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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-07 · Heft 49 (7.12.1917) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 49 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 Eine kurze Betrachtung aller vier Ereignisse ist notwendig. t. Der Antrag auf sofortigen Waffenstillstand und die Einleitung von Fri ed e ns v erh and - tun gen seitens Rußlands ist sehr ernst zu nehmen. Der Stillstand ist an einzelnen Stellen schon eingetreten; Verhandlungen über den allgenreinen Waffenstillstand haben begonnen. Es scheint, daß die gegenwärtigen Machthaber sich in ihrer Stellung befestigen, obgleich unerwartete Rückschläge nicht ausgeschlossen sind, und daß es mit Rußland zu einem Sonderfrieden kommt. Seitens der Mittelmächte besteht Geneigtheit, auf dieses Anerbieten einzugehen, und die Tatsache, daß die Ententemächte ihre Botschafter und Gesandten aus Rußland zurückgezogen haben, spricht dafür, daß sie den Ernst der Lage einsehen,.wenn sie auch keineswegs geneigt sind, sich gutwillig der Gewalt der Tatsachen zu fügen. Sie scheinen wenigstens das gegenwärtige Rußland aufzugeben, das seine ehemaligen Bundesgenossen durch die Veröffentlichung der schimpflichen Geheilnverträge, die noch bis in die letzte Zeit andauerten, aufs empfindlichste bloßgestellt hat. Die Friedenßgeneigtheit Rußlands kann oder muß die weitere Folge haben, daß Rumänien sich fügt und, da es ganz isoliert dasteht, daß es auch seinerseits um Frieden nachsucht. 2. Der^B r i e f L a n sd o w n e s ist ein sehr beachtenswertes Dokument. Gewiß, er ist von einem Privatmann geschrieben und wird von den Machthabern Englands und seiner Gefolgschaft desavouiert. Aber in seinem offenen Bekenntnis, daß unsere Feinde nicht imstande seien, ihre Kriegsziele zu erreichen, daß sie sich vielmehr genötigt sehen müßten, ihre Forderungen zu beschränken und in vielem nachzugeben, enthüllt er die Friedenssehnsucht weiter Kreise und beweist die wachsende Erkenntnis in den Reihen gerade unserer schlimmsten Gegner. 3. Die Neuregelung unserer inneren Verhältnisse: die Gewährung des allgemeinen Wahlrechts für Preußen und die Neugestaltung des Herrenhauses, bekundet den Willen unserer Regierung, den Forderungen des Volkes entgegenzukommen. Werden damit auch nicht alle Wünsche erfüllt, wie die Aeußerungen mancher liberaler Blätter bekunden, so erhellt doch aus dem Schmollen und dem Unwillen der Konservativen, daß in ihnen die Ahnung aufdämmert von dem Untergang ihrer Herrschaft und dem Anbruche einer neuen Zeit. Wenn wir in bezug auf die Reform des Herrenhauses in der „Frankfurter Zeitung" lesen: „Zu der bevorstehenden Reform des Herrenhauses erhebt das Hamburger „Israelitische Familienblatt" im Hinblick ans die Mitteilung, daß die protestantische und katholische Geistlichkeit, alter Uebung entsprechend, ihre Vertretung behalten soll, die Forderung, daß auch der Judenschast eine Vertretung zugebilligt werde, nach dem Vorbilde Klsaß-LothringenS, wo ein indischer Geistlicher, nach der Wahl der jüdischen Landeskonsistorien der Oberrabbiner von Metz, Mitglied der Ersten Kammer ist." io ist folgendes zu bemerken: Gewiß wäre eine offizielle Vertretung der Judenheit im Herrenhause erwünscht oder nötig. Aber ehe eine solche möglich ist, müßte eine Neuordnung der jüdischen Verhältnisse erfolgen: es müßte eine Anerkennung irgendeiner jüdischen Behörde als offizielle Vertretung der Judenschaft geschehen. Solche Forderungen: Schaffung eines Oberrats od. dgl. haben wir schon früher ausgesprochen; nach dem Frieden wird die Zeit kommen, solche Ansprüche naher zu begründen. Würde schon jetzt seitens der Staatsbehörde ein jüdischer Vertreter berufen, so könnte es leicht geschehen, daß die Wahl gerade auf den ungeeignetsten Mann fiele. Es ist daher besser, zu warten, als voreilig ein Begehren zu stellen, dessen Erfüllung uns mehr Schaden als Ruhen zu bereiten geeignet ist. 4. Die fast einstimmige Bewilligung der neuen Kriegskredite (nur das Häuflein der unabhängigen Sozialdemokraten hat sich dagegen erklärt) bezeugt die Einmütigkeit der deutschen- Volksvertreter, den ungeheuren Krieg zu einem siegreichen Ende zu führen. Nimmt man dazu, daß im Westen unsere Sache gut steht, daß die Engländer, die sich vorige Woche rühmten, den größten Sieg dieses Krieges errungen zu haben, gründlich geschlagen worden sind und mehrere tausend Gefangene eingebüßt haben, daß in den allerletzten Tagen sehr verheißungsvolle Erklärungen Hindenburgs und Ludendovsis verkündet worden sind, Aussprüche zweier Männer, die nur auf Grund ihrer vertrauten Kenntnis der Sachlage reden, so kann man mit Zuversicht und Vertrauen den Ereignissen entgegensehen. Man darf mit einiger Hoffnung das kommende Jahr als das verheißungsvolle Friedensjahr bezeichnen. * Leider ist das, was über jüdische Verhältnisse zu berichten ist, nicht so hoffnungsvoll wie das, was über allgemeine Ereignisse gesagt werden kann. Das Anwachsen des Zionismus erfüllt uns mit schwerster Sorge. Die Absicht der Engländer, einen zionistischen Staat in Palästina zu errichten, tritt immer deutlicher hervor. Daß die Zionisten der neutralen Länder sich einem solchen Plane geneigt zeigten, war zu erwarten. Aus Rußland hört man von der Billigung solcher Pläne nichts; gerade die russischen Juden, auf die manin erster Linie für einen solchen zioniftifchen Staat rechnen durste, werden, wenn die Verhältnisse in Rußland sich weiter freiheitlich entwickeln, am wenigsten geneigt sein, Insassen eines anderen Staates zu werden, lieber die Stellungnahme der deutschen Ziomsten zu der englischen Idee erhalten wir Kenntnis aus folgender Zeitungsmeldung: Die deutschen Zionisten und die palästinensische Heimstätte. Die in Berlin erscheinende „Jüdische Rnndschan", das Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, bespricht in seinen zwei letzten Nummern die Erklärung der englischen Regierung, wonach diese die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen betrachtet und die größten Anstrengungen machen will, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern. Das zionistische Organ erblickt in der englischen Erklärung ein Ereignis von außerordentlicher Tragweite, da zum ersten Male eine Großmacht in offizieller Weise den Anspruch des jüdischen Volkes auf Erneuerung seines nationalen Daseins in Palästina anerkennt. Es wird als nicht richtig bezeichnet, die englische Zusicherung als einen Bluff aufzufassen. Denn gerade, wenn es England gelingen sollte, Palästina zu besetzen, würde es unmittelbar genötigt sein, die Versprechungen einzulösen, die es in seiner Erklärung gegeben hat. Es sei auf Grund der vorangegangenen Verhandlungen zwischen den Ententestaaten kein Zweifel daran möglich, daß die Zustimmung der mit England verbündeten Mächte zu den zionistischen Wünschen vorliegt. Eine endgültige Lösung sei aber nur durch die Friedenskonferenz möglich, da Palästina auch im Falle der kriegerischen Beisetzung durch England türkisches Gebiet bleibe. Die „Jüdische Rundschau" glaubt, daß cs der besondere Wunsch der englischen Zionisten gewesen sei, daß die prozionistische Erklärung ohne Beziehung zu irgendwelchen englischen Protektoratswünschen abgegeben würde. Das Wesen der zionistischen Bewegung verlange, daß das Werk der jüdischen Wiedergeburt in Palästina von dem Wohlwollen aller Mächte getragen und in vollster Loyalität gegenüber dem souveränen Herrn des Landes vollzogen werden muß. Es wird daher im Leitartikel der „Jüdischen Rundschau" vom 23. November nachdrücklich als Aufgabe der zionistischen Politik bezeichnet, die Zustimmung der Türkei und der Zentralmächte zur Verwirklichung des Zionismus zu erlangen. Die Regierungen und die öffentliche'Meinung der Zentralmächte seien über den Zionismus lange unterrichtet. Es ist besonders

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