Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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873 war es keine Falle. Beklemmend wirkte nur das Gesetz, das die Glaubensgenossen Mang, am Samstag und an hohen Feiertagen die Geschäfte geöffnet zu halten. Der Zweck lag darin: die Stadt sollte an keinem Tage vom Leben etwas einbüßen; man wollte den Gästen, die aus Frankreich, Belgien, Rumänien usw. kamen, das rege Leben zeigen ... Die Svoboda machte der russischen Disziplin ein jähes Ende. Der Offizier verlor zusehends an Würde und Achtung. Der Gehorsam hörte auf. Die Ehrenbezeugung wurde absolut nicht mehr geleistet. Die ins Feld ziehenden Offiziere erkundigten sich bei ihren Kameraden über das Verhältnis zu der Mannschaft. Zum Kapitel Disziplin, das schließlich der Hauptfaktor in einer geordneten Armee sein sollte, möchte ich nur zwei von den unzähligen Ereignissen anführen: Eines Tages trug sich folgender Fall zu. Ein vorübergehender Offizier sah, wie ein Soldat ein Mädchen verprügelte. Er stellte ihn zur Rede, worauf er zur Antwort erhielt: „D u hast dich in meine Angelegenheiten nicht einzumischen, gehe deine Wege weiter." Als der Offizier den Landesschützling zur Rechenschaft ziehen wollte, da versetzte ihm der Revolutions- Held einen Stoß, worauf der Offizier den Revolver zog und ihn niederschoß. Diesen Vorfall bemerkten andere Soldaten, die sogleich die Verfolgung des Offiziers, der sich in ein Haus geflüchtet hatte, aufnahmen. Sie holten den Offizier aus dem Hause hervor und teilten ihm den einstimmig gefaßten Beschluß mit, daß er zum Tode durch Erschießen verurteilt wäre. „Wenn d u aber ein Ehrenmann bist", sprach ihn der älteste an, „so entleibst du dich selber mit deiner Waffe." Der Offizier hatte kaum Zeit, die Forderung zu verneinen, als zwei Salven ihn blitzschnell zu Boden streckten. Der Fall wurde mit Rücksicht auf Verbreitung unter den Soldaten totgeschwiegen. Solche Fälle stehen in der russischen Armee nicht vereinzelt da. Als die Schlacht bei Zborow tobte, gerieten einige österreichisch-ungarische und deutsche Soldaten in russische Gefangenschaft, die darauf durch Tarnopol geführt wurden. Wie gewöhnlich warfen ihnen die Juden Liebesgaben zu. Plötzlich wurde ein solcher Glaubensgenosse beim Bart ergriffen und erbarmungslos zugerichtet. (Lin vorbeigehender Offizier rettete den Juden, der rnsolgc seiner Verletzungen ins Spital überführt werden mußte, vor dem sicheren Tode. Der Offizier aber, der sich des Juden annahm, wurde daraufhin blutig geschlagen und schändlich beschimpft. Er kam kaum mit dem Leben davon . . . Im Felde erging es den Offizieren noch ganz anders. Sie sind ihres Lebens nicht sicher; kein Wunder, wenn sie ihre Truppen verlassen und sich in Sicherheit bringen. Bekanntlich verkauft der Russe für „Wutki" (Schnaps) sein Vaterland. Ich habe schon wiederholt gesagt, inan müßte demnächst mit Schnapspatronen schießen, dann wäre der Sonderfrieden mit Rußland schon da. — Die Juden mußten den Schnaps aus der Erde pumpen, um die Gunst des Herrschers zu gewinnen. Als der „lebenspendende" Saft aber dennoch zu Ende ging, da kam unser „edler" Gegner auf eine nichtnachahmenswerte Erfindung: den Schnaps durch Eau de Eologne zu ersetzen. Was da an diesem Fluidum verzehrt ivurde, gehört ins Märchenhafte. Die Preise stiegen ins Grenzenlose. Man reiste nach Rußland nach den entlegensten Orten, um sich Eau de Eologne zu beschaffen. Der Jude, der dieses Naß besorgen mußte, gewann sichtlich an Ansehen. Dies ist der russische Kampfer für „Kultur und Befreiung der Menschheit". Der Erfolg blieb und bleibt nicht aus. Eines schönen Tages tauchte hier Herr Diktator Kerenski auf» Er sprach zur „befreiten" Bevölkerung. „Meine Lieben," begann er, „ich Hin hierher gekommen, um mir das Leben der von uns Barbaren besetzten Stadt anzusehen, und finde, daß es rege und schön aussieht. Die Häuser stehen aufrecht, die Geschäfte sind geöffnet. Die Bevölkerung geht ihren Berufen nach, als wären es die glückseligsten Friedenszeiten. Seht euch nun unsere, von den Kulturstaaten Deutschland und Oesterreich-Ungarn eroberten Gebiete an. Die Häusex sind dein Erdboden gleich, alles ist zerstört, kein Leben — kaum Spuren von vergangenen glücklichen Zeiten. Wir haben euch die Freiheit gegeben und bitten euch nun, uns mit allen zur Verfügung stehenden Kräften zu unterstützen." Da trat ein Mann aus der Menge hervor und ergriff das Wort: „Herr Minister! An Sie richte ich diese Worte, die aus einem wunden Körper kommen. Gehen Sie einmal in den Schützengraben hinaus, machen S i e diese Entbehrungen mit, die jene dort •— er wies in Richtung der Front hin — mitmachen. Leben S i e einmal in jenen Löchern, in Nässe und Kälte, in Hunger und Entbehrungen. Schauen S i e unaufhörlich dem Tode ins Auge und denken sie dabei an Ihre Frau und Kinder, die daheim den schwersten Entbehrungen unterliegen und ihren Beschützer im Kampfe um Leben und Tod wissen. Sie werden nicht ein Wort mehr für die Verlängerung dieses Menschenmordens plädieren, sondern dazu beitragen, daß das Ende schleunigst herbeigeführt wird. Wenn es Euch nun nicht daran liegt, so werden wir den Frieden uns erzwingen, ohne Euch zu fragen. Hinter mir steht der gerüstete Soldat. Ihr großen Herren sprecht von der Kanzel herab, ohne diesen Krreg, der nur auf unsere Vernichtung ausgeht — gespürt zu haben. Und nun kommt Ihr, für diese Verlängerung des Schlachtens zu propagieren. Macht ein Ende, wollt Ihr Eueres Lebens sicher sein." Der diese Worte sprach, war ein russischer Infanterist, der gerade aus dem Schützengraben, einem Tier ähnelnd, gekommen war. Herr Kerenski sprach für die Offensive. Ihr Resultat ist uns bereits bekannt . . . Beim Abzug der Russen aus der Stadt setzten sie ihm den Stempel ihrer Kultur auf. Sie haben die Häuser geplündert und in Brand gesteckt, die guten Möbelstücke nach Rußland verschleppt, die minderwertigen als Heizmaterial verbraucht, die Brunnen gesprengt und andere verschüttet, die Flüsse verseucht, die Wälder ausgeholzt usw., zogen von Haus zu Haus und forderten „Geld oder Leben". Erklärte sich der Hausherr nicht gleich bereit, dem Wunsche des Tyrannen nachzukommen, so wurde er wie ein Verbrecher rücksichtslos niedergeschossen oder erdrosselt. 300 Menschen, hauptsächlich Juden, kamen dabei ums Leben . . . Als die erste deutsche Patrouille in die Stadt einzog, wurde sie mit unbeschreiblichem Jubel empfangen. Endlich kam die Erlösung. Das alte Leben ist wiederhergestellt. Man sieht nun viele Häuser, die Menschen ohne Augen oder Köpfe gleichen. Von anderen sind nur die Füße zurückgeblieben. Und wenn man erst die gefangenen Russen beim Wiederaufbau der Häuser tätig sieht, fragt man sich: „Warum sie sie erst zerstöbt haben, um sie jetzt wieder auszubauen?" O Menschheit, wie tief bist du gesunken! Wenn inan dies alles betrachtet, so muß man mit dem Franzosen Verlaine ausrufen: -Je me souviens, des jours aneiens, et je pleure . . . Englischer ftmilemitismus unter judenkremrdlicher Maske. Von F. L i e b e r in a n n. ie imperialistische Londoner Tageszeitung „Morning Post" schreibt in chrem Leitartikel vom 9. November 1917 zum Sturze Kerenskis durch den Sowjet (laut eines deutschen Auszuges): „Der deutsche Einfluß im Sowjet ist kaum verschleiert worden. Die Mitglieder dieser Behörde sind