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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 Die Beerdigung, welche vom Trauerhause, Tauentzien-! strafte 7, erfolgte, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerfeier. Dem Leichenwagen voran schritten die Zöglinge der! israelitischen Waisenanstalt, deren Vorsitzender der Heimgegangene gewesen, die drei Ratsausreuter in ihrer mittelalterlichen Tracht, eine große Anzahl Ratsdiener mit prachtvollen Kränzen und widmungsvollen Schleifen. Ein großes Gefolge begleitete die Bahre zum Friedhöfe an der Lohestraße. Tie mächtige Halle konnte nicht die Fülle der Leidtragenden fassen. An der Bahre gaben beide Gemeinderabbiner, Professor Dr. Guttmann und Tr. Rosenthal, dem Schmerze weiter Kreise in Stadt und Gemeinde über den frühen Heimgang des verdienstvollen Mannes beredten Ausdruck. Professor Guttmann zeichnete mit lebendigen Farben das Bild des Mannes, dessen volle Kraft in der Arbeit für seine Vaterstadt und Glaubensgemeinde aufgegangen sei, der durch die Tat bewiesen, lvie sich Deutschtum und Judentum harmonisch Vereinen. Dr. Rosenthal rühmte besonders sein jüdisches Herz, das nach jüdischer Lehre „den Weg Gottes gewandelt, auf dem Wohltnn und Gerechtigkeit blühen". Zuletzt gab Dr. Paul Schottländer dem Tanke des Gemeindevorstandes Ausdruck, der seine zwanzigjährige Arbeit hoch zu schätzen gewußt habe! er habe bewiesen, wie sich Treue zum Vaterlande, Liebe zur Vaterstadt und mutiges Bekennen zum Glauben harmonisch vereinigen. Ein wehmutsvoller Sologesang des Oberkantors Eerini („Was ist der Mensch"), Chorgesang und Gebet des Rabbiners schlossen die würdige Feier. Aksdrnnlche Gleichberrchtigunssarbeil'). Bon Tr. Felix G o l d m a u n. |U§ ist tu unserer Zeit in iucmd)en jüdischen Kreisen modern ge- >4^^, worden, auf die Gleichberechtigungsarbeit mit eurer gewissen Geringschätzung, ost sogar mit etwas Spott herabzusehen. Man kann — sobald man das Ziel von der Methode trennt und lediglich letztere ins Auge saßt — die Berechtigung einer solchen Betrachtungsweise nicht inrmer Leugnen. Auch der überzeugteste Arbeiter aus diesem Gebiete wird es bedenklich finden, wenn zuweilen die an sich gewiß notwendigen Bemühungen dieser Art nicht nur in den Mittelpunkt aller jüdischen Bestrebungen gestellt lverden, sorrdern werur inan sie mit jüdischer Betätigung überhaupt gleich setzt. Eine derartige Bevorzugung und Verkennung ihrer Bedeutung muß daher notwendigerweise die — auch wieder maßlos übertreibende — Reaktion hervorruseu, die wir besonders in nativualjüdischen Kreisen heute so ost beobachten können. Mehr aber noch als die falsche Bewertung mag zu dieser Erscheinung nun der geringe Erfolg beitragen, der dem unablässigen Bemühen, beschieden ist. Menu auch unverkennbar außerordentlich oiel erlangt worden ist — weniger vielleicht an äußerlich sichtbaren Fortschritten als an Worten seelischer Ausrichtung - , so gewinnt man doch zunächst die etwas uiederdrückende Ueberzeugung, daß die gr'oßeu Etappen aus dem Wege zur Höhe nicht in erster Reihe durch jüdische Arbeit und Zähigkeit, sondern mehr durch mnwälzeude Ereignisse in der allgemeinen Geschichte der Völker erreicht worden sind. Man denke an die Folgen der Französischen Revolution, an die Emanzipation der deutschen Inden im Ausklärungszeitalter, an die heutige Befreiung der russischen Juden durch die Revolution! Dann aber stellt sich die jüdische Ausgabe aus dein Gebiete des Kampfes um die Gleichberechtigung nicht als eine solche dar, die mit zusammengesaßten Kräften durch Streben nach einem deutlich sichtbaren Ziel aus einem geraden Wege systematisch gelöst werden kann, sondern sie zerfällt in ein^Unzahl von kleinen und kleinsten Bemühungen. Die Arbeit der einzelnen Teile fügt sich nicht in ein Ganzes ein. Was an einem Orte geleistet wird, kommt an dein anderen kaum zugute; was gestern geschehen ist, wird für morgen selten verwertet werden können. Wir stehen eben einer Unsumme von Einzelfällen gegenüber, in denen wir immer wieder von vorn beginnen müssen. Und das Gefühl der mangelnden Befriedigung über den Erfolg wirkt natürlich auf die Be- Jj Aus der 38. Kriegsausgabe der K.-E.-Blätter urteilung der Nützlichkeit des Kampfes und seines Positiven Wertes ein. Fraglos ist also in dem Kampfe uni die Gleichberechtigung nicht alles irr der rechten Ordnung, und der Kardinalfehler liegt darin, daß in Ansehung des Objekts nur rein individuelle Arbeit geleistet rvird! Statt für die Gleichberechtigung des Judentums als der Religion und der G e s a m t tu l t u r e r s ch e i n u n g zu wirken, wird nach der Gleichberechtigung der einzelnen Juden gestrebt, und aus dieser falschen Einstellung entspringt das doppelte Unbehagen, das uns so oft ergreift. Aus der einen Seite löst sich hierdurch eine wirklich große und dankbare Aufgabe in einer Reihe von oft kleinlich erscheinenden, Zuweilen auch wirklich kleinlichen Arbeiten aus, andererseits aber fehlt den einzelnen Individuen, in deren Interesse sie geleistet lverden, in nur allzu vielen Fällen der innere gewollte Zusammenhang mit der Sache, und so wird für Menschen gestritten, die uns oft sehr wenig Freude machen, die häufig sogar das Judentum verachten und verlassen. Wenn beispielsweise, um das alte vielbespöttelte Beispiel heranzuziehen, für den jüdischen Reserveleutnant mit Ausdauer uud einen: unendlichen Kraftaufwand gekämpft wurde, so geschah das aus Pflichtgefühl und Theorie, aber weniger mit innerer Freudigkeit, denn die meisten von denen, um deretwillen man es Lat, hatten zum Judentum gar keine Beziehungen und ließen sich oft sogar taufen, sobald eben der vom Staate und der Oessentlichkeit gezahlte Kaufpreis ein etwas höherer wurde. Es ist hiergegen eingewendet worden, daß das Streben nach jüdischer Gleichberechtigung ein Kampf ums Recht sei, daß denmach alle Einzelerscheinungen in diesen: großen Ziel zusammengefaßt würden. Den:gegenüber inuß aber zunächst bedacht lverden, daß — unbeschadet der theoretischen Richtigkeit dieses Latzes — der Kampf ums Recht schlechthin keine Sonderausgabe der Juden ist. Dann aber ist dieses Ideal viel zu hoch, als daß man imstande wäre, eine direkte Beziehung zwischen ihm und den: irr jedem Einzel falle bei der Kleinarbeit erreichten Ergebnis herzustellen, geschweige daß es die Grundlage abgeben könnte, aus der alle Sondererfolge in einen befriedigenden systei matischen Zusammenhang zueinander gebracht werden könnten. Praktische Arbeit muß ein praktisches Ziel haben. Sie direkt ohne Vermittlung aus ein allgemeines ethisches Ideal einstellen, heißt: ihr drc - aus der bestimmten Erkennbarkeit des Weges entspringende Kraft und , Sicherheit rauben. j Die Gleichberechtiguugsarbeit ist dadurch in ein falsches Fahri wasser geraten, daß wir unter den: Einfluß des Aufklärungszeitalters i und des u: ihn: entstehenden politischen Liberalismus uns nur mit dem j einzelnen Juden, weniger aber mit dem Jüdentun: als Gemeinschaft : befassen! So ist denn die merkwürdige Tatsache geschaffen wordeir, j daß das Judentum als Ganzes überall zurück-gesetzt wird, wohingegen . der einzelne Jude theoretisch nach dein Gesetze die Gleichberechtigunü? genießt. Bei einer tieferen Erfassung des Problems wird es offenbar, , daß dieser ost beklagte Unterschied zwischen den theoretischen , Rechten der jüdischen' Individuen und der tatsächlichen prak- , tischen R e ch t s b e s ch r ü n k u n g kein zufälliger ist und daß er sv lange verewigt sein wird, bis nicht das Judentum seine rechtliche Gleichstellung erlangt hat. Die Rechtlosigkeit der jüdischen Gemeinschaft ist das schleppende Bleigewicht, das den einzelnen Juden bei : seinen: Wege auf der ihn: frei gegebenen Straße zun: gleichen Rechte 1 am kraftvollen Ausschreiten und Vorwärtskommen hindert. Der: Kampf auf dieses Gebiet zu verlegen unddie Gleichv berechtigungsarbeit auf die Sache, stakt aus die Person einzustellen, würde mit einen: Schlage innerlich wie äußerlich nicht zu ermessende 0 Borteile bringen. Denn zunächst hätte n:an ein einheitliches Ziel! Ll Jeder Einzelerfolg würde sich in das Ganze fügen und die Grundlage , zu weiterem Aufstiege verstärken. Dann aber ist es selbstverständlich, c daß dem sachlichen Erfolge der persönliche mit absoluter Sicherheit folgen muß. Die geschichtliche Erfahrung bestätigt die logische Ueberj legung, daß die Freiheit und das Ansehen einer Gemeinschast ihren „ Mitgliedern zugute kommen. Die Gleichberechtigung des einzelnen i Juden ist in dem Augenblicke eine Tatsache, wo das Judentum sein e Ziel erreicht hat. Und wir würden den ungeheueren Kraftaufwand, I den wir heute in unbefriedigender Kleinarbeit oft nutzlos verzetteln, \\ für größere und würdigere Arbeit frei haben. i) Solange eben — besonders in Preußen — die Fiktion vom christ- & lichen Staate die Richtung der inneren Politik in einem für das Judenn tum ungünstigen Sinne beeinflußt, ist die Gleichberechtignngsarbeit n

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