Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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das; eine besondere Hervorhebung säst trivial erscheint. Selbst wenn dem aber so sein sollte, daß der jüdische Kulturkreis eine in sich geschlossene Sondererscheinung ohne besonderen Einfluß auf das Leöen der Ulngebuug ist, würde die Kultur einer (Gemeinschaft von zwölf Millionen Dleuscheu es ganz gewiß auch um ihrer selbst w i l l e n verdienen, in wissenschaftlichem Sinne an den Stätten der Forschung behandelt zu werden. Die heutige eigentümliche Lage, die blinder Haß und seine Nachwirkungen verschuldet haben, erscheint um so seltsamer, wenn man im Hinblick auf dieses letzte Argument die Stellung vergleicht, die sonstige Kulturkreise im wissenschaftlichen Betriebe einnehmen. Vielleicht könnte der oder jener noch im Zweifel sein, ob nicht die an deutschen Universitäten behandelte chinesische Kultur und Geschichte von ebensolchem Einfluß aus die Welt gewesen seien wie die jüdische. Aber bei der der alten Mexikaner, der Indianer, der Zulus und anderer interessanter Völkerschaften durfte dieser Gesichtspunkt denn doch versagen. Man kann die Stellung des Staates und der offiziellen deutschen Wissenschaft eigentlich nur hunwristisch ausfassen. Für alle nur erdenklichen entlegenen Spezialitäten gibt es auf deutschen Hochschulen Professuren. Für die Wissenschaft jenes Teiles der Menschheit aber, der der Welt die Grundlage der Gesittung und der Kultur gab, darf s ich nicht einmal ein l u m p i g e r Privatd o z e n k habilitieren! Dian kann und soll diese Verhältnisse auch durchaus vom Standpunkte der wahren objektiven Wissenschaft und ihrer Ehre geißeln. Uns interessiert hier freilich mehr das praktische Judentum unserer Tage. Für seine gesamte Stellung wäre es ungeheuer wertvoll,'wenn der jüdischen Wissenschaft eine Heimstätte an den Hochschulen eingeräumt würde, wenn Professuren für Talmud, für Geschichte, für Literatur, für Religionsphilojophie und für Kulturgeschichte errichtet würden. Nicht zu unterschätzen ist natürlich der oberste Wert, die ^orderllng positiver wiffeufchastUcher Erkenntnis. Für die Praxis wichtig wäre aber die dadurch geschaffene A u f k l a r u n g. Wenn auch Aufklärung keineswegs das Ende des Judenhasses bedeutet, so ist sie doch jedenfalls die Voraussetzung für jede erfolgversprechende Bekämpfung. Dann aber würde diese Gleichberechtigung der jüdischen Wissenschaft die große oberflächlich denkende Welt veranlassen, jüdische Probleme mit etwas mehr Achtung und vielleicht auch Interesse zu verfolgen, und die Zudenheit selber würde einen Stolz erwerben, der nicht das Ergebnis von tausendmal wiederholten Redensarten ist, sondern der aus der Grundlage positiven Wissens erwächst. Vielleicht würde sich auch —- ein Satiriker fände hier eine dankbare Aufgabe — das im Judentum etwas in Mißkredit geratene religiöse Lernen, die Beschäftigung mit den Quellen der Religion etwas heben, wenn unsere au der Außenwelt orientierten Glaubensgenossen sähen, daß jüdische Wissenschaft eine vom Staate geförderte, an königlichen Universitäten gelehrte, also durchaus ehrenwerte Angelegenheit sei, deren man sich keineswegs zu schämen brauche. An jüdischem Selbstbewußtsein dürfte die wissenschaftliche Arbeit an den deutschen Hochschulen sicherlich mehr schassen als Tausende von noch begeisterten Ermnnkernngsreden, denn es würde ein S e l b st b e w u ß t s e i n aus positiver G r u u d l n ge erwecken! Diese Ausführungen erheben keineswegs den Anspruch darauf, auch nur für das kleine gewählte Gebiet erschöpfend zu sein. Sie mögen aber doch gezeigt haben, daß es im Gleichberechtigungskampfe Erfolg und innere Befriedigung versprechende Wege gibt, die inan bisher nur sehr zaghaft beschritten hat. Das Beispiel des Judentums im akademischen Leben ist dabei nicht wahllos herausgegriffen worden, sondern es ist hier behandelt worden, lveil es von allen in Betracht kommenden das wichtigste ist. Bei den Juden — den alten wie den modernen, die heute im Osten die Traditionen vergangener Zeiten Pflegen — ist ebenso lvie bei den Deutschen die Hochschule, als Quell der Erkenntnis, und als Mittelpunkt des geistigen Lebens die Grundlage der Kultur! Von dieser wichtigsten Stätte aus würde sich dann die gesankte wertere Gleichberechtigung des Judentums auf den anderen Gebieten des Staatslebens — in Kultur, Schule und Heer — logisch von selber ergeben. Ist erst das Judentum als Wissenschaft anerkannt, so ist bis zu seiner Aufnahme als überall gleichgestellte Religionsgemeinschaft nur ein kleiner Schritt. Für dieses ZieL Kraft nufzmoenden ist also fraglos unter allen möglichen Methoden des Gleichberechtigungskampses am lvichtigsten und lohnendsten, und gerade hier eröffnet sich ein großes und fruchtbares Gebiet für die Arbeit derjenigen Ovgämsativn^tt, welche aus Akademikern bestehen und auf akademischem Boden ihre Tätigkeit entfalten. Auch der „K. C." muß in kommenden Tagen diesen Fragen seine ernste Aufmerksamkeit znwenden, wenn er den Anspruch erheben will, im Kampfe um die wirkliche Gleichberechkigung eine führende Rolle zu spielen. Tarnopol. Von Elias Nacht (Berlin), zurzeit Tarnopol. a bin ich nun in Tarnopol, die durch die Kriegsereignisse bekannt gewordene Stadt am Sereth, wo die Ententebrüder 35 Monate ununterbrochen vandalisch gehaust haben. Und hier bildeten diese sich ein, eine Erweiterung ihres Slawenreiches schon erreicht zu haben, als Plötzlich die Deutschen sie, allerdings nach dreijähriger Herrschaft — aus der festen Lethargie, in die sie verfallen waren, erwachen ließen. Ja, ja, jene Deutschen, mit denen sie nichts zu tun haben ivvllen, haben sie daran erinnert, daß Massentum noch lange nicht Macht bedeutet. Heute sind die Deutschen die Herren in Tarnopol. Deutsche Musik, die täglich im Pack für die Bevölkerung gespielt wird, bringt die Gefühle eines jeden Menschen in angenehme Vibration. Wie sah es nun während der langen Invasion aus? Zuerst kam eine Introduktion, die wohl zu den traurigsten Tagen der Moskoviterherrschaft gezählt werden darf. Da wurde geplündert und gemordet, gebrannt und zerstört. Die Passanten wurden wie Hunde ausgefangen und zum Schanzenarbeiten verwendet. Wehe dem, der sich weigerte, sich ihren Befehlen zu widersetzen. Die Bevölkerung der Stadt, die etwa 35 000 Einwohner zählt, wovon über die Hälfte Juden sind, hatte nicht mehr Zeit zu flüchten, da der Einzug der Russen überraschend kam. Sie mußte sich also den kommenden Ereignissen fügen. Mit der Zeit gewöhnte man sich an all die unzähligen Leiden. Der Handel begann wieder rege zu werden, das Leben nahm — wenigstens äußerlich — fast das alte Bild an. Innerlich aber wuchs die Wunde von Tag zu Tag, So vegetierte man bis zurRevolution, bis zur Absetzung des Zaren. DieRuffen nannten dieses neue Stadium: die Svoboda — zu deutsch Befreiung vom Joche; mit einem Worte, Erlangung der Freiheit. Damit trat eine neue Aera ein. Ihre Devise lautete von nun an: Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit. Diese Umwandlung kam auch unserer Bevölkerung sehr zu statten. Wenn ich von Bevölkerung spreche, so meine ich die jüdische Einwohnerschaft, da die Polen, Ruthenen und Ukrainer von jeher die Freiheit genossen. Sie erfreuten sich von da ab der Freiheit — der Bewegungsfreiheit, konnten Geschäfte ohne Hindernisse abwickeln, erhielten Passierscheine nach Rußland. Kurz, sie begannen sich zu gewöhnen, ohne aber einen Augenblick ihre Abstammung zu vergessen. Mit der Svoboda hörten die Judenverfolgungen, die sonst an der Tagesordnung waren, aus. Man gab den Juden die Möglichkeit, ihren Berufen nachzugehen; ja, sie erhielten sogar Pässe nach Moskau, Kiew, Odessa usw., woher sie Ware nach Tarnopol importieren durften. Ich habe Moskau betont, da diese Stadt bekanntlich „judenfrei" ist. Früher durften nämlich Juden die Stadt nicht betreten. Ganz ausnahmsweise erhielt ein Jude, der ein erster Steuerzahler sein mußte, die Erlaubnis, sich in der Stadt vorübergehend aufzuhalten. Die eingekerkerten Juden erhielten wieder ihre Freiheit. Man hörte auf, sie als Spione zu behandeln, da die revolutionäre Regierung die Ueberzeugnng gewann, wie unparteiisch — sagen wir neutral — die jüdische Bevölkerung allen Ereignissen gegenüberstand. Diese Aenderung, die schier unglaublich erschien, nahm das Judentum zuerst mit berechtigter Vorsicht auf, kannte es doch den Russen zur Genüge. Diesmal aber