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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-07 · Heft 49 (7.12.1917) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 49 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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Durch wirkliche Tragik werden wir erschüttert, erhoben, gereinigt, wenn das gewaltige Schicksal ehern einherschreitet, wenn der Mensch durch eigene Schuld in Sünde verstrickt wird oder sein Verderben 'horausbeschwört; die Tragik dieses Romans dagegen wird nicht verschuldet durch das Vergehen des Helden, sondern durch seine Kränklichkeit, die entweder eine Folge der Schwäche seiner Eltern ist oder die ihm durch eine schwere Erkältung zustößt, die er sich bei seinen Studien in den ungeheizten Räumen der Klosterbibliothek bei furchtbarer Winterkälte zugezogen hat. Eine derartige Wirkung ist eine zufällige, nicht die Folge unabweisbarer Notwendigkeit; wir empfinden tiefes Mitleid mit ihr, aber nicht jenes erschütternde Gefühl, das die wahrhafte Tragik auslöst. Wenn ich mit diesen Bemerkungen schon mich auf das Gebiet der Kritik begebe, so möchte noch ein anderes Moment hervorgehoben werden, das sür die Charakteristik des hervorragenden Schriftstellers bedeutsam ist: er vermeidet die Mittellinie, er bewegt sich in Extremen. Er kennt nur wenig gewöhnliche Menschen, bevorzugt dagegen das Ungewöhnliche: Menschen von insernahischer Schlechtigkeit und von himmlischerGüte; aus der einen Seite wahre Teufel von Roheit und Gemeinheit, auf der anderen Männer und Frauen von geradezu übermenschlichem Edelmut, von Entsagung und Aufopferung. Gewiß liegt darin ein ganz staunenswertes künstlerisches Motiv, eine Kontrastwirkung, die von ungeheuerer Kraft zeugt. Aber eine solche Steigerung ist ungewöhnlich und dem wirklichen Leben nicht entsprechend. Sieht man von diesen Bedenken ab, so wird man von reiner Bewunderung dieser Meisterleistung gegenüber erfüllt. Denn außer den schon erwähnten Momenten ist noch aus die Gesinnung des Verfassers hinzuweisen: auf seinen bisher nur kurz angedeuteten mutigen Kampf gegen politischen und religiösen Fanatismus, auf seinen Eifer gegen politische Unterdrücker, z. B. auf die unendlich sympathische Darstellung eines Studenten Wild, des ersten Lehrers Senders in der deutschen Sprache, eines Jünglings, der wegen seiner Beteiligung an der Revolution, von 1848 auf Lebenszeit zum Train versetzt und wegen einer schweren Subordination zum Tode verurteilt wird. Franzos' dichterische Meisterschaft bekundet sich sodann in grandiosen Naturschilderungen: in der Vorführung des Reizes der Ebene, des Zaubers des Frühlings, der Glut des Sommers, der Stärke des eisigen Winters. Die Darstellung der entsetzlichen Winternacht, in der Sender seine entscheidende Wanderung antritt, des Eisganges des Dnjestr, der des angehenden Schauspielers Reise nach Ezernowitz verzögert und i ihn gegen seinen anfänglichen festen Entschluß schließlich doch in die Gemeinschaft der Schmierenleute treibt, sind Bilder vdn fortreißender Gewalt. Ein ganz besonders feiner Zug liegt ferner darin, daß bei Senders literarischen Studien das Sprachliche, Stoffliche, Aesthetische ganz in den Hintergrund tritt; was ihn an den „Spielen" (so bezeichnet er die Dramen, denn für Erzählungen und Lyrik hat er kein Interesse) fesselt, sind wesentlich die Hauptrollen und deren Verkörperung. Und auch bei diesen Dramen ist sein Interesse durch seine Geburt und sein« Umgebung völlig beschränkt. „Philotas" von Lessing ist ihm z. B. ein Rätsel, das er nicht zu lösen vermag; „Emilia Galotti" eine schwere Ausgabe, mit der er sich herumplagt, ohne zu ihrem Verständnis zu gelangen. Eher weiß er sich schon mit Schillers „Räubern" abzufinden, obgleich ihm für deren literarische Würdigung wie für deren dramatische Wucht jedes Verständnis fehlt; aber sein wirkliches Interesse wird erst wach, wenn die jüdische Seele mitklingt. Und auch hier wird mit vollendeter Kunst gezeigt, daß er für Nathans Weisheit nur mühsam Verständnis erlangt und den tiefen Sinn der Erzählung von den drei Ringen nicht zu erfassen vermag, da er in jüdischer Einseitigkeit befangen ist, daß er aber sich in Shakespeares „Kaufmann von Venedig" sofort ganz hineinlebt, dessen erste Aufführung wie ein Blitz sein Leben durchfährt und ihm seinen eigentlichen Beruf enthüllt. Und endlich muß auch noch auf einzelne Liebesszenen hingewiesen werden. Auch diese entbehren durchaus nicht des Humors, ebensowenig der Tragik. Sender liebt, ein ziemlich Unverdorbener, mit aller Kraft seiner Seele — aber das Mädchen, dem er diese Gefühle weiht, ist mit einem anderen verlobt und er muß, nachdem er fast zu spät diese Gesinnung erkannt hat, entsagen und verzichten. Das unvergleichlich Große und Erhabene in diesem meisterhaften Werke ist aber vor allem, daß es, obgleich es uns in eine Welt führt, die nicht die unsrige ist, die wir vielleicht hassen müßten, weil sic uns in Abgründe leitet, deren Verderblichkeit wir erkennen, durch seine dichterische Kraft aufs stärkste packt und nicht losläßt. Ich habe dieses Buch wiederholt gelesen und auch bei der letzten Lektüre, obgleich mir jede Einzelheit längst vertraut war, mit atemloser Spannung durchgenommen. Ein reifes Werk, voll der schönsten Einzelheiten, künstlerisch vollendet in seinem Aufbau, fesselnd, erhebend, ergreifend. Man kehrt zu ihm immer wieder mit Freude zurück und vermag nur den Schmer; nicht zu unterdrücken, daß es dem Verfasser nicht vergönnt gewesen war, sich der Aufnahme dieses Buches zu freuen, Obsthändlerinnen. 1 i 1

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