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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-07 · Heft 49 (7.12.1917) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 49 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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^GU^/ggg/? Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Bon Anna G o l d s ch m i d t. (40. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) der ja doch, Tante, aber ja", sage ich und hasche dabei nach den unruhigen Händen, um sie zwischen meinen sestzuhalten. „Beruhige dich doch nur, der Mann soll ja alles haben, was er will." Ich muß lachen, laut und zwingend. Es kommt mir doch so urdrollig vor, daß der Roschminer Chassen für seine Verdienste Prozente haben soll von meiner Mitgift. „Nu, waS en zukommt!" lenkt Tante sofort wieder ganz sachlich ein. „Was er will, »ich! Bloß, was en zukommt. Er is nämlich en großer Gannef." „Auch das?" sage ich lustig. Wie umfassend ist doch Tantes Urteil. „En gebenschter Mann, an den Broche is" und „en großer Gannef." Nun ja, zwischen dem Dank eines beglückten Herzens, dem Hilfe wurde, und dem des Geldbeutels ist von jeher ein weiter Weg gewesen, — ich als Arztochter sollte das doch wissen. „Nu, das wird je iebrigens alles schon dein Bräutigam besorgen", sagt sie beruhigt, „du brauchst en wohl gar nich zu erinnern." Jetzt lache ich aber doch hell auf. „Nein, Tante Phine, das wäre auch wohl von mir nicht gut 31t verlangen." Ich bin so froh, daß sie so gesund ist, daß sie imstande ist, sich zu freuen und sich doch auch wieder tausenderlei Sorgen zu machen, wie es ihre Art ist. „Mein Tochter, ob Rosa auch en Tülltuch über den guten Hut gelegt hat? Se vergißt doch alles, und der feine Hut soll mer doch nich einstauben." „Ich sehe gleich nach, Tante Phine." Wie mir mein Herz lacht. „Ich denk doch, nächsten Schabbes werde ich nu kennen in Schul gehen mit der gettliche Hilfe. S Herz ist mer doch so sehr voll. Freilich, mer kann auch zu Hause seinen lieben Herrgott finden, aber ich mechten doch - an der richtigen Stelle danken." „Ja, gute Tante", sage ich uild küsse sie. Erst seit ich bei ihr war, weiß ich, daß ich ganz bestimmt recht getan habe. Ich habe ein still freudiges Gefühl, und daß kann doch nur fein, weil ich imstande war, der guten Seele eine so große Herzensfreude zu machen. * O weh, das war noch eine ungute Stunde. Cilli war da. Es fiel mir etwas Fremdes an ihr auf. Aber ich war zu benommen von Eigenem, als daß ich mir gleich klar gewesen wäre, was es war. „Du kannst mir dreist zu dem neuen Mantel gratulieren, wenn du mir auch das Geld dazu gepumpt hast." Ach so, der neue Mantel machte das Fremde? Oder war es der seltsame Ausdruck in dem merkwürdig scharfen Gesicht. Cilli sieht schlecht aus. „Geschenkt selbstredend, nicht gepmnpt", sage ich und fühle, daß ich rot werde. „Nichtsdestotrotz gefällt er mir sehr gut, und du siehst sehr stattlich darin aus. Meine Tante Sternheim würde sagen: „Du sollst ihn gesund zerreißen, vorher aber Kalle drin werden." „Das mit dem Zerreißen wird sich mit der Zeit machen lassen," sagt sie mißlaunig; „das andere aber" — sie zuckt dle Achseln. Dann stellt sie sich breit vor mich hin: „Du, was sagst du dazu? Es war alles fertig für meine Abreise, für die brauchte ich ja nur den Mantel, ich warte täglich aus den letzten zusagenden Bescheid, — was meinst du, der Idiot aus Magdeburg hat mir abgeschrieben." Ich fühle, daß ich dunkelrot werde. „Er hat „keinen Bedarf". Was sagst du zu der Ausrede?! Auf einmal hat er „keinen Bedarf!" Sie kehrt sich um, lim mit zornig großen Schritten auf und ab zu gehen und bleibt dann doch plötzlich wieder vor mir stehen: „Du, was ich dich vor allen Dingen fragen wollte: stehst du mit ihm in Briefwechsel?" Ihre Stimme klingt sehr verhalten, sehr drohend. Da raffe ich mich, was hilft es, sie muß es ja doch erfahren: „Mehr als das, Cilli. Ich habe ihn sogar gesprochen. Er war hier und wir haben uns miteinander verlobt." Und da sitzt sie breit auf dem Stuhl, mitten auf dem neuen, schönen Mantel, dessen Flügel sie, ehe sie sich das vorige Mal setzte, vorsichtig auseinander geschoben hatte. Aber jetzt hat sie der Schreck jäh auf den Stuhl geworfen, die Füße bleiben plump vor ihr auf den Boden gestellt. „Ich bin platt," sagt sie auch noch zum Ueberfluß und dann nach einer kurzen Weile: „Donnerwetter." „Ist das dein Glückwunsch, Cilli?" frage ich leise. „Na, hör mal, die Ueberraschung war etwas kräftig!" Und wieder nach einer Pause, sie scheint sich noch gar nicht da hineinfinden zu können: „Uebrigens chätte ich dich nicht für so schlau gehalten, und nicht für so — falsch." Das letzte Wort kommt ganz leise heraus. Ich fühle mehr Mitleid mit ihr und ihrer seelischen Verfassung als Gekränktheit. Aber wozu soll ich mich grundlos beleidigen lassen? Ich sage ganz ruhig und abschließend: „Sonst hätten wir wohl nichts mehr zu besprechen, Cilli?" Da ist sie wieder die Alte, die einmal bitter ist, einmal leichtfertig und dann wieder verzweifelt, — nie weiß man, was gerade kommt. Aber heute überrascht es mich schon nicht mehr so, daß sie sich wie außer sich auf das Sofa wirft, die Arme auf die Seitenlehne und verzweifelt weint. Ich weiß, meine beruhigenden Worte Hallen an ihrem Ohr vorbei. In dieser Stimmung ist sie kleinmütig und immer bereit, all ihre Derbheiten reuevoll zurückzunehmen. Auch meine „Falschheit" gibt sie wieder aus. So sind wir in Frieden auseinandergegangen. Aber ihr unbefriedigendes Schicksal geht mir nicht aus dem Kopf. Vielleicht, daß mir doch noch, wenn ich ganz in Ruhe mit mir selber bin, etwas einfällt, wie ihr ohne Schädigung für andere zu Helsen wäre. * Mein Zukünftiger hat mir die Bilder seiner Kinder geschickt. Nun ist auf einmal das ernste grüne Zimmer, das nur das Bild eines Toten und feine stille Tochter beherbergte, wie belebt, als klänge Kindcrlachen darin und zarte Kindersüßchen trippelten über die dicken Teppiche. Und dabei stehen die kleinen Rahmen doch all nur in meineur Fenstereckchen, auf dem Nähtisch. Ich hatte Vaters Bild immer so stehen, daß ich, wenn ich von demStuhl vor demNählisch seitwärts aufschaute, in sein Gesicht blicken mußte. Sv treffen nun seine Augen jetzt die kleine neue Schar, die da so plötzlich in mein Leben getreten ist, und mir ist es, als blicke er sie mit liebfreundlichen Großvaterblicken an und heiße sie willkommen. Meine Blicke gehen von seinem Bild zu dem Kinderbildchen und zurück, und es spinnt sich ein Band hin und her, das uns drei Generationen umschließt. Ja, ja, Vater, heute könnte ich deinen Rat brauchen, so stark meine Zuversicht ist, daß mir mit dem festen, freudigen Willen auch das Gelingen, soweit dem Menschen überhaupt Gelingen beschieden ist, zuteil werde. Vier zarte, junge Seelchen werden mir anvertraut, vier jungen Wesen soll ich Schicksal werden. Und eines Tages werden

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