Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 47 Berlin, 23. November 1917 Der GemetndeLote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung drK IudrnrnmK". Lorrelpondkll?m und Sachrichtkn. SeutschlsnÜ. E. R. Berlin, 18. November. Die heutige Sitzung der Repräfentantenverfammlung «eröffnete der Vorsitzende, Herr Direktor Dr. Minden, mit einem Nachruf für den Heimgegangenen Repräsentanten Alexander Hahn. Derselbe gehörte der Nepräsentanteuversammlung seit 10 Jahren als Stellvertreter, zuletzt als Mitglied an. Ein dauerndes Andenken werde ihm stets bewahrt bleiben. An seine Stelle ist Herr Geheimer Justizrat Casper Halle einberufen worden, den der Vorsitzende herzlich willkommen heißt. In bewegten Worten gedachte Herr Dr. Minden des Herrn Willibald Loe we n th a I, der vor einem Jahre am heutigen Tage gestorben ist. Als freudige Ereignisse sind zu nennen der 60. Geburtstag des Herrn Syndikus Lilienthal und der 75. des Herrn Stadt ältesten Tr. Weigert. Bei Beginn der Sitzung wurde ein Schreiben der ausgeschiedenen konservativen Repräsentanten verlesen, zu dein der Gemeindevorstand einige frühere Schreiben derselben übersandt hat. Die Herren Blas ch k e und Kalischer gäben hierzu ausführliche proarannnatische Erklärungen ab. die sehr beifällig ausgenommen wurden. (Wir kommen auf diese Erklärungen in der nächsten Nmmner zurück. D. Red.) Vom Gemeindevorstand ist ferner folgendes Schreiben eingegangen: Die aus der Repräsentantenversarnmlung ausgeschiedenen konservativen Herren haben in ihrer Eingabe auch darauf Bezug genommen, daß die Schulverwaltung der Gemeinde die konservative Richtung nicht genügend berücksichtige. Der Vorsitzende des Schub und Talmud-Thora-Vorstandes hat nun eine Zusammenstellung gemacht, in der die Parteirichtung der einzelnen Lehrer und Lehrerinnen und die Zahl ihrer Unterrichtsstunden vermerkt sind, um zu prüfen, ob und inwieweit die diesbezüglichen Behauptungen der Herren begründet sind. Danach war von 23 der Lehrkräfte ihre Parteistellung nicht zu ermitteln. Von den übrigen 159 waren liberal 70 mit 699 Unterrichtsstunden, konservativ 64 mit 662 Unterrichtsstunden, Mittelparteiler 25 mit 345 Unterrichtsstunden. Auch aus diesen Zahlen spricht die wahrhaft unparteiische Geschäftsführung der liberalen Mehrheit der Versammlung. Herr Professor Türk hält das Schreiben der Ausgeschiedenen für einen Wahlaufruf. Herr Geheimrat Blumenthal, der verstorbene konservative Repräsentant, wäre gewiß nicht jahrelang im Schul - vorstand geblieben, wenn Parteistandpunkte geltend gewesen wären. In Neukölln sei eine liberale Reliaionsschule aufgelöst und die Kinder in die konservative Schale geschickt worden. Maßgebend bei Stellenbesetzung sei nur die Tüchtigkeit der Lehrkräfte. — In den Schul- und Talmud-Thora-Vorstand werden wiedergewählt die Herren Dr. Weiße, Sally Beer, Geheimrat Geiger, Direktor Holtmann. Professor Kalischer, Professor Schaefer, Professor Türk und Dr. Baeck. In den Vorstand des Krankenhauses Kommerzienrat Alfred Cohn, in die Festgottesdienstkommission Theodor Herzog. — Mt Rücksicht aus die fortgesetzte erhebliche Steigerung der Preise für Lebensrnittel und alle anderen Bedarfsgegenstände werden die Verpflegungssätze in der ersten Klasse des Krankenhauses erhöht, ferner werden die täglichen Verpflegungssätze ans der Extrastation des Krankenhauses vom 1 Januar 1918 ab in Zorn: von Kriegszuschlägen wie folgt erhöht: Das Zimmer der 1. Klasse von 11 auf 18 Mark, die größeren Zimmer der 1. Klasse von 20 auf 25 Mark, sowie die Zimmer der 2. Klasse von 7,50 Mark auf 10 Mark. Es folgen Rechnungsabschlüsse, denen'sämtlich Entlastung erteilt wird. Beim Rechnungsbericht der Friedhofskommission, den Herr Bertold Kirstein vorträgt, gibt Herr Borsteher Blankenburg verschiedene Erklärungen. Herr Benas Levy bittet Sorge zu tragen, daß die Doppelgräber nicht bis an das äußerste Ende des Friedhofes gelegt werden. Herr Blankenburg bittet, sich bis znm Friedensschluß gedulden zu wollen, lieber die Beerdigungstaxen äußert sich Herr Siegfried Sachs. — Folgende Zuwendungen werden angenommen: Von Frau Gertrud Solmitz 10 000 Mark für das Krankenhaus, von den Eheleuten Kurt und Therese Levy 500 Mark für die Armenkommission und 500 Mark für die Altersversorgungsanstalt. Frau Karoline Brock stiftete zu Grabpflegezwecken 6000 Mark. Frau Cecilie Pariser geb. Mende 10 0O0 Mark für Kurbeihilsen für jüdische Kriegswaisen und Witwen und 10 000 Mark für Unterstützung begabter Schüler der jüdischen Gemeindeschulen. Ungenannt 10O00 Mark für das Krankenhaus. Kommerzienrat Lohnstein 1060 Mart für die Armenkoinmission, 1000 Mark dem Fonds für verschämte Arme, 1000 Mark dem Krankenhaus; Herr Karl Kallmann 3000 Mark der Waisenkommission zur Ausbildung von Waisenkindern. -- An Ausgaben werden bewilligt 345 Mark 10 Pfennig zur Bespeisung der in Schutzhaft befindlichen jüdischen Personen (an die Armem kommission), der Friedhofskomnnssion 850 Mark zur Verlegung des Grenzzaunes, der Kriegshilfskommisston 772 M-ark 80 Pfennig zur Bespeisung jüdischer Soldaten an den hohen Feiertagen, der Hauptverwaltung 600 Mark zur Anschaffung von 100 Gebetbüchern der Neuen Synagoge. — Subventionen werden bewilligt, der Israelitischen Neligionsgemeinde Groß-Lichterfelde-Lankwih 500 Mark für 1917 zur Veranstaltung von Gottesdiensten an den hohen Feiertraaen, der jüdischen Blindenanstalt für Deutschland 500 Mark einmalig. Beim Rechnungsabschluß der Bibliothekskommission sprach Herr Engen Easpary den Wunsch aus, daß zum Ankauf von Schätzen stets Mittel gewährt werden mögen. R Berlin, 20. November. In der ,.Mssenschastlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" sprach in der ersten Sitzung nach den Ferien Herr Naftaniel über: „Neue Vorschläge über den hebräischen Unterricht." Er gebt von dem Gedanken aus, daß die geringen Erfolge des hebräischen Unterrichts trotz der dafür anfgewandten Zeit und Mühe ihre inneren Ursachen haben, imb führt als die wichtigste an, daß dem hebräischen Leseunterricht die so notwendige Psychologische Grundlage fehle. Den Schülern wird zugemutet, Wörter zu lesen und zu üben, die sie noch nie gehört haben, gar nicht verstehen und die keinen Znsammenhana haben: deshalb bleiben sie nickst im Bewußtsein haften, denn es fehlen die für die Lesefertigkeit notwendigen apperzeptionskrüftigen Vorstellungen. Diese sind zu schassen. Daher ist darauf zu achten, daß mit den einzuübenden Wörtern: 1. ein Inhalt verbunden werde: daß also kein Wort gelesen werde, das nicht vorher übersetzt und erläutert wordenist; 2. daß diese Wörter unter sich einen Zusammenhang haben, daß sie also in Sähen auftreten, die aus dem Erfahrungskreis der Kinder genommen sind, lieber die einzuschlagende Methode des hebräischen Leseunterrichts macht der Vortragende folgende Vorschläge: Dem eigentlichen Leseunterricht gehe ein Vorkursus voraus, in den: die Kinder an deutschen Wörtern und Sätzen die hebräischen Buchstabenformen sich einprägen sollen. Nach einigen Wochen beginne dann der eigentliche Leseunterricht. Dieser gehe von Sähen aus. Zuerst sollen es nur wenige und kurze Sätze sein: sie müssen aber 1. unter sich einen Zusammenhang haben: 2. nmß ihr Inhalt im Gedankenkreise der Kinder liegen und ihr Interesse wachrufen; 3. dürfen sie zunächst keine sprachlichen Schwierigkeiten aufweisen. Allmählich werden dann die einzelnen Lehrabschnitte größer. Von der ersten Stunde an werden die Sätze vorgelesen, übersetzt. — natürlich mit den notwendigen grammatischen Elementen erklärt, in die einzelnen Wörter zerlegt und die Vokabeln eingeübt. Auf diesem Leseunterricht baue sich nun der gesamte hebräische Unterricht in geigneter methodischer Weise auf. Ter Referent vertritt den Standpunkt, daß zuerst der Pentateuch übersetzt lverden müsse, der Siddur erst nach der Bibel und nach gehöriger Vorbereitung durch die Bibel. Sodann spricht Herr Naftaniel von dem Unterricht in der hebräischen Grammatik. Dieser habe den Zweck, 1. das Interesse für die hebräische Sprache zu erwecken und rege zu erhalten; 2. den hebräischen Unterricht zu einem geistweckenden und geistbildenden zu machen. Daher soll die Grammatik mit dem Uebersetzen stets untrennbar verbunden sein: nie dürfe Grammatik in besonderen Stunden oder in systematischer Weise erteilt werden. Der grammatische Unterricht beginne mit den ersten Uebersetzungsübungen und werde bis zum Mschluß der Klassen ununterbrochen fortgeführt; an ihm nehmen Knaben und Mädchen ohne Unterschied teil. Die Auswahl des Stoffes richte sich 1. nach dem vorliegenden Uebersetzungsstosf: 2. nach der Vorbildung und Fassungskraft der Kinder. Der Vortragende ist der Meinung, daß in der hebräischen Grammatik nicht ein Nacheinander, sondern ein wohlgegliedertes Nebeneinander der Wortklassen gelehrt werden solle. — In bezug auf die allgenuine Methode des Unterrichts stellt der Referent die Forderung auf, daß die hebräische Grammatik aus ihrer Sonderstellung befreit und mit dem gesamten übrigen Sprachunterricht in lebendige Beziehung gebracht werde, und sucht diese Forderung