht. Aber ich lasse sie bei dem Glauben. Jeder Widerspruch würde ihre bräutliche Glückseligkeit herabstimmen. Daß ihr aber nie, auch niemals die Frage aufsteigt, ob ich nun auch glücklich werde und glücklich mache!? — „Ich bin sehr zufrieden, Tante", erzählte ich und hatte nicht das Gefühl dabei, als ob ich übertreibe, „und mein Verlobter ist cs auch." „Das kennter auch, allebeid, mit Gottes Hilfe", sagt sie in glücklichster Ruhe, „ihr kennt sogar mehr wie zufrieden sein. Der liebe Gott soll euch bloß gesund lassen". Und wieder widersprach nichts in mir. Mein Bräutigam glaubt — oder glaubt er es jetzt schon kaum noch? — daß seine Heirat nichts sei als ein Opfer, das er seinen Kindern bringt. Ich bin das Weib, ich darf weiter und tiefer sehen als er, und so fühle ich schon jetzt aus seinen Briefen