Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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81. Jahrgang Nr. 48 Berlin, 30. November 1917 Der Gemeindebote. ^Beilage zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums". korrrlpondrimn und Nachrichten. LrutschisnÄ. Berlin, 27. November. Die in unserem Bericht über die letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung erwähnte Aussprache i'lber die vor kurzem auch von uns veröffentlichte Erklärung der ausgeschiedenen konservativen Repräsentanten nahm in den Verhandlungen des Kollegiums am 18. d. M. einen 'breiten Raum ein. Gemäß einem in der vorhergehenden Sitzung geäußerten Wunsche hatte der Gemeindevorstand die mit den ausgeschiedenen Repräsentanten gewechselte Korrespondenz überreicht, die vom Vorsitzenden. Direktor Dr. Minden, verlesen wurde. Der am 25. d. M. so jäh aus dem Leben geschiedene Professor Dr. Blaschke, der als erster Redner zu diesem Gegenstände sprach, erklärte, daß es eine Schwäche bedeuten würde, auf diesen Schriftwechsel und die konservative Erklärung nicht einzugehen. Er wandte sich mit besonderem Nachdruck gegen die von konservativer Seite ausgestellte Behauptung, daß die Liberalen die Mitarbeit der Konservativen nur in der Theorie gewünscht, in der Praxis aber vereitelt hätten. Die liberale Mehrheit bat konservative Kollegen für alle Aemter gewählt, -die nicht notwendigerweise dnrch einen Revräsentanten der liberalen Richtung besetzt werden mußten, weil es sich um eine Vakanz handelte, die durch das Ausscheiden eines Liberalen entstanden war. Daß der liberale Standpunkt von der Mehrheit nicht außer acht gelassen werden konnte, war selbstverständlich und eine Pflicht gegen die Wähler. Weiter protestierte Professor Blaschke energisch gegen die Unterstellung, daß die Mehrheit nur den liberalen Interessen gedient habe. In zahlreichen Fällen wurden unter Zustimmung der Liberalen konservative, ja sogar orthodoxe Einrichtungen neu geschaffen, bzw. ausgebaut. Nun wird von konservativer Seite behauptet, die Zustimmung zu diesen Beschlüssen hatte den Liberalen erst mühsam abgerungen werden müssen. Niemals, so führte der Redner aus, konnte den liberalen Repräsentanten ein Beschluß ..abgerungen" werden, der gegen ihre innere Ueberzeugung war. Dabei brauchten sie sich inhaltlich gar nicht mit dem Beschluß zu identifizieren. Abex sie haben auch für diejenigen gesorgt und glaubten, daß auch die Forderungen derjenigen berechtigt sind, die auf einem anderen religiösen Standpunkt stehen als sie selbst. Und in dieser Weise werden sie fvrtsabren zu arbeiten und zu bandeln. Mit besonderer Schärfe wies Professor Blaschke noch den Vorwurf zurück, daß Verhandlungen im Plenum von vornherein zur Ergebnislosigkeit verurteilt seien, weil die Liberalen mit fertigen Fraktionsbeschlüssen in die Sitzung kämen. Die liberale Fraktion nimmt durchaus nicht zu allen Punkten Stellung und übt nur in außerordentlich seltenen Fällen einen Zwang auf ihre Mitglieder aus. llebrigens sei in der Tatsache, daß wichtige Vorlagen im engen Kreise der Parteigenossen einer Vorbesprechung unterzogen werden, durchaus nichts Ungeheuerliches, sondern ein alter parlamentarischer Brauch, der vermutlich auch von den Konservativen geübt sei. Professor Dr. Blaschke schloß seine Ausführungen mit der Erklärung, daß die liberalen Mitglieder der Repräsentantenversammlunq a n dem Rücktritt der Konservativen keine Schuld haben. Der folgenschwere Entschluß ist lediglich auf die Rechnung der Ausgeschiedenen zu schreiben. Die Liberalen müssen jede Verantwortung für denselben ablehnen. (Beifall.) Herrn Professor Dr. Kalischer, der als zweiter Redner das Wort nahm, erscheint der Schritt der zurückgetretenen Repräsentanten ungeheuerlich und jeder realen Basis entbehrend. Er bestreitet das Vorhandensein einer radikalen Richtung im Schul- und Talmud-Thora-Dorstand. Wenn der Schulvorstand wirklich radikale Tendenzen verfolge, so müßten in den Zwanzig Jahren, in denen der Redner diesem Kollegium angehört, gewaltige Umwälzungen erfolgt sein. Das sei jedoch durchaus nicht der Fall. Geändert habe sich nur die Zahl der Religionsschulen, die sich in dieser Zeit vervielfacht habe. Der Unterweisung der Jugend in der heiligen Schrift sei die Hauptarbeit des Schulvorstandes gewidmet gewiesen: die zweite Aufgabe war die Heranziehung eines geschulten Lehrerpersonals. Ter alte Siddur von Roedelheim, der vor zwanzig Jahren in der Schule im Gebrauch war, gilt noch heute — so sehen die radikalen Reformen des Schulvorstandes aus! Auf ähnlichen schwachen Füßen stehen die Angriffe gegen die Wahl des neuesten Gemeinderabbiners. Keiner der Herren kenne die Arbeiten und das Wirken dieses Mannes, der in Gelehrtenkreisen sich eines wohlverdienten Namens erfreut. Die ausgeschiedenen Repräsentanten haben, wie der Redner temperamentvoll ausführt, den engen Parteistandpunkt über das Schicksal des gesamten Judentums gestellt. Das Judentum, das schon schwerere Schläge erlitten hat, werde auch das Vorgehen der konservativen Herren überdauern. E. M. Berlin, 27. November.. D i e Zentral w o h l - f ah rts stelle -der deutschen Juden hielt am 25. d. M. ihre erste Tagung ab, zu der sich zahlreiche Mitglieder des Verwaltungsrats aus Berlin und von außerhalb eingefunden hatten. Der stellvertretende Vorsitzende des Berliner Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege, Herr Eugen Casparh, eröfsnete die Verhandlungen mit einigen Begrüßungsworten. Den Geschäftsbericht des vorbereitenden Ausschusses erstattete Frau Henriette May. Sie gab eine Geschichte der Zentralisationsbestrebungen der jüdischen Wohlfahrtspflege, die bis zu der im Jahre 1896 erfolgten Begründung der Zentralstelle für die Wohltätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde zu Berlin zurückreicht. Generalsekretär Dr. Neumann besprach den Arbeitsplan der Zentralstelle. Die Hauptaufgabe liegt ans organisatorischem Gebiet. Es gilt, ein Netz von Provinzialverbänden zu schaffen, und die Organisierung der jüdischen sozialen Arbeit durchzuführen. Neben der organisatorischen Wirksamkeit nach innen fällt der Zentralstelle die wichtige Aufgabe der Vertretung nach außen zu. Außer den organisatorischen Arbeiten sind auch vraktische Arbeiten zu leisten. Zn den dringendsten gehören die Sammlung des gesamten Materials und die Einrichtung einer Auskunft?- und Beratungsstelle über Wohlfahrtseinrichtungen usw. Justizrat Alexander Katz referierte über den Satzungsentwurf. An diesem Entwurf wird eine Anzahl von Ausstellungen vorgenommen: insbesondere wird allen Gemeinden. Stiftungen und Anstaltenobne Unterschied ihrer Größe, das Recht ans Einzelmitgtiedschaft zugebilligt, das der Entwurf nur den Großgemeinden zuerkennen wollte. Der Vorstand wird nach den Vorschlägen des Vorbereitungsansschusses gewählt: er erhält die Aufgabe, baldigst in gemeinsamer Sitzung mit dem Verwaltnngsrat die Satzungen endgültig sertigznstellen und Ergänzunaswahlen in den Vorstand vorzubereiten, dnrch die auch den Ortllodoren und den Zionisten eine Vertretung hn Vorstände gesickert wird. Zum Schluß svrach Fräulein Pappenheim dem Verhandlungsleiter den Dank der Teilnehmer aus. E. M. Berlin, 27. November. Ter Jahrzeitstag des verstorbenen Rabbiners Dr. Esche lbache r wurde von der Berliner Gemeinde durch eine Feier auf dem Friedhose in Weißensee begangen. In der alten Gebeth-alle batten sich außer den Angehörigen und mehreren Amtsaenosien des Verstorbenen zahlreiche Mitglieder des Vorstandes, der Nevräsentantenverfmnmlung und der Synagogengemeinde zu einer schlichten Feier eingefunden. Rabbiner Dr. Petuchowski vielt die Gedenkrede und übergab namens des GeweindevorstandeK den von den Genreindobebörden gestifteten Denkstein. Nach dem El-mole-rachanum-Gebet, das Herr Prager vortrng, begab sich die Trauerversannnlnng zu dem Grabe, das sich in der Ebrenreibe des Friedhofes befindet. Der Stein, ein Obelisk aus schwarzem Granit, träat die Inschrift: ..Die jüdische Gemeinde zu Berlin ihrem bochverdienten Lehrer, dein Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher. geh. am 12. September 1848 in Hain stad t (Baden), gest. am 3. Dezember 1916 in Berlin. „Es kennt der Ewige die Taae der Vollendeten und ibr Erbe ist für die Ewigkeit." (Psalm 37, 18.)" — Am 22. November batte in der Ebewra-Kadischa, deren Vorstande der Verstorbene an gehörte, eine Andacht statt gefunden, bei der Rabbiner Dr. Lieb ermann eine Ansprache hielt und Oberkantor Musikdirektor Friedman n ergreifend das El-mole-rachamim-Gebet rezitierte. Am Sabbat, dem 24. d. M., gedachte auch Rabbiner Dr. Loewenthal in der Alten Synagoge an der Stelle, an der Dr. Eschelbacher so lange gewirkt hat, des verstorbenen verdienten Rabbiners der Berliner Gemeinde. §Q> Berlin, 27. November. Die Ereignisse in Palästina haben die Notlage der jüdischen Bevölkerung in bedauerlichem Maße gesteigert. Ejn sehr großer Teil der Bevölkerung,