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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 entwickelt, ist vom Genre allsgegangen, um immer mehr sein eigentliches Betätigungsfeld im Porträt zu finden. In Wien und Berlin, in Dresden, München und in Paris hat er studiert. Im Pariser „Salon" haben seine Bilder zuerst Aufsehen erregt. Es waren zumeist Genrebilder, deren Stoffe und Motive vorzugsweise dem Kindesleben entnommen waren. Aber schon versuchte er sich mit steigendem Erfolg in Bildnissen, in denen er die Art eines Rembrandt, später die des Dan Dyck zu modernisieren suchte. Gegen das Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entstand sein großes Bild „Gebetstunde in einer Synagoge am Gedenktag der Zerstörung Jerusalems". Die Gewissenhaftigkeit, die Leopold Horovitz künstlerisch während seines ganzen langen Lebens auszeichnete, brachte es mit sich, daß Horovitz für dieses Bild Studien aus dem polnischen und jüdischen Volksleben machen wollte. Darum reiste er 1870 nach Warschau. Sein Warschauer Aufenthalt wurde ein längerer, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Das erwähnte Bild war im Ausstellungsjahr 1873 vollendet und hat auch auf der Wiener Weltausstellung die Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde und Kunstkenner hervorgerufen. Es erhielt die Medaille für Kunst und wurde als Kunstvereinsblatt für Wien und Budapest gestochen, während das Original in den Besitz eines Warschauer Bankiers überging. Während seines Warschauer Aufenthalts hgt Horovitz sich als Porträtist vervollkommnet. Seine Bildnisse schöner polnischer Aristokratinnen, so der Fürstinnen Sapieha und Radziwill, gehören zu seinen besten Schöpfungen. Aber auch andere Porträts Horovitz' zählen zu den Meisterleistungen moderner Porträtkunst, so die Bilder von Maurus Jokai, von Johann Strauß, ferner des Museumsdirektors v. Pulszky in Budapest. Horovitz hat auch den Kaiser Franz Josef wiederholt abgebildet. Neben Angeli und Pochwalski danken wir es ihm, wenn das Wiener Porträt zu internationaler Bedeutung unb Anerkennung gelangt ist. Nachdem Horovitz im Jahre 1890 Warschau verlassen hatte, hielt er sich in den folgenden Jahren abwechselnd in Budapest und in Wien auf. Leopold Horovitz' Kunst ist mit allen Auszeichnungen gelohnt worden, die seine Berufsgenossen p vergeben hatten. Kaiser Franz Josef hatte dem Künstler das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft verliehen. Am Montag, 19. d. M., wurde Maler Horovitz unter Beteiligung eines großen Kreises von Freunden und Verehrern in einem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe bestattet. Der mit Kränzen reich geschmückte Sarg war in der Zeremonienhalle aufgebahrt. Besonders schöne Kränze sandten die Wiener und die Budapester Künstlergenossenschaft. Palette und Pinsel wurden dem Künstler in den Sarg mitgegeben, und die Malermütze bedeckte sein Haupt. Nachdem Oberkantor M o r g e n st e r n, assistiert von den Kantoren Matyas lind Jurberger, die Gesänge des Rituals vorgetragen, hielt Rabbiner Dr. G r u n w a l d die Trauerrede. Professor D -a r n a u d nahm für die Künstlergenossenschaft von dem großen Meister mit kurzen, aber herzlichen Worten Abschied. Er hob hervor, daß die Bedeutung Horovitz' nicht nur in Oesterreich- Ungarn, sondern auch im Auslande allgemein anerkannt ist und daß die Künstlergenossenschast durch sein Hinscheiden einen schweren Verlust erleidet. Kolkii. z. Lodz, 23. November. In einer der letzten Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung hat der Stadtverordnete Dr. R o s e n b I et 11 eine bemerkenswerte Rede gehalten. Sie wendete sich nicht nur gegen die scharfen Angriffe, die von seiten des Stadtverordneten F a te r so h n zur Schulfrage in der vorausgegangenen Sitzung gegen die jüdische Sprache vorgebracht worden waren, sondern griff weiter aus und beleuchtete die Stellung der Juden in dem befreiten Pollen überhaupt. Er wendete sich Zuerst gegen die Beschuldigung, daß die z i o n i st i s che n Aktionen von Berlin aus, das heißt von den deutschen Zionisten inspiriert werden. In Polen haben in den letzten Jahren verschiedene politische Orientierungen geherrscht und bei jeder Orientierung hat rnan den Juden ähnliche Beschuldigungen gemacht. — Im Anfang des Krieges hat in Polen die russische Orientierung geherrscht. Da kam es zu Pogromen, zu Mord und Totschlag gegen die Juden, weil man von der anderen Seite den Russen zugetragen hatte, daß die Juden deutsche Spione seien. Man hat sogar behauptet, daß die Juden in ihren Bärten nnd Petes Telephone verstecken, durch die sie sich mit b-cn Deutschen verständigen. Als der Redner damals die Stadt Grodzisk besuchte und die schrecklicheil Zerstörungen, die bei bell Juden augerichtet worden waren, gesehen hatte, fragte er einen Bauern: „Wer ist schuld daran?" Der Bauer antwortete darauf: „Auch bei uns gibt es wilde Tiere, wie bei allen anderen Völkern . . Nur die polnische Geistlichkeit hat sich der Juden angenommen. Später hat sich die Situation geändert und mit ihr auch die Orientierung, und wieder werden die Juden beschuldigt, daß sie aus der Fremde inspiriert Werdern. Der Zionismus, welcher die breitesten Schichten des jüdischen Volkes in allen Ländern der Welt in sich schließt, kann nicht beeinflußt werden durch einzelne Länder, weil der Zionismus labhängig ist von der internationalen Öffentlichkeit. Darum befindet sich die Leitung der Organisation in einem neutralen Lande. Der Redner wendet sich dann gegen die Politik der Asstmilanten, die beide Seiten geschädigt hat. Wenn die Polen sich mit den Inden nicht verständigen können, so sind die Asstmilanten schuld daran, die den Polen den Weg zu den Inden versperrt und ihnen die Möglichkeit genommen haben, die wirklich jüdischen Forderungen keanenzulernen. Auch einen deinokratischen Antisemitismus gibt es. Zur fortschrittlichen Demokratie in Polen gehörten nur Inden. Das hat die Polen so erschreckt, daß ein fortschrittlicher Antisemitismus entstanden ist. Aber die ganze Partei ist bald von der Bildfläche verschwunden. Vor den Lodzer Stadtwahlen ist jedoch plötzlich eine neue radikal-demokratische Partei entstanden, und ihr Vertreter ist Herr Fatersohn, der hier gegen die Juden aufgetreten ist. Diese verkehrte Politik bringt es bap, daß ein so intelligenter und unterrichteter Mann, wie der erwähnte Herr, das Nest beschmutzt, dem er selbst entstannnt. Redner spricht dann von dein jüdischen Getto, welches man in der Versammlung so oft erwähnt hat nnd von dem man die Inden erlösen will, und bemerkt, daß das Getto die Spinozas, Lasalles nnd viele andere hervoraebracht hat. Die negative Beziehung zum Judentum aeht so weit, daß Herr Remiszewski sogar verlangt, daß der religiöse Separatismus äbgeschafft würde. „Ihr wollt," ruft der Redner in Erregung aus, „unsere Kultur unterdrücken, unfere Religion, auf die sieb alle vositiven Religionen stützen!" Was die Svrackienfrage anbetrifft, so erklärt der Redner, daß seine Partei die hebräische Sprache als nationale anerkennt. Aber Vier handelt es sich nicht um die Bestimmung der nationalen Sprache. Wir stehen aus dem Standpunkt der nationalen Selbstbestimmung. Die Entscheidung über die Svrachensrage ist eine innerlich jüdische Anaeleaenbeit. Keiner hat das Recht, in so beleidigender nnd schändlicher Weise sich in unsere Tinge m mischen, wie das Herr Fatersohn getan hat. Man wirst uns vor, daß wir allein nicht klar seien in unseren Zielen und daß andere uns ansnutzen für ibre Interessen. Auch im polnischen Leben gibt es Streitigkeiten nnd Reibungen zwischen den verschiedenen Parteien lind auch das wird durch andere ansgeuntzt. Das Unglück ist, daß in den Schulen nicht gelehrt, sondern Politik getrieben wird. Diele Politik bat es sertiggebrächt, daß ein jüdischer Schüler ans einer Schule ausgeschlossen wurde, weil er das hebräische Lied „Die Hoffnung" in der Synagoge gesunaen hat, das nicht nur in der Shnaaoge, sondern ebensogut in der katholischen Kirche seinen Platz haben könnte. Vom vädaaogischen Rat einer Schute in einer Nachbarstadt Lodr' werden die jüdischen Schüler auf ge fordert, eine Erklärung p unterschreiben, daß sie Polen sind und ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke nicht bekennen werden. — Tr. Rosenblatt endete seine Rede, die mehrfach durch Beifallsrufe unterbrochen wurde, mit 'der Aufforderung, die Beziehungen Zwischen Juden nnd Polen nicht noch zu verschärfen. Von Iah und fntt Wir machen unsere Leser ans die im Anzeigen teil enthaltene Bekanntmachung der „Zentrale für M a z z o s v e r s o r g u n g G. irr. b. H." aufmerksam und verweisen insbesondere darauf, daß die Bestellscheine für Mazzos bis spätestens 15. Dezember.1917 in den Händen d.er Bäckereien sein müssen. Das Publikum wolle sich daher die vorgeschriebenen Bestellscheinformulare schleunigst bei den Bäckereien oder Wiederverkänfern einholen, die Ausfüllung vornehmen und die Bestellscheine alsdann in der vor geschriebenen Form vom Gemeindevorstand oder, wo dies vorgeschrieben ist, von der Ortsbehörde beglaubigen lassen. Bestellungen, die nach dem 15. Dezember in die Hände der Bäckereien gelangen, können nicht mehr aus sichere Erledigung rechnen, lieber etwaige Zweiselfragen, die bei der Ausfüllung der Bestellscheine auftauchen könnten, erteilen die G e - m e i n d e v o r stä n de Auskunft, die von der „Zentrale" mit entsprechender Anweisung versehen sind. —- Der preußische Minister des Innern hat verfügt: „In Erweiterung des-

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