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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-30 · Heft 48 (30.11.1917) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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566 hat ihre Aufgaben mit aller Kraft zu lösen sich bestrebt und Ziele erreicht, die zu ahnen wir uns vordem nicht getrauten, diese aber blieb auf halbem Wege stehen lind ist bisher nichts anderes als die Kunst der Ueberredung, die es vollbringen soll, daß wir uns in die entseelte Vernunstbetrachtung fügen. Die alte Frömmigkeit ward ihrer Kraft beraubt, indem man weniger sie widerlegte, als eine Vertiefung in ihre Probleme zugunsten der allgemeinen Bildungsarbeit abgelehnt hat. Die Frömmigkeit unserer Zeit, wollte sie in ihrer guteingeführten Reformbestrebung eine neue Verinnerlichung erbringen, ist nur Stückwerk geblieben, das wir nur noch in drei äußeren Formen ]\\ pflegen gewöhnt sind: als Kind er lehre, als Kultus und als S ch m u ck st ü ck für gehobene M o - m ente! Sie hat unleugbar das eigentliche Leben aus der Verbindung mit den tiefsten Kräften herausgerissen, ohne eine neue Verbindung zustandebringen zu können. Dies rührt nicht einmal alle diejenigen, die diesen Zustand erkannt haben. Viele sogar meinen, daß er, wenn wir ihn beibehalten, zu einem schönen Ausblühen der Kultur führen werde! Das erinnert an die Geschichte vom Todesring, den der Gärtner den Bäumen in den Stamm schneidet, welche er fällen will. Der Saftwechsel mit den Wurzeln hört auf, alle Kräfte dringen empor ins Tagesleben, ins Diesseits sozusagen, und der Baum — blüht sich zu Tode! Die Individualreligion, der man heute so viel das Wort redet ltnb nach der ein jeder sein Stück Frömmigkeit sich zurechtlegt, hat eine innere Zerklüftung in uns gebracht. Wir haben den Halt mit dem Judentum, besonders auch mit uns selber verloren und sind zu Dienern der inhaltlosen Phrase geworden. Sie ist eine Religion, die u n s nicht trägt, wie unsere Väter von ihr getragen wurden, sondern die w i r tragen und stützen müssen, damit sie überhaupt noch bestehen kann. Und wenn das Wort „Ihr seid bis jetzt* noch nicht zur Ruhe gekommen " bei unseren Alten nur das äußere Leben betraf, das nunmehr ins Gegenteil sich gekehrt hat, bei uns hat es auf das innere Bezug und will, daß wir es aufmerksam bedenken. Die in die tiefen und zu dem letzten größten Ernst führenden Schicksale, die der Krieg über uns gebracht hat, scheinen die wirklichen religiösen Kräfte in uns wieder freiwerden lassen zu wollen. Es kann sein, daß aus der toten Formel unserer modernen Vernunftreligion eine starke, lebendige Neuverkündigung wird, eine Reformation in des Wortes wahrem Sinn, eine Wiederbelebung des in der alten Zeit als ewige Wahrheit empfundenen Guten! Sir Woche. Berlin, den 27. November, ie V e r h ä l t n i s s e in Rußland haben sich noch immer nicht geklärt. Das von der maximalistischen Negierung gemachte Friedensangebot kann den Mittelmächten nicht übergeben werden, weil der damit beauftragte Oberbefehlshaber die Ausführung des Befehls verweigert. Ein anderer Kommandant trat an seine Stelle; wie er sich benehmen wird, weiß man nicht. Ebensowenig, ob die Mittelmächte mit einer Regierung verhandeln können, die keine Bürgschaft der Tauer verheißt. Die Ententemächte wollen von dieser Regierung nichts wissen, sie geben Rußland auf. Aber in Rußland selbst gärt es überall. Die augenblicklichen Machthaber, welche die schlimmsten Ausschreitungen der ungezügelten Banden dulden müssen, sind von den Kosaken bedroht; deren Führer Kaledin gilt vielen als der kommende Mann; vielleicht bereitet sich eine monarchische Gegenbewegung vor. Gelingt es wirklich, das Chaos einigermaßen zu entwirren, so kann man doch hoffen, da Rußland mit sich so viel unt) auf so lange Zeit zu tun haben wird, daß es aus der Schar unserer Feinde ausscheidet. Wir als Juden mögen uns einer Regierungserklärung der gegenwärtigen Machthaber freuen, in der es heißt: Erstens: Freiheit und Souveränität für alle Völker Rußlands. Zweitens: Selbstbestimmungsrecht für die Völker Rußlands bis zu ihrer Trennung und selbständigen Staatenbildung. Drittens: Aufhebung der Vorrechte einzelner Völker und Nationalkirchen und der Einschränkungen aller Art. Viertens: Recht aller Minderheitsvölker und Volksstämme, die die Gebiete Rußlands bewohnen, auf vollständig freie Entwicklung. Wird sie wirklich, von welcher Regierung auch, ausgeführl, dann hat in Wahrheit die Stunde der Freiheit für Rußland geschlagen. Während an der russischen Front Ruhe herrscht, ist au den übrigen noch immer die grauenhafteste Bewegung. Im Westen wird täglich aitf§ blutigste gekämpft. Die Engländer, die trotz der Warnung ihres leitenden Ministers jede Handbreit Landgewinn zu einem Riesentriumph aufbauschen, ebenso wie die Franzosen, die Meister der Selbstrühmung, j greifen ununterbrochen an, erleiden die schwersten Verluste, dringen gelegentlich ein kleines Stück vor, büßen das Ge- > wonnene fast ebensoschnell wieder ein und sind weit entfernt davon, das Ziel eines Durchbruchs zu erreichen. Ueber diese Fehlschläge suchen sie sich durch unverschämte Forderungen k und prahlerischen Ausdruck der Selbstverständlichkeit ihres 1 Sieges zu trösten. Wie wenig ernst es ihnen mit diesen 0 Prahlereien ist, bekunden sie jetzt durch ewig wiederholtes ' Buhlen um japanische Hilfe und die sehnliche, fast klägliche Er- Wartung auf ein tatkräftiges Eingreifen Amerikas, das sie : selbst vor dem nächsten Frühjahr nicht für möglich halten. n * E In I t a l i e n schreitet unsere Sache langsam, aber hoffent- § lich sicher vorwärts. Die Italiener haben nach den allerdings d unersetzlichen Verlusten sich gesammelt, Kraft zu einzelnen Vor-? stößen gefunden, auch Unterstützung von ihren Verbündeten erhalten; doch ist zu erwarten, daß ihre Zerrüttung so groß, > ihr Mangel an Kriegsgerät so bedeutend und die Unmögl, lichkeit eines zentralisierten Widerstandes - - jeder der Verbündeten möchte den Oberbefehl haben, so daß ihn wirklich a keiner besitzt -- so sichtbar und bedeutend sein wird, daß eine a Entscheidungsschlacht, die nach Andeutungen unserer Feinde n nahe bevorsteht, zu unseren Gunsten ausgefochten wird. u Möge das Kalenderjahr nicht zu Ende gehen, ohne unseren b wunderbaren und ruhmreichen Taten einen neuen großen Er- [[ folg zuzugesellen. Dann könnten wir mit größerer Beruhil.s, gung der Entwicklung der Dinge entgegensehen. Die eigentliche Entscheidung muß im Westen fallen, wenn nicht Mangel. Hunger und allgemeine Erschöpfung dem entsetzlichen Treiben auch ohne wirkliche Entscheidung ein Ende machen. Wir harren geduldig mib hören nicht auf zu warten, daß 11 endlich doch die Vernunft siegt. Freilich irgendwelche Ana zeichen zu Friedensverhandlungen sind nicht vorhanden, und 11 auch die wieder angekündigten Vorschläge des Papstes werden, 11 wie man annehmen muß, das Schicksal der alten teilen; sie 1 werden wohlwollend angehört und mitleidig von den einen, hochmütig von den anderen beiseite gelegt. 'l Wie lange noch?!'. f)i Die englische Erklärung, einen Z i o n i st e n st a a t tu n Palästina, wo die Engländer große Fortschritte machen fc sollen, Herstellen zu wollen, hat in der Türkei großes Bedenken fc erregt, bei den deutschen Zionisten einiges Bedenken hervorn gerufen, da es sich bei dieser Erklärung um einen antideutschen Versuch handelt, bei den Zionisten der neutralen und der mit England verbündeten Länder hellste Begeisterung entfacht.

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