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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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m die Bestimmung der Menschengeschlechter sein sich sämmtlich zu Einer Heerde unter Einem Hirten zu vereinigen, so kann dieser Schritt bedeutender in der Zukunft werden, als er jetzt zu sein scl)eint, uw das Ziel, auf das er gerichtet zu feilt scheint, so vielen nur für ein Traumbild gilt." L. G. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Don Anna G o l ds chm i d t. (89. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ber was hatte das jetzt noch für Zweck, Herr Simon?" „Er sollte einmal alle die Verordnungen sehen. Aber er hat mich ja beruhigt. Er hat genau alle Rezepte durchstudiert und mir gesagt, Laß nichts versäumt worden sei. Nun ja, man hatte zwei Berliner Professoren. Von diesem hier habe ich erst nach Hildchens Tod gehört. Aber weiß man denn, ob alles auch so auf die Minute durchgesührt worden ist, wie es die Aerzte verordnet hatten? Ich hatte damals öfter Reisen zu machen, Sitzungen im Aufsichtsrat. In die Fabrik ging ich fast gar nicht, hlber was versteht man als Mann von der Krankenpflege." „Sie hatten doch sicher eine Berufspslegerin?" Er nickt. „Die hat sich dann mit meinem Buchhalter verlobt", erzählt er- Seine Gedankenbrücke von des Kindchens Krankenbett zu der Pflegerin Eigeninteressen ist leicht zu finden. Der arme Mann! Daß er das Kind verloren hat, ist ein schwerer neuer Schlag für den Schmerzgewöhnten, aber ich glaube, das Haar grau gefärbt haben ihm die Seelenqualen, die Aengste, daß irgend etwas an dem Kind versäumt worden sei. Und dann erzählte er mir von seiner Frau, was sie für eine Mutter gewesen sei, wie sie ganz aufgegangen sei in Len Kindern. Er hat sich auch das erste Mal nicht jung verheiratet, aber die viel jüngere Frau scheint so ganz mit ihm eines Sinnes gewesen zu sein und nicht viel mehr vom Leben begehrt zu haben, als sich mit ihm an den Kindern zu freuen und ihm in sonderbar verstehender Weise in seinen beruflichen Plänen zu folgen. Ich konnte nichts sagen als ein leises „schade!", als er mir von seiner harmonischen Ehe und dem frühen Tod der jungen Hausfrau erzählte. Sie haben ein merkwürdig vergeistigtes Leben geführt, die beiden, wie ich es mir kaum in einem Kaufmannshause vorgestellt habe. Sie hatten fünf Kinder und ihr sechstes, dem sie nicht weniger Liebe und Sorgfalt und kluges Nachdenken gaben, war die Fabrik, war ihre Arbeiterschaft- Aber nicht die schaffenden Menschen nur als gewinnbringende Masse gesehen, sondern als lebendige, aus Fleisch und Blut und Gefühl bestehende Wesen. Wenn Simon, — wenn — mein zukünftiger Mann nicht Direktor der Fabrik in Magdeburg wäre, die er gegründet hat, die mittlerweile Aktiengesellschaft geworden ist, dann möchte ich ihn in Russisch-Polen wissen. Was ich seiner Schlichtheit damals wenig angemerkt habe, er hätte das Zeug dazu, da viel zu leisten. Er hat neben den Geldmitteln den praktischen Sinn und das gute Herz. Seine Gründung scheint ein richtiges kleines Staatswesen von wunderbar durchdachter Ordnung zu sein. Er hat mir von einem Altersheim erzählt, das besonders das Werk seiner Frau gewesen sei, und anderem. Und der Krieg hat viel neue Notwendigkeiten geschaffen. Jede Arbeiterfrau, jedes Kind ist vor Not geschützt, ob der Ernährer nuir aus dem Felde zurückkehrt oder nicht. So vieles ist schon getan, so vieles könne und solle noch geschehen. „Wenn man nur die rechte Ruhe dazu hätte. Aber die unversorgten Kinder zu Haus, man glaubt nicht, wie schwer es ist, das Passende für sie zu finden. Ich bin schon so kopsscheu, daß ich Angst habe, die Kinder nehmen Schaden dadurch. Die vorige Hausdame hat sie vernachlässigt. Vielleicht hätte ich der jetzigen tatsächlich energischer überhelfen und einmal zwischen die kleine Gesellschaft fahren müssen. Sie kann sie nicht regieren und hat sich bei mir beklagt, daß sie unartig zu ihr seien. Die Kinder klagen aber auch über sie. Man weiß nicht, wem man recht geben soll. Man ist mißtrauisch gegen fremde Personen und dadurch vielleicht ungerecht." Sein Gesicht sieht rührend kummervoll aus. „Gute Freunde raten mir, ich soll mich verheiraten." Es ist wunderbar, wie unpersönlich, wie ehrlich befreundet wir diese Frage behandeln können. „Nun? und?" frage ich. „Es ist schwer", sagt er und nickt mehrmals sorgenvoll. „Aber das kann doch nicht so schwer sein, Herr Simon?" „O doch! das heißt, Frauen gibt es genug, Frauen und Hausdamen, die gute Versorgung suchen. Aber eine ehrliche, die es ernst nimmt mit ihren Pflichten, — sagen Sie selber, was habe ich einer Frau persönlich zu bieten. Ich war schon kein Jüngling mehr, als ich das erste Mal heiratete. Dann wurde ich freilich wieder jünger. Die Erlebnisse haben dann das weitere an mir getan. Heute bin ich ein innerlich gebrochener Mensch. Ich könnte nicht mehr den liebenswürdigen Bräutigam spielen, ich würde der Betreffenden sagen müssen: ich heirate wieder, damit meine Kinder eine Mutter bekommen. Ich selbst kann die Vergangenheit nicht vergessen!" „Dann müßten Sie einer begegnen," sage ich leise, „die auch all ihre Herzenswünsche in der toten Vergangenheit hat, die nichts mehr für sich will als eine Gelegenheit, etwas umsorgen und in seinen Sorgen liebgewinnen zu können —" Ich weiß nicht, warum er ganz plötzlich, ganz unvermittelt fragt: „Was ist denn aus dem jungen Arzt geworden, den ich dainals hier bei Ihnen traf, der mit Fräulein Benjamin kam?" „Der tut Dienst in Rußland und ist glücklicher Bräutigam", sage ich und kann sogar lächeln dabei. „Er hat sich mit dem bildhübschen Töchterchen seiner Wirtin verlobt." „So?" meint er und schweigt ein Weilchen. „Ich dachte damals," und nun stockt er doch, und ich lächele weiter und sage ruhig: „Was dachten Sie damals, Herr Simon?" Und er leise, zaghaft: nur die Aufregung, die sonderbare Vertraulichkeit der Stunde preßt es heraus: „Sie hätten" er stockt wieder und fährt dann doch mutig fort. Vielleicht denkt er wieder an seine Kinder, an die denkt er ja immer und das macht ihn mir so wert, „Sie hätten ein tieferes Interesse an ihm." Und ich ganz ruhig und sicher — Vertrauen gegen Vertrauen —„Sie haben recht gesehen, Herr Simon." Wir sind dann wunderbar schnell einig geworden. Es bedurfte gar nicht vieler Worte. Zwei einsame Menschen, die gehörten zusammen. Und ich glaube, ich habe recht getan. Je länger wir uns sprachen, desto mehr war es mir so. Ich empfand wohlig den Segen tiefster Wahrhaftigkeit zwischen uns, rmd ich glaube, ihm ging es ebenso. Wir heucheln uns gegenseitig nichts vor. Die letzten Herzenstürchen haben wir einander geöffnet, und keiner von uns hat in irgendeinem Winkelchen des anderen sein eigen Spiegelbild gesehen. Wäre ein Mann auf der Welt, ein Weib noch, die eine Ehe eingehen

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