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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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574 Juden deutscher Abstammung, und -wir fürchten sehr, daß diese deutschen Juden Rußland betrogen haben. Einstmals -hieß es, die spanischen Juden seien aus ihrem Lande 'vertrieben worden, weil sie den Mauren die Tore öffneten. Es wäre ein Unglück für die Juden der ganzen Welt, wenn man jetzt ein Recht hätte zu sagen, daß russische Juden den Deutschen die Tore Rußlands geöffnet haben! Denn dann würden alle hiesigen bisherigen Freunde der russischen Juden zugeben müssen, daß das in unseren Augen -barbarische Vorurteil gegen die Juden einen Kern von Berechtigung in sich berge." Ein wahrer Rattenkönig von Unwissenheit in der Geschichte Spaniens, von Lüge über die Gegenwart Rußlands, von Heuchelei der Duldsamkeit gegenüber Juden zum Zwecke der Judenhetze! In Wahrheit haben die Westgoten lange vor dem Einsall der Mauren Antisemitismus getrieben, und hing die Vertreibung der Juden aus Spanien mehr denn siebenhundert Jahre später weder mit jenen Mauren zusammen noch mit irgendeinem wirklichen oder möglichen Landesverrat. Zweitens beweist Name oder Abstammung durchaus nichts für oder gegen das russische Nationalgesühl des Sowjet; einige Programmpunhte zeigen vielmehr deutlich dessen innersten Zusammenhang mit den Bestrebungen des Bauernstandes und der ärmsten Handarbeitermasse, die beide niemand mit der Juden'schaft identifizieren kann. Drittens glaubt wohl nur ein Engländer, Rußlands Tore seien den Deutschen vom Sowjet geöffnet; wir wissen, daß nicht Verrat der Russen von innen, sondern deutsche Kraft von außen den Einbruch vollbracht hat. In Wahrheit liegt einfach die Furcht des Engländers zugrunde, Rußland könne mit Deutschland Frieden machen. Das zu verhindern, gebietet ihm der Vorteil seines Vaterlandes. Er bedient sich dazu des Büttels der Lüge und des Betruges, das der Presse der Angelsachsen dem Landesfeinde gegenüber als erlaubt gilt und uns nun längst nicht mehr überrascht. Absichtlicher Betrug, nicht etwa gutgläubiger Irrtum, soll den unvorsichtigen Leser zu dem Wahne verführen, die Juden hätten einst in Spanien und jetzt in Rußland ihr Vaterland verraten. Aus den zwei erlogenen Einzelfällen soll er dann den unlogisch verallgemeinernden Schluß ziehen, sie seien überhaupt Landesverräter. Wenn der Fall Rußland nur als möglich mit freundlicher Verwarnung für die Juden hingestellt wird und „das Vorurteil in unseren Augen barbarisch" heißt, so bedeutet das nur den heuchlerischen Kratzfuß vor der öffentlichen Meinung Englands, die nicht als antisemitisch gelten will. Wäre sie aber von der Krankheit wirklich frei — die „Morning Post" hätte nie den Artikel gewagt! Miszellen. Aus einem Antiquariatstataloge. In Leo Liegmannshofes Katalog 198 (Autographien) wird von! einigen Briefen berichtet, die für unsere Leser Interesse haben dürsten. T h e r e s e F o r st e r schreibt an ihre Mutter, Wilna 17. April 1786, und -entwickelt ausführlich ihre Meinung über eine „Blutbeschuldigung, j die gegen die Juden von seiten des dortigen fanatisierten Volkes aus Anlaß der Auffindung einer Frauenleiche erhoben sei". Wilhelm v. H u m b o l d t schreibt an Chevalier Wera in Rom, 5. Juli 1817: Warmherziger Empfehlungsbrief: „Je prends la liberte, mon eher Monsieur & ami, de recommander par ees lignes ä vos bontes Madanie Herz, qui est une des femmes le plus interessantes, et qni nierite le plus d’ajouter une connaissance plus exacte de ntalie aux nombreuses eonnaissances qu’elle possede deja.“ Die so Empfohlene ist Humboldts Freundin, die berühmte Henriette Herz, die sich inr Jahre 1817 nach Rom begab, wo sie zwei Winter verweilte und mit alten und neuen Freunden, besonders den deutschen Künstlern und Gelehrten, in regstem Verkehr stand. Bei ihrer Abreise aus Nom schrieb ihre Freundin Louise Seidl er: „Die edle, schöne Henriette war der allgemeine Liebling geblieben, viele Tränen flössen ihr nach." Ferner wird ein Brief von (Kiacomo Meyerbeer notiert, über den folgendes berichtet wird: „Liebenswürdiger Brief an einen Freund seines Elternhauses, dem er als Geschenk seiner Mutter ein Exemplar der sämtlichen Werke seines Bruders Michael ankündigt." Endlich werden zwei Briefe angeführt: Der erste Brief behandelt eine Angelegenheit, für die man Rotschild als Sammelstelle erbeten hatte; in dem anderen Brief überweist er einer Straßburger Anstalt für bedürftige Israeliten 500 Frank. L. G. Fanny Tarnow. In dem Buche: Briese auf einer Reise nach Petersburg an Freunde geschrieben von Fanny Tarnow, Berlin 1819, bei C. F. Enslin, werden Briese mitgeteilt an verschiedene Freunde und Freundinnen in der Heimat, die, wenn auch vielleicht nicht wirklich geschrieben, doch in geschickter Weise den Charakter von Aufzeichnungen festhalben, die dem Tage ihren Ursprung verdanken. In diesen Mitteilungen werden die Gebäude, die Natur, die Volksfeste, die Vergnügungen des Hofes, die Kunstsammlungen, Theater und Konzerte zwar nicht mit viel Geist, aber mit Lebhaftigkeit und Verständnis besprochen. Daß eine Deutsche, die sich wesentlich in der Gesellschaft von Deutschen bewegt, mit besonderer Lebendigkeit von deutscher Kunst und deutschem Theater, von russischen Beamten deutscher Herkunft, z. B. dem bekannten General Klinger, spricht, ist begreiflich; auffallend dagegen ist, daß sie weder auf ihrer Reise noch bei der Schilderung ihres Aufenthalts in Petersburg irgendwie der Juden gedenkt. Nur eine Stelle ist hervorzuheben: Seite 145 bis 147, die ich hier folgen lasse. Mir ist die Stelle, von der ich nicht sagen kann, ob sie schon irgendwo beachtet worden ist, sehr auffallend, weil es sich darin nicht bloß um eine Gesellschaft für Judenmission handelt, wie solche auch in Deutschland und England schon damals existierten, sondern um einen Plan, der gewissen nationalen Bestrebungen, wie sie heute außerordentlich beliebt sind, verwandt zu fein scheint. Vielleicht vermögen Kenner russischer Verhältnisse vergangener Zeiten über die Sache nähere Auskunft zu geben. Tie Stelle lautet: „Bei dieser Gelegenheit muß ich Sie aber aus die kürzlich erschienenen llfafcn in Bezug auf eine neu zu bildende Gemeinde Israelitischer Christen aufmerksam machen, die als eine höchst merkwürdige Erscheinung unserer Zeit wohl beachtet zu werden verdient. Die Idee, als Mutter der Tat, ist menschenfreundlich und schön wie alles, was in Rußland wirklich vom Herrscher ausgeht; ob sie aber je zur Ausführung kommen wird, scheint vielen zweifelhaft, obgleich die Ukase erlassen und die Mitglieder der zu diesem Behuf erreichten Comität ernennt sind. Präsident dieser Comität ist der Tirector des Departements, des Ministeriums der Volksaufklärung, Popow, doch steht das ganze unter der Leitung und Oberaufsicht des Fürsten Galizyn. Die Begünstigungen, die man den Mitgliedern dieser neu zu bildenden Gemeinde"zugestanden hat, sind so groß, daß sie als Beitrag zur Characterisierung des Zeitgeistes allen merkwürdig erscheinen, die die Entfaltung der Zukunft in der Verpuppung der Gegenwart zu ahnen vermögen. So sind z. B. die Mitglieder der Gemeinde für sich und ihre Nachkommen aus ewige Zeiten von allem Civil- und Militärdienst, so wie ihre Häuser und Dörfer von jeder Gattung Einquartierung, von Unterhaltung der Posten, Stellung der Fuhren und andern allgenieinen Lasten befreit. Jede Gemeinde kann ihren Mitgliedern Pässe zur Reise durch das ganze russische Reich selbst ertheilen; sie haben die Brau- und Brenngerechtigkeit erhalten, kurz es ist ihnen verstattet, einen Staat im Staate zu bilden, der allein der zur Vorsorge für die Gemeinde errichteten Comität, und keiner andern gesetzlichen Autorität Rechenschaft abzulegen hat, so daß keine Ortsobrigkeit der Gegenden, wo diese israelitische Christen sich niederlassen, sich irgend eine Befngniß über sie anmaßen darf. Wenn Sie mich aber um die Bedeutung des Ausdrucks „israelitische Christen" fragen, so weiß ich Ihnen keine Auskunft zu geben, da alle Auskunft, die ich darüber von unterrichteten Männern, gefordert habe, in ein gewisses Helldunkel gehüllt war, was mich an einem klaren Berständniß derselben verhindert hat. — Sind die Träume einiger Theosophen mehr als Träume, kann und soll es

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