Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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582 der engen Gasse hineinbohrten. Dämmernde Halbhelle liegt am Morgen über dem majestätischen, erhabenen Raum, dessen marmorne Säulenpracht und monumentale Größe man nicht entfernt in dieser geduckten llmvelt vermutete- Unendlich entrückt aller Geschäftigkeit ist die Beterschar, die, in frommem Eifer den Rhythmus des Gebets auf den Körper übertragend, bedeckten Hauptes mit ihrem Gotte spricht. Bisweilen gärt das gleichförmige Brodeln wild auf wie zischende Brandung, um dann jäh zu verstummen. Dann geht, nein strömt von der schmuckreichen Altarwand eine gebietende Stimme durch den Raum. Eine Stimme, für die der Musiker keine Klassifizierung weiß. Bald stählerner, strahlender Tenor, bald heroischer Bariton; Anklage, Flehen, Jubel, Dank, Schmerz, Jauchzen — alles und noch viel mehr ist in dieser einen- Stimme. Sie bleibt auch unumschränkte Gebieterin, wenn der Knabenchor mit ihr geht und forcierte Soprane, für unsere Ohren schmerzlich grell, ihr die Herrschaft streitig machen. Ein erhabenes Sprachrohr Jehovas, tönt die Stimme grollend und gewährend, anklagend und entsühnend über die gesenkten Häupter der Beter. Sie rüttelt an verstockten Herzen, tut Seelentore weit aus und ist Mittler auf dem Wege, der von Alltag in Sonntag wirft. Draußen geht die flutende Sonne hemmungslos über die Dächer des Gettos. Im Betraum wird es nur hell, wenn am Sabbat künstliches Licht erstrahlt. Aber stärkere Kraftquellen | als von den elektrischen Lampen, die barbarischer Eegenwarts-! sinn historischer Kultur aufpropfte, gehen vom Altar aus,; wenn des Vorbeters Stimnre unhebt, wenn Herfchmann singt - in der alten Synagoge zu Wilna .... Oran?os, „Btt Ochs?" Von L u dw ig Geiger. ieses hervorragende Werk wurde im Jahre 1893, also vor fast 25 Jahren geschrieben. Die Vorrede ist vom 15. Juli 1893 datiert; Franzos konnte sich nicht entschließen, das Werk in deutscher Sprache zu veröffentlichen (es ist während seines Lebens nur in russischer Sprache, und, wenn ich nicht irre, auch in anderen erschienen.) Erst nach dem am 28. Januar 1904 erfolgten Tode des Dichters entschloß sich seine Gattin,. Frau Ottilie Franzos, die mit rührender Treue das Andenken an ihren Gatten zu wahren und zu beleben beflissen ist, das Werk, gewiß im Sinne ihres Gatten, herauszugeben. Gleich bei seinem Erscheinen hat es große Anerkennung gefunden und auch später einen ungewöhnlichen Erfolg gehabt; dieser ist ihm treu geblieben. Zwölf Auslagen in ebensoviel Jahren sind ein sprechendes Zeugnis dafür. Franzos hat in einem sehr merkwürdigen Vorwort die Gründe auseinandergcsetzt, aus denen er die Drucklegung des Werkes unterließ. Sie bestehen darin, daß er es erstens fürbedenklich fand, einen Roman aus dem Stosfkreis herauszugeben, in dem er bisher nur Novellen geschrieben hatte; zweitens, daß es ein humoristischer Roman sei; drittens, daß er die Feindschaft seiner chasfidischen Gegner und Schmäher nicht nochmals heraufbeschwören wollte. An der Zuverlässig- ‘) Karl Emil Franzos, „Ter Pojaz". Eine Geschichte aus dem Oste». 11. und 12. Auflage. Stuttgart und Berlin, I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf., 1917. Ein Baud von 486 Leiten. Das Werk war ursprünglich in zwei vornehin ausgestntteten Lreitgedruckten Bänden erschienen. Es ist jetzt vei engerem, aber wohlgefälligem Drucke, bei geringerer Ausstattung, die aber immerhin noch durchaus anständig genannt werden mutz, in einen Baud zusammengedrängt; der Preis ist gegenüber den früheren teuren Auflagen stark ermäßigt. So eignet sich schon seiner Wohlfeilheit wegen das Buch in höchstem Grade zur weitesten Verbreitring auch in den weniger bemittelten Klassen. keit dieser Angaben ist gewiß nicht zu rühren. Doch möchte ich meinen, daß der dritte Grund der ausschlaggebende gewesen ist. Denn Franzos war ein mit gutem Grunde zu selbstbewußter Mann, mn an seiner Begabung und an seiner Kraft zu zweifeln; zudem kann man das Werk nicht eigentlich als einen humoristischen Roman bezeichnen. Um über das letztere ins klare zu kommen, sei ein kurzer Hinweis auf den Inhalt gestattet. Eine ausführliche Analyse habe ich bald nach dem Erscheinen des Romans an dieser Stelle gegeben; breiter habe ich mich darüber in meiner SkiM über Franzos (Die deutsche Literatur und die Juden, Berlin 1910) ausgelassen. Daher brauche ich nur mit knappen Worten auf folgendes hinzulveisen: Der Held des Romans, Alexander Kurländer, kurz Sender genannt, dar Sohn eines durch Geist, Witz, komisches Talent berühmten Schnorrers Mendel Kowner und einerschönen Frau (der Vater starb vor, die Mutter unmittelbar nach der Geburt des Knaben), wird von einer Mautaufschvrin Frau Rosele als ihr eigenes Kind erzogen; das streng bewahrte Geheimnis feiner Geburt erfährt er erst ziemlich spät. Er hat das glühende Verlangen, Schauspieler zu werden, lernt unter unsäglichen Mühen die deutsche Sprache und eignet sich einigermaßen eine moderne Bildung an, wird in seinem Vorhaben durch einen jüdischen Theaterdirektor, einen ideal veranlagten Künstler, Nadler, gefördert, muß aber auf die Ausführung seines Planes verzichten, da er durch ein Lungenleiden in jugendlichen Jahren dähingerasst wird. Schon dieses tragische Ende allein zwingt uns, dem Roman den Charakter eines humoristischen abzusprechen. Wohl fehlt es nicht an vielen humoristischen Einzelheiten. Die Streiche des Helden, der eben als Pojaz bezeichnet wird, allein enthalten eine Fülle von Humor. Mit überwältigender Komik werden ferner viele Personen ausgestattet: die Lehrherren des HÄden, ein Uhrmacher und der Inhaber einer Agentur, der Heiratsvermittler Türkischgelb, dem bei aller Drolligkeit der Sprechweise und des äußeren Behabens tiefes Gemüt und edelste Handlungsweise nicht abzusprechen ist; die Schauspieler und Schauspielerinnen einer Schmiere, mit denen der Romanheld bei feiner Wanderung zu feinem künftigen Prinzipal zusammentrifft und von denen er, da er sich endlich, trotz seines anfänglichen Sträübens, ihnen anzuschließen gewillt ist, durch seine robuste Pflegemutter befreit wird. Fast ebenso reich wie diese humoristischen Einzelheiten, zu denen auch die prächtige Figur eines ewig betrunkenen Klosterpförtners gehört, sind die satirischen Zutaten. Sie finden sich einerseits in der Charakteristik der schon erwähnten Schinierenmitglieder, einer ganz eigenen, wohl von Franzos zuerst in die Literatur eingesührten Menschenklasse. Denn während es Komödiantenromane schon vielfach gegeben hat, so treten wohl hier erstmalig Schauspieler auf mit jüdischen Namen und jüdischen Eigentümlichkeiten. Satirisch sind ferner christliche Beamte, jüdische Wundertäter, jüdische und christliche Schurken gezeichnet, satirisch auch, aber mit dem Ausdruck wahrhaften und edlen Zornes, finstere christliche Geistliche und fanatisch starre Vertreter jüdischer Orthodoxie. Gegenüber diesen zahlreichen humoristisch - satirischen Einzelheiten wiegt aber doch die Tragik vor. Sie besteht vor allem darin, daß ein ideal angelegter Mensch seine brennende Sehnsucht, deutsch zu lernen, allgemeine Bildung sich anzucignen, nur mit den allergrößten Schwierigkeiten zu befriedigen vermag und daß er, da er wähnt, am Anfang einer neuen Laufbahn zu stehen, zugrunde geht. Und wenn es gestattet ist, einem solchen Meister wie Franzos gegenüber einen Mangel hervorzuheben oder wenigstens