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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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wollen, damit zufrieden? Und uns beiden ist es beinahe wie eine BcrnhigmilZ. „Er will nichts von dir, er will eine Mutter für feine Kinder." Mein Zukünftiger ist sofort wieder abgereist. Wir hielten es vorläufig so für-richtig. Er hatte keine Ruhe, da die Kinder jetzt besonders schlecht versorgt sind. Und mir ist es auch Tante Phines wegen so lieber. Ich muß ihr das,Neye, das Ungeahnte allein und langsam mitteilen. Und wenn er wiederkounnt, nulß sie gesünder sein. Es würde sie sehr aufregen, den neuen Neffen nicht aufnehmen und bewillkommnen zu können. Es zog mich wie mit Ketten zu ihr. Nur eine Minute lehnte ich den Kopf an Vaters Bild. Vater, habe ich es wohl recht gemacht? Vater, ist es dir lieb so? Jetzt gehe ich zu deiner Schwester, die lebt und wartet auf mich. Zu dir komme ich dann. Ich nuiß noch lange, lange stumme Zwiesprache halten mit dir. Aber erst kommen die Lebenden. „Es ist gut, daß die kommst", sagte Benno, als ich dort in den Korridor trat. Das sagen sie jetzt immer. Wann ich auch komme, sie sind in Unruhe und haben auf mich gewartet. In der Minute bin id) drin int Schlafzimmer. „Wie geht's, Tante Phinet" Unter dem unbefangenen fröhlichen Ton berge ich alltäglich meine Besorgnis. „Oh, mir is schon mieß vor mir", sagt sie verdrießlich. Sie läßt sieh selten gehen und beruhigt noch immer ihre Umgebung, aber ab und ztt reißt ihr dod) die Geduld. Sonst frage ich in solchen Fällen: „Was schreibt denn Martin?" und dann erzählt sie mit glückseligem Tadel, wie „bestußt er ist". So übersetzt sie seine verliebte Bräntigamsgroßmut, die Patila mit Aufmerksamkeiten rein überschüttet. Heute aber weiß ich noch etwas Besseres für sie. Was hat sie nur? Sie sieht wirklich recht verdrießlich aus. „Mach mer bloß keine Vvrwirfe", sagt sie in vorbeugender Grobheit, „ich ivill deiner Bekannten, der Benjamin, nick) im Wege seilt, aber die Vcrantlvortung, se ztt die mutterlosen Wirntchen zu lassen, ivill ick) ctttd) nid) tragen. Ick) kenn se ztt wenig. Da mttßt d) ’n schon zu dir schicken, ob dir mt mieß vvr'u war oder nid)." Da lache ich hell aus. „Aber nein, Tante, es war mir gar nicht mieß vor ihm", sage ich vergnügt, „im Gegenteil, du tatest sehr gescheit". Da richtet sie fiel) auf und sieht mir ins Gesick)t, als blende das Lick)t ihre Augen und sie könne ihnen nick)t so recht trauen. Id) fasse ihre beiden Hände. „Tante Phine, wenn du mir versprichst, dich bloß zu freuen, und gar nicht aufzuregen, weiß ick) etwas Wunderschönes für dick), etivas, ivas du dir schon lange gewünscht hast," — „Na mt?" Ganz atemlos sieht sie mir ins Gesid)t. „Ick) habe ihm ntein Jawort gegeben. Wir haben uns soeben verlobt." Und da sinkt sie zttrück. Die Hände zittern aufeinander zu und finden sid) dod) nid)t. Ihre Lippen flüstern etwas. Mir wird ganz bange vor diesem beinahe verklärten Gesichtsausdruck, id) fasse zärtlich ihre Schultern und schüttle sie sanft: „Nun, was sagst du denn dazu, Tante?" Und sie, immer noch mit verklärter Miene, leise, fromm, wie traumverloren: „Der Chassen in Roschmin ist dod) en gebenschter Mann. Hundert Jahr soll er alt werden. An den Mann is Broche." „Aber, Tante!" sage id), beinahe drollig enttäuscht. „Von dem sprichst du mir jetzt?" „Nu, Kind, er hat dod) die Sache gemacht", sagt sie selig. Ihr Atent geht nur ettvas freudevoll schneller, aber sonst sckjeint sie ganz ntunter jetzt. Das ntad)t mich so froh. „Du hast es gemacht", sage ich beinahe trotzig und jetzt erst wird mir klar, daß es überhaupt jemand „g e m a d) t" hat. „Kein anderer als du, der Rvschtniiter, der hat gar kein Verdienst." Aber sie bleibt ganz ernst: „Nee, nee, nee, mein Tochter, alles, was recht is. Der Mann muß sein Geld kriegen. Das kommt en zu. Der Mann hat sich große Mühe dermit gegeben. Das würde mich dock) sehr beunruhigen, wenn den mt nich das Seinige" — (Fortsetzung folgt.) Sprechlasl. Die Ritterlichkeit des Herrn Professor Dr. Kranz Oppenheimer. Eine Erklärung, Im „Freien Wort" (erstes und zweites Oktoberheft 1917) habe ich einen Artikel veröffentlicht „Die nationalistisch-klerikalen Strömungen im Judentum und ihre Gefahr für die Gewissensfreiheit der deutschen Juden." Mit Ausführungen, deren wissenschaftlichen und religiösen Ernst kein Unbefangener verkennen konnte und die Interesse und Verständnis auch über die Kreise der deutschen Judenheit hinaus gefunden haben, habe ich — widerwillig genug — eine Polemik gegen die „Neuen Jüdischen Monatshefte" verbunden und ich habe meinen Gegensatz zu den „Neuen Jüdischen Monatsheften" sowie überhaupt zu den von mir gekennzeichneten Strömungen in einer Reihe von Thesen niedergelegt; ich habe es als bedauerlich erklärt, solche Polemik vor nichtjüdischen Lesern beginnen zu müssen und als „nicht wohl angängig, nochmals die Gastfreundschaft eines nichtjüdischen Blattes in Anspruch zu nehmen", und ich habe mich daher gegenüber Professor Tr. Franz Oppenheimer, dem geistigen Leiter der „Neuen Jüdischen Monatshefte", anheischig gemacht, den Beweis für meine Behauptungen in den „Neuen Jüdischen Monatsheften" selbst zu erbringen. Daß ich diese Herausforderung gerade au Dr. Oppenheimer richtete, habe ich damit begründet, daß Dr. Oppenheimer selbst eine ähnliche Herausforderung an Karl Kautsch, den Herausgeber der „Neuen Zeit", gerichtet hat, und „daß ich mich, der Hoffnung hingebe, daß er die Ritterlichkeit, die er i m politisch e n Kampfe fordert, auch gegen ü b e r seine n eigenen jüdischen G e g n e r n beweisen w e r d e." In dieser Hoffnung habe ich mich allerdings gewaltig getäuscht. Dr. Oppenheimer verweigert mir nicht nur die Gelegenheit, meine Behauptungen zu beweisen, sondern er verschweigt seinen Lesern auch völlig den Inhalt meiner Herausforderung sowie die Begründung, die ich meinem Appell an seine Loyalität gegeben habe. Jeder urteilsfähige Leser, der Oppenheimers Entgegnung mit meinem Artikel im „Freien Wort" vergleicht, wird ohne weiteres erkennen, ein wie verzerrtes Bild Oppenheimer von meinen Darlegungen gibt. Aber auch sonst enthält Oppenheimers Antwort nicht den schwächsten Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung, sie ist nichts als ein Gemisch von Berdächtigilllgen und Beschimpfungen. Hierbei hat Oppenheimer noch nicht einmal das Recht der Priorität, denn er gibt jetzt nur die Juvektiveu weiter, die Kautsch vor fünf Jahren gegen ihn selbst gerichtet hat. Es wird Gelegenheit sein, der Kampfesweise des Mannes entgegenzutreten, der in seinem Borwort zur „Sozialen Frage" (Jena 1913) „die Ritterlichkeit eines ehrlichen Kampfes" fordert und als erste Bedingung aufstellt: „Zuerst ist des Gegners Beweisführung korrekt, ja liebevoll, ihrem vollen Inhalt nach, und zwar in eindeutiger, logischer Formel darzustellen." (S. 5.) Des ferneren werde ich in einer an die Redaktion der „Neuen Jüdischen Monatshefte" 31t sendenden Berichtigung trotz des engen, durch § 11 des Preßgesetzes gegebenen Raumes die objektive Unwahrheit der von Oppenheimer gegen inich ausgestellten Behauptungen und Verdächtigungen Nachweisen können. Die besondere, über die persönliche Frage weit hinausgehende Bedeutung der Angelegenheit sowie auch die Kriegsverhültnisse bedingen aber einen Aufschub der Angelegenheit. Ich muß daher insoweit die jüdische Oeffentlichkeit bitten, mit ihrem Urteil zurnttzuhalten, bis ihr das gesamte Material vorliegt. B u n z l a u, 18. November 1917. Dr. E. E. Schweize r.

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