Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 der Verschiedenheit der Zeiten und der Unvergleichbarkeit der in Betracht kommenden Verhältnisse, um die es sich handelt, zugleich einen Schlüssel, der ihm das Verständnis der Gegenwart öffnet. Daß unser deutsches Volk nach 40 Monate langer Dauer gewaltigen Anstürmens und Anrennens an Zahl und Machtmitteln weitüberlegener Gegner aus allen Erdteilen und Himmelsrichtungen militärisch nicht zusammengebrochen und wirtschaftlich nicht zugrunde gegangen ist, sondern im Gegenteil in beiden Beziehungen sogar Höchstleistungen aufzuweisen hat, welche auf die Unerschöpflichkeit seiner inneren Kraftquellen schließen lassen: das ist eins der größten Wunder der Weltgeschichte, dem nur das noch größere Wunder der Erhaltung Israels in allen Stürmen der Zeitläufte an die Seite zu stellen wäre. Die tiefste Kraftquelle der Menschen und Völker ist aber zu allen Zeiten das Rechtsbewußtsein und das Pflichtgefühl, das von der religiösen Ueberzeugung in Bewegung gesetzt wie einst in den Tagen der Makkabäer zur flammenden Begeisternng angefacht und zum tatenzeugenden, alle Widerstände überwindenden Heroismus gesteigert werden kann. Oder sollen wir bei den großen geschichtlichen Erfolgen der deutschen Waffen auf allen Schlachfeldern, die wir staunend miterlebt haben, an die Gunst des Kriegsglückes und an die Entscheidung eines Würfelspiels des Zufalls glauben? Mit Reibt hat darum unser Kaiser in seiner nach der gerechten Vergeltung des italienischen Treubruchs an die brandenburgischen Kämpfer der Jsonzofront unlängst gerichteten Ansprache von religiöser Empfindung und Auffassung eingegebene Worte gesprochen, welche an die oben erwähnten Worte des Juda Makkabi erinnern: Hier haben höhere Mächte gewaltet und ein Strafgericht vollzogen, hier hat ein Gottesurteil die Stimme erhoben und enschieden für Recht und Wahrheit! , „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" bajomim hohem basman hase, wie in jenen Tagen Mo auch in dieser Zeit. In dieser Ueberzeugung dürfen wir trotz bedrückender Schwere unserer Zeit auch am bevorstehenden Chanukkafeste bei Lichterstrahlen und Preisgesängen mit Hoffnung und Vertrauen der fernen Zukunft entgegensetzen. Lum Chsnukkakelt. Von Willy Cohn lim Feldes. ein anderes Fest wie dieses gibt dem feldgrauen Juden zu denken und zu sinnen — steigt ja doch mit ihm die Erinnerung an die glorreiche Makkabäerzeit auf. in der jüdischer Heldenmut der ganzen Welt staunenerregende Beweise seiner Tapferkeit gab! — Wenn wir als Knaben im Religionsunterricht von jenen Ereigniffen hörten, dann schlugen unserer aller Herzen höher, und freudiger Stolz hob die Brust, ein Nachkomme jenes Heldenvolkes zu sein. Nun tragen wir selbst die Waffen und üben das harte Handwerk des Soldaten aus. In allen Schützengräben der Welt liegen jüdische Soldaten, um ihr Vaterland verteidigen zu helfen: sie alle erfüllen ihre Pflicht, auf welche Weise sie auch immer fechten. Viele Tausende von uns deutschen Juden deckt nun schon lange der schlichte Rasen des Soldatengrabes, und sie alle haben bewiesen, daß in ihnen das Makkabäerblut noch ebenso fließt wie vor Jahrtausenden! Was kümmert es uns, daß trotz aller dieser Taten der Haß gegen uns noch nicht erloschen ist und schmutzige Wühlarbeit unseren Namen, den jüdischen Namen, verleumden will! Wir gehen unseren geraden Weg, unbekümmert um jene, die alles Unheil den Juden in die Schuhe schieben möchten; uns kann es gleich sein. Der Kantsche kategorische Imperativ soll unser Leitmotiv sein, und je weniger wir rechts oder links schauen, um so aufrechter werden wir ihn schreiten! Wir deutschen Juden, die wir vor dem Feinde stehen, wir sind hier draußen alle jüdischer geworden; wir habend ebenso wie unsere Frauen in der Heimat, erkannt, daß die Treue zum Vaterlande sich sehr wohl verträgt mit der Bewahrung unserer jüdischen Art und daß wir unser Bestes aufgeben würden, wenn wir im Glauben der Väter und in der Treue zum jüdischen Stamme wankten! Nur so können wir es vermeiden, daß wir nicht die Wurzeln unserer Kraft aufgeben und wurzellos treiben wie ein vom Winde losgerissenes Blatt. Jüdische Fragen haben in steigendem Maße unser Interesse erregt; sind es doch unsere eigenen Fragen! Der Stolz auf jüdisches Wesen legt auch Pflichten auf, und die Lücken im Wissen fordern gebieterisch Ausfüllung. Die Bande des Blutes durch die Jahrtausende singen in uns, und wir wisien, daß auch dieser Krieg um die Zukunft des Judentums geht, und der, will's Gott, nicht allzu ferne Frieden soll auch uns gerüstet finden, einzutreten für die Ehre des jüdischen Namens! Wenn die Chanukkalichter aufflammen werden allüberall, dann werden viele fehlen, die sie einst selbst anzündeten im eigenen Heim und die nun längst einaerückt sind zur großen Armee. Ihrer gedenken wir vor allem an diesem Feste jüdischer Wehrkraft! Der Geist Juda Makkabis erfüllte sie und erfüllt die noch lebenden Kämvfer! Denn wir führen das Schwert nicht nur zur Verteidigung des Vaterlandes, sondern auch zur Ehre des jüdischen Namens! Denen aber in der Heimat, und vor allem der Jugend, unserer Zukunft, rufen wir zu. an diesem vierten Chanukkafeste im Weltkriege sich bewußt zu werden, welche Aufgabe ihrer als Juden harren und welche Pflicht sie haben, das Erbe der Väter getreulich zu verwalten für die kommenden Generationen! Unser Stamm, der die Jahrtausende überdauert hat, wird und soll auch nach allen Blutopfern der Gegenwart neuem Blühen entgegengehen; dazu gehört aber vor allem, daß die Kenntnis von der Vergangenheit nicht in unserer Mitte erlisckit. sondern lebendig und fruchtbar bleibt! Die begeisternden Klänge des Chanukkaliedes erfüllen unsere Synagogen, und in manchem Unterstand wird sie manch jüdischer Krieger leise für sich singen. Unzählige Gebete werden zu dem Allmächtigen emporsteigen, sein Volk Israel wie bisher zu beschützen und durch alle Wirrnisse der Gegenwart zu einer glücklicheren Zukunft zu führen! Und wenn am letzten Tage des Festes der ganze Leuchter in seinem Lichterglanz erstrahlen wird, dann wird mit dem Anzünden der letzten Kerze der innige Wunsch zum Himmel emporsteiaen, daß das nächste Chanukkafest schon in friedliche Zeiten fallen möge und die Wunden am Heilen sind, die nun seit Jahren geschlagen werden. Sollte uns eine glückliche Heimkehr beschieden sein, so entringt sich an diesem Chanukkafest unserer Brust das Gelöbnis, unsere Kinder so zu erziehen, daß der Geist Juda Makkabis sich sorterbt von Geschlecht zu Geschlecht, zum Ruhme Israels! Dir Macht. Berlin, 4. Dezember 1917. reignisse von weittragenderBedeutung haben sich in der Berichtswoche vollzogen, außer den üblichen großen Erfolgen unserer Unterseeboote: 1. Das Friedensangebot der gegenwärtigen russischen Regierung, 2. der Brief des früheren englischen Ministers Lansdowne, 3. die Neuregelung der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland, 4. die Bewilligung der neuen Kriegskredite.