Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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vom Standpunkt der deutschen Juden zu wünschen, daß sich auch Regierungen und Presse der Zentralmächte für die Erfüllung der jüdischen Palästina-Forderungen rasch und entschlossen, offen und nachdrücklich einsetzen, damit nicht durch Versäumnis Sympathien verloren gehen, die zu gewinnen doch eine gewiß lohnende Aufgabe darstellt. Deshalb spricht die „Jüdische Rundschau" die Erwartung aus, daß die ZentralmLchte bereit sein werden, an der Förderung der zionistischen Wünsche so teilzunehmen, wie es ihren eigenen, weltpolitischen Interessen entsprechen würde. Die Schlauheit des englischen Vorgehens wird ersichtlich aus einer Notiz der „Deutschen Tageszeitung", die freilich, der Quelle wegen, aus der sie stammt, nicht ohne weiteres zuverlässig genannt werden kann: Ein jüdisches Regiment in P a l ä st i n a. Haag, 22. November. „Daily Chronicle" schreibt, daß zurzeit ein aus vier Bataillonen gebildetes jüdisches Regiment, bestehend aus in England ansässigen Juden, den Boden Palästinas erreicht haben dürfte. Diese Mannschaften würden aber voraussichtlich zu spät kommen, um noch an dem Einzug in Jerusalem teilzunehmen, der für heute oder morgen erwartet wird. Jedoch würden sie und die übrigen englischen Verstärkungen genügend Arbeit finden, da nach zuverlässigen Nachrichten eine starke türkische Streitmacht nach Palästina unterwegs sei. Nach Meldungen Pariser Blätter verfügt General Allen Bey, der Befehlshaber der britischen Truppen in Palästina, über eine Streitmacht von etwa 75 000 Mann; außerdem stehen bedeutende Reserven in Aegypten. ' * Bleiben wir bei englischen Verhältnifsen stehen, so müssen wir nach einer Mitteilung der „Aurore" daraus Hinweisen, daß ein jüdischer Leutnant S a s s o n in England in ein Irrenhaus gesperrt worden ist, weil er es offen aussprach, daß der Krieg beendet werden müsse, weil die Ziele, denen man nun nachstrebe, denen widersprechen, derentwegen man den furchtbaren Kampf begonnen habe. * Demselben Blatte zufolge ist in Affurnption in Paraguay eine jüdische Gemeinde begründet worden. * Folgende Aufsehen erregende Mitteilung entlehnen wir dem „Berl. Tageblatt": Die Pläne der Antisemiten. Tie heimlichen V o r b e r e i t u n g e u für die Zeit n a ch d e m K r i e g e. Die „Jüdische Rundschau" ist in der Lage, folgendes interessante Schriftstück zu veröffentlichen: I. Hennigsen, Generalsekretär, Hamburg 24, Jfslandstr. 34. Hamburg, 7. Juli 1917. Streng vertraulich! Sehr geehrter Herr Professor! „Verzeihen Sie gütigst, wenn ich mich in einer Angelegenheit an Sie wende, für die ich bei Ihnen als langjährigem Gesinnungsfreund Verständnis voraussehen darf. Ende 1915 fand in Berlin eine engere Besprechung statt, an der u. a. die Herren Graf Ernst Reveutlow, Professor Bartels, Tr. Schmidt-Gibichensels, Hofrat Lehmann, Theodor Fritsch, ein General und ein Regierungsrat, die nicht genannt, sein wollen, und der Unterzeichnete teilnahmen. Es wurde über die schnellste Verwendung des umfangreichen, belastenden Materials, das der Weltkrieg gegen das Judentum ergeben hat, beraten. Verschiedene Veröffentlichungen sind sofort nach Beendigung des Krieges vorgesehen; u. a. wurde mir die Herausgabe einer Schrift über die „Judeu im Weltkrieg" übertragen, natürlich unter Heranziehung geeigneter Mitarbeiter. Mit der Sichtung des umfangreichen Stoffes bin ich seit einem Jahre beschäftigt, soweit meine sonstigen Arbeiten das zulassen. Eine vorläufige Inhaltsangabe füge ich bei (Anlage 1). Die Herausgabe der 1. Auflage soll auch für das Judentum eine Ueberraschung bedeuten. Sie wird deshalb gleich nach Beendigung des Krieges nicht im Buchhandel erscheinen, sondern der Versand einer möglichst hohen Auflage soll an, zahlreiche Offiziere, Offiziersheime, Fabrik- und Gutsbesitzer, Kaufleute, Rechtsanwälte, Aerzte, Studenten usw. kostenfrei erfolgen. Dies setzt die vorherige Aufbringung der nicht unbeträchtlichen Herstellungs- und Versandkosten voraus, denn wir dürfen, nicht mit Schulden abschneiden. Eine öffentliche Sammlung soll wegen der Geheimhaltung des Planes nicht durchgeführt werden, und wir können uns deshalb nur an einen engen Kreis zuverlässiger Gesinnungsfreunde wenden, wobei wir schon durch wenige Aufforderungen ein sehr günstiges Ergebnis erzielten. Bisher sind die auf der einliegenden Liste angeführten Beiträge eingegangen bzw. gezeichnet. . ." Es überrascht nicht weiter, auch Persönlichkeiten des Alldeutschen Verbandes und der Vaterlandspartei an dieser neuen Kampagne gegen ihre jüdischen Mitbürger beteiligt zu sehen. Tausende jüdischer Soldaten haben im Kampfe für das deutsche Vaterland ihr Leben gelassen, „tut nichts, der Jude wird verbrannt". Aber die Versuche zu einer Wiederbelebung des vergiftenden Antisemitismus werden scheitern, weil es allzu klar ist, daß die Reaktion auf diesem unsauberen Wege, nrit einem- Appell an die niedrigsten menschliche!! Instinkte, lediglich die Massen einfangen will, um so alle Erfolge der Demokratie wieder zunichte zu machen. Einstweilen mag es genügen, auf diese gefährlichen Pläne hinzuweisen. Es gilt, die Augen offen zu halten und gerüstet m sein. Die großen jüdischen Organisationen werden das ihrige tun, um solchem Treiben zu begegnen. Aber es ist schmerzlich genug, daß eine derartige Judenhehe größten Stils vorbereitet wird; eine solche Behandlung haben die Juden, die treu zum Vaterland standen und stehen, nicht verdienst. Man muß mit den Ausdrücken tiefster Entrüstung ein solch ruchloses Unternehmen brandmarken und verdammen. Das Getto von Milns. Boir Ernst fl r i> tz B e 11 n lt c r. den Toren einer Welt, aus der früher nur vereinzelte Schmerzensschreie an die Ohren der europäischen Kulturvölker drangen, hat der Krieg die eisernen Riegel gerissen: von der Welt der russischen Gettos. Was wir vor dem Kriege von Väterchens „lieben Inden" wußten, beschränkte sich auf mehr oder minder realistischgefärbte Pogromgeschichten, auf Berichte von Ritualmordprozessen und aus die alarmierenden Schilderungen lungenkräftiger Wanderredner. Seit Hindenburgs sommerlichem Siegeszug von 191' sind in vielen russischen Großstädten die Schranken gefallen, hinter denen die russischen Juden unter dem Alpdruck brutaler Ausnahmegesetze ihr Scheindasein führten. Was sich den Blicken bot, war seltener, als man annehmen durfte, ein echtes Abbild jüdischen Eigenlebens. Die nivellierenden Einflüsse russischer Korruption und der Anachronismus des zarischen Regiments hatten die scharf gezogenen Grenzen vielerorts stärker verwischt, als man meinen sollte. So kommt es, daß das Getto von Wilna heute in Europa wohl die reinste Inkarnation, ja vielleicht das einzige von westlichen Kultureinflüssen freie Abbild jüdischen Volkslebens bietet und für Europa etwa dasselbe bedeutet wie die charaktervoll in sich abgeschlossene Judenstadt Algiers für Afrika. In dem zerflüfteten Häusermeer der alten litauische» Hauptstadt hausen die Juden heute noch genau so oasenhast abgeschieden wie im dunkelsten Mittelalter. Hier trennt noch heute e i n Schritt, den man unter einem verwitterten Torbogen tut, zwei Welten. Auge, Ohr und Nase verweigere zunächst den Gehorsam, wenn das Raunen und Kreische» der kauflustigen Menge, die stumpfe Buntheit der schmutzigen Gassen und der säuerliche Brodem fragwürdiger Speisereste auf sie einstürmen. Wie in Angst geduckte Hunde stehen auch bei blankem Sonnenschein die dürftigen Häuser einander