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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 der französischen Kolonie in Berlin in Deutschland geborene Franzosen sind, so wenig sind ihre jüdischen Mitbürger etwas anderes als Deutsche. „Die alte Welt kennt das nicht, was wir heute den nationalen Staat nennen. Ihre Staatenbildung bleibt entweder hinter demselben weit zurück, wie die Stadtrepubliken Griechenlands und Noms, oder greift weit darüber hinaus, wie die Monarchien Alexanders und bäsars. Auch in den letzteren und überhaupt im Altertum dachte man gar nicht an dasjenige homogene und ungefähr mit dem Sprachgebiet znsammenfallende Staatsbürgertum, welches heute den Grund jeder politischen Gestaltung bildet. Deshalb blieb den Juden hier, mich nach dein Untergang ihres Staates, eine gewisse nationale Geschlossenheit, die namentlich ihren Ausdruck findet in der ihnen eigentümlichen Literatur. Allerdings haben sie bald als Schriftsteller statt ihrer eigenen sich der damaligen Weltsprache zu bedienen angefangen und stellen sich auch ihrerseits auf den damals allgemein gültigen Standpunkt der griechischen Bildung: aber ihre hervorragendsten Schriftsteller, der Historiker Josephus, der Philosoph Phiton, sind ganz und voll Juden und bewußte Vertreter des Judentums. Die jndiseh-alerandrinische Literatur ist ein wichtiger Faktor in der Geschichte des späteren Altertums: wo gibt es heutzutage dafür eine Analogie? Alle hervorragenden Arbeiten, die von Juden der Neuzeit herrühren, stehen innerhalb der Literaturkreise derjenigen Nation, welcher eben dieser Jude angehört. Ich will keine Namen nennen, aber man vergegenwärtige sich jeden jüdischen Dichter und Romanschreiber von einigem Belang oder auch nur von einigem Erfolg: man wird wohl die Spuren ihrer Herkunft erkennen, wie denn kein Poet seinen Ursprung verleugnen kann, und Goethe immer auch ein Frankfurter Kind bleibt, aber der deutsche Israelit steht ebenso mitten tut deutschen literarischen Leben wie der englische mitten im englischen ... . Das ist der eigentliche Sitz des Wahnes, der jetzt die Massen erfaßt hat, und sein rechter Prophet ist Herr v. Treitschke. Was heißt das, wenn er von unseren israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so,gut wie er und ich." I Orok. Dr. S. Malchke. | ie jüdische Gemeinde Berlin und nie deutsche Judenheit haben einen schweren Verlust erlitten. Sigismund Blaschke ist in kräftigem Mannesalter am 25. November einem tückischen Leiden erlegen. Wer den rüstigen, trotz seiner 60 Jahre ungemein frischen, elastischen Mann kannte, wer seine Lebendigkeit anstaunte, seine Unermüdlichkeit bewunderte, konnte nicht ahnen, daß Krankheit an ihm zehrte, und muß bei seinem Hinscheiden nagenden Schmerz empfinden, weil er sich sagen muß, daß gerade seine ungeheure Tätigkeit, seine Aufopferung für die allgemeinen Angelegenheiten ihn zwangen, seine Kräfte allzusehr anzustrengen, imb ihn hinderten, an sich zu denken. Blaschke war Lehrer an einem Berliner Gymnasium, pflichttreu und energisch in seinem Berufe. Als Philologe und Historiker ausgebildet, hätte er wohl das Zeug gehabt, seiner Wissenschaft zu dienen und an dem Ausbau seiner Disziplin zu arbeiten, er zog es jedoch vor, in schlichter Weise seinen Beruf zu erfüllen und die Angelegenheiten seiner Glaubensgemeinschaft zu behandeln und zu leiten. Zur Behandlung befähigte ihn seine große mit Eifer erworbene und durch Gründlichkeit immer weiter ausgebreitete und vertiefte Sachkenntnis; zur Leitung eignete ihn seine Bestimmtheit und Entschiedenheit. Zunächst galt seine Tätigkeit der jüdischen Gemeinde in Berlin. Seit 3899 war er ununterbrochen Mitglied der Repräsentantenversammlung, lange Jahre Schriftführer, seit kurzem mit der Stellung des ersten Stellvertreters des Vorsitzenden betraut. Er beteiligte sich lebhaft an den Vorbereitungen und Debatten. Seine Reden, entfernt von jeder oratorischen Effekthascherei, zeichneten sich durch Entschiedenheit, Gediegenheit und Sachlichkeit aus; jedem Worte, das er sprach, merkte man seinen heiligen Eifer, seine Schlagfertigkeit, seine gründliche Beschäftigung mit den Dingen, die energische Wahrung der Interessen der Gemeinde, ihrer Institutionen und der in ihrem Dienste bebeschäftigten Personen an. Gerade diese Eigenschaften befähigten ihn, ohne den man sich eine Verhandlung und eine Debatte kaum denken konnte, zu einem geradezu unentbehrlichen Mitgliede vieler Kommissionen. Er war Mitglied, zuletzt Vorsitzender des 3. Ausschusses, des wichtigsten, der alle bedeutenden, grundlegenden Angelegenheiten vorzuberaten hat, der Kommission für die sestgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten, der Kommission zur Vorbereitung für Nabbinerwahlen, in der er das Amt eines stellvertretenden Vorsitzenden bekleidete, der Kommission zur Subventionierung von Religionsvereinen, gleichfalls als stellvertretender Vorsitzender, gerade hier bemüht, auch den Vereinen, die seiner Richtung nicht entsprachen, gerecht zu werden, der Bibliothekskommission, wo er in Spezialarbeiten für Revisionen, Kunstverwaltung, Katalogisierung, Schlichtung und Behandlung persönlicher Differenzen Hervorragendes leistete, des Kuratoriums des Reichenheimschen Waisenhauses, dem er mit einer väterlichen Liebe seine Kräfte weihte als Schriftführer, der Redaktionskommission für das „Gemeindeblatt". In allen diesen Kommissionen leistete er eine ungeheure Arbeit; sein Eifer war vorbildlich, so daß er trotz dieser Fülle der Aemter kaum je eine Sitzung versäumte. In allen vorkommenden Sachen unterrichtet, vertraut mit jeder Einzelheit, batte er die besondere Gabe, durch schlichte Unparteilichkeit Gegensätze zu vermitteln, und war ausgezeichnet durch große Kenntnis des Judentums, dessen Wesen und Geschichte er im väterlichen Hause kennenaelernt und durch Selbststudien ausgedehnt und vertieft hatte. Wie gern hätte man ihn, den ausgezeichneten, vielerfahrenen Lehrer, auch inmitten des Schulvorstandes gesehen: er lehnte aber jede Berufung in dieses Kollegium ab, verteidigte indessen die Sache der Schulen und Religionsanstalten in den Kommissionen und im Plenum der Repräsentantenversammlung mit genauester Kenntnis und mit lebhaftem warmen Interesse. Gerade diesen Schulangelegenheiten widmete er eine rührende, nie erlahmende Sorge in dem D. I. G. B., zu dessen angesehensten Mitgliedern er gehörte; auch in dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte er eine führende Stellung inne. Ein Führer, trotz seiner Schlichtheit oder gerade wegen dieser Einfachheit, ein Mann, dessen Wort man sich gern anschloß, unter dessen Leitung man sich geborgen fühlte. Er war ein entschieden liberaler Mann, der innerhalb seiner Partei machtvollen Einfluß übte, stets im Vordertresfen, auch in großen Versammlungen das Recht seiner Partei wahrend und den Gegnern feurig und lebhaft entgegentretend. Aber niemals wurde er durch diese Zugehörigkeit zu einer Partei einseitig; höher als die Interessen einer Gruppe stand ihm das Lebensbedürfnis und die Einheit der Gemeinde; die Sorge für die jüdische Gemeinde Berlin machte ihn nicht unempfänglich, sondern stärkte sein Interesse für die Gesamtheit des Judentums. Ein schlichter, warmherziger, für das Schöne und Gute begeisterter Mensch, offen und bieder, treu ergeben den Seinen, für die er unermüdlich sorgte, ein edler Freund der ihm Nahestehenden, ein Wohltäter der Dürftigen ist mit ihm dahingegangen. Sein Leben war Arbeit und Kampf. Aber nicht Kampf, um seinen Ehrgeiz zn befriedigen und für sich einen Sieg davonzutragen, sondern um dem Ganzen Ehre und Ruhm zu gewinnen, Arbeit, nicht zur Erlangung von Lohn, sondern im Dienste des Edlen, zur Verwirklichung des Ideals, das in ihm lebte und nach dessen Erhaltung er strebte.

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