Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1917)
- Date
- 1917-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 49 Berlin, 7. Dezember 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regiernnzsrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 329s. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-<*9, zu richten. Verlag von Rudolf LNoffe, Berlin. i * Das Gottesurteil in jenen Tagen und in dieser Zeit. Zum LßlllJUll. Makkabäerfeste. Von A. Eckstein. — Zum Chanukkafeft. Bon Willy Cohn (im Felde). — Die Woche. — Das Getto von Wilna. Bon Ernst Fritz Bettauer. — Franzos, „Der Pojaz". Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Chanukka. Bon Jenny Bergmann. — Bitte. (Chanukka 1917.) Von Nathan Cohn (Charlottenburg). — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Genretrrdebpte (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Osterode, München, Nürnberg, Kassel, Frankfurt a. M., Stuttgart, Prag. — Von Nah und Fern. t. . . ©05 Gottesurteil in jenen Tngen und in dieser Leit. Zum Makkabä erfeste. Von A. E d st ei». ichterstrahlen und Preisgesänge verbreiten in Israels Gotteshäusern eine gehobene Stimmung, so oft mitten in winterlicher Jahreszeit das Fest der Tempelweihe bei uns einzieht mit seinen Erinnerungen an die Heldentaten der Makkabäer, zu deren Andenken das Chanukka wie ein durch die Zeiten wandelndes Denkmal eingesetzt wurde. Aber den Lichterstrahlen wird diesmal vielleicht die erwärmende Kraft fehlen und die Preisgesänge, die wir anstimmen, werden diesmal nicht aus freudigen Herzen klingen. Zu schwer lastet trotz erfreulicher Siegesbotschaften und trotz der lichtvollen Aussichten auf den entscheidenden Sieg der deutschen Waffen der Ernst der Zeiten und die Sorge für die ungeheuren Aufgaben der Zukunft auf allen Gemütern, als daß selbst die glorreichsten Erinnerungen unserer israelitischen Vergangenheit imstande sein sollten, uns zur Feier eines Siegessestes über die Gegenwart zu erheben. Aber ein Wegweiser kann das bevorstehende Chanukkasest uns mit seinem Lichte werden, ein Wegweiser von der Gegenwart zur fernen Vergangenheit und von der fernen Vergangenheit zurück zur Gegenwart und hinaus zur dunkeln Zukunft. Ob man berechtigt ist anzunehmen, daß es in der Weltgeschichte, wie in der Naturwelt, wenig konstante Gesetze gibt, die den scheinbar regellosen Lauf der Begebenheiten und Schicksale der Völker wie einen Fluß durch Krümmungen und Windungen begleiten und einem vorbestimmten Ziele entgegenführen sollen? Die Beantwortung der Frage wird man dem Urteile denkender Geschichtsforscher überlassen müssen. Aus dem Standpunkte, den die religiöse Weltanschauung einnimmt, sollte man statt von Gesetzen besser von der Annahme sittlicher I d e e n. ausgehen, welche durch das Mittel der vom menschlichen Willen ausgehenden Handlungen, der freien wie der unfreien, im geschichtlichen Werdegange allmählich entwickelt und verwirklicht uns erscheinen. Bon solchen Voraussetzungen ist z. B. Herder in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" ausgegangen. Eine solche durch die Zeitereignisse der letztendrei Jahre uns besonders nahegelegte Idee ist die der immanenten Gerechtigkeit. Kaum eine Frage hat uns ja bei allen Erfahrungen und überraschenden Wendungen des Weltkrieges mehr beunruhigt als die Frage: Gibt es eine vergeltende Gerechtigkeit in der Geschichte? Und darauf kann uns das Blatt der Vergangenheit, das die Geschichte der Makkabäerzeit uns berichtet, eine befriedigende und tröstliche Antwort geben. In einer Zeit der Heldenverehrung wie der unseren verdienen gewiß auch die Helden der Makkabäerzeit einen Lorbeerkranz. Nicht weil sie gesiegt haben. Viele haben gesiegt und manche die halbe Welt erobert, ohne bei der vom sittlichen Standpunkte den Erfolg beurteilenden Nachwelt auch nur ein Blatt vom Ruhmeskranze sich ersiegt und erobert zu haben. Was aber die Makkabäer adelt vor vielen Helden der Weltgeschichte und sie adeln würde, auch wenn sie nicht gesiegt hätten, ja unterlegen wären, das ist neben der Wahrheit, für die sie gekämpft, die Wahrhaftigkeit, mit der sie gekämpft haben. Ob ein Mensch in jedem einzelnen Falle die Wahrheit hat, das kann er selbst nicht wissen, dafür kann er nur mit dem Vorbehalt eintreten, daß er als Mensch auch möglicherweise sich irren könnte; aber für seinen Glauben an seine Wahrheit muß jeder aufrechte Charakter einstehen und nötigenfalls mit dem Gewichte seiner ganzen Persönlichkeit eintreten können. Und wer nun für die von ihm geglaubte Wahrheit durchs Hingabe und Preisgabe feines ganzen Seins mit einer Wahrhaftigkeit einsteht, wie es vor mehr denn zwei Jahrtausenden die Makkabäer getan, der verdient es, ob siegend oder unterliegend, ein Held genannt und mit dem Lorbeer des Nachruhms gekrönt zu werden. Nach gewöhnlichem Maßstab der Kräfte und nach den Erwartungen derjenigen, welche meinen, daß Gott mit den starken Bataillonen sei, hätten die Makkabäer im Kampfe mit der überlegenen Zahl und Macht der kriegsgeübten Syrer-Heerscharen und ihren Elefanten unterliegen müssen. Daß sie gesiegt und immer wieder gesiegt haben, wie ist dieses Wunder zu erklären? Wenn Juda Makkabi sagte: „Nicht in der Menge der Streitmacht ist der Sieg im Kriege, sondern vom Himmel her kommt die Kraft" (I. Makb. 3, 19), so ist das naiver Glaube und doch eine Geschichtsauffassung, über die wir auch denkend nicht hinauskommen. Es gibt keine Macht, die mächtiger wäre als die des Rechtes, und es gibt kein Schwert, das schärfer wäre als das der Wahrheit. Darum dürfen wir auch von unserem heutigen Standpunkte aus erklären: die Entscheidung der Makkabäerkriege war ein Erfolg von Menschenkrast und zugleich ein Gottesgericht und ein Gottesurteil für Recht und Wahrheit. Wer die Lehre begreift, die aus dem am Chanukka uns entrollten Bilde der Makkabäerzeit zu entnehmen ist, der hat trotz;?•;■ •I Iji