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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-23 · Heft 47 (23.11.1917) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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564 Haben wir doch nun seit bald drei Jahren so viele ihre Sprüchlein über die Juden in Polen sagen hören, daß uns alle es interessiert, wie ein so feiner politischer Kopf über die Ostjuden denkt. Und nun obendrein wir hier an der Grenze, die wir doch auch vor dem Kriege, der erst bei den meisten die Bekanntschaft mit Polen vermittelt hat, die polnischen Juden gekannt, haben noch ein doppeltes Interesse nach allem, was wir bisher gehört haben über ein Volk, über Menschen, die wir als ganz andere, als so ganz anders geartete kennengelernt haben, als wie sie uns mit feindlichem oder freundlichem Blicke sehende Beobachter in Broschüren und Zeitungsartikeln und Büchern dargestellt haben. Und siehe, unsere Erwartungen werden nicht getäuscht, wenn selbstredend ein solches Problem wie das der Ostjuden innerhalb des Kompleres der übrigen polnischen Probleme ebenso wie. diese nicht — auch nicht von Naumann, restlos gelöst wird, gelöst werden kann. In dieser Beschränkung auf das Tatsächliche und auf das tatsächlich Geschehene zeigt sich der politische Meister . und vor allem auch feilt Sinn für die Wirklichkeit. Mit klugen Augen hat Naumann Land und Leute gesehen und objektiv gibt er sein Urteil. Er erzählt uns in anschaulicher Weise von dem Gegensatz "zwischen Deutschen und Polen, bespricht in eingehender Weise die Wirtschaftsfragen, die Staats- und Heeresangelegenheiten, wie sie sich bisher gestaltet haben, und wie sie sich nach seinem Dafürhalten gestalten müßten. Darüber an diesem Orte weiter zu sprechen, gehört nicht in den Rahmen einer ansich unpolitischen Zeitung, obwohl eigentlich alles dieses die Sache der- Ostjuden eng berührt und vielleicht mit Unrecht von uns geschieden wird. Jedoch das würde uns hier zu weit führen. „Willst den Dichter du verstehn, mußt in Dichters Lande gehn" — nach diesem Grundsätze hat Naumann gehandelt, indem er unter Führung seines Freundes, des Abgeordneten Tr. Haas, sich viele jüdische Wohnungen, Schulen und Synagogen angesehen hat. Er faßt sein Urteil dahin zusammen, daß das Altjudentum in Polen Mittelalter sei und daß alle gewöhnlichen west- und mitteleuropäischen Vorstellungen über Juden und Judentum hier nicht ausreichen und passen. Ob diese Inden eine Mationalität oder ob sie eine Konfession sind'- Naumann verneint beides, sondern meint, sie seien eine Kaste, d. h. eine altgebundene Lebensgemeinschaft ohne eigentliche staatliche Eigenschaften, aber mir ganz festen sozialen und moralischen Gewohnheiten, zu denen eine Religion gehört, die keineswegs mit dem Begriff Glanbensgemeinschaft erschöpfend dargestellt wird, da in ihr das Tun jedes Tages verankert ist. Er bespricht Beselers Organisationsverordnung der jüdischen Gemeinden, die er als einen Versuch anspricht, das Lebewesen der jüdischen Gemeinschaft in moderne Worte zu kleiden. Innerhalb der polnischen Juden - unabhängig von Regeln und Verordnung - - entwickle sich neben der altjüdischen Massengrundlage und auf dem Grund derselben der Prozeß des Individualismus und erzeuge National- oder Konsessions- oder Assimilationsjuden, und diese würden, je mehr sie sich vom kastenförmigen Urgrund entfernen, ganz moderne Staatsbürger. Und nun erhebt sich die seit Jahresfrist immer und immer wieder ventilierte Frage: Wie soll der neue Staat diese jüdische Lebensgemeinschaft in sich aufnehmen? Darauf gibt Naumann keine Antwort, die man so gern von ihm gehört hätte, nach allem, was man bisher von unpolitischen Politikern und von politisch sein wollenden „Nichtpolitikern" intra imiros et extra gehört hat. Hier aber, wo der springende Punkt ist, antwortet er mit Gegenfragen mannigfacher Art, die sich ihm gewiß sofort entgegentürmten, als er Polen und die Juden in ihm sah, ihr Wesen und die ihnen zuteil werdende Behandlung früher und jetzt. Und Naumann fragt daher: Soll Polen seine Juden als eigenen Staat im Staate oder als einzelne Bürger aufnehmen? Soll er die jüdischen Kinder in polnischen Normalschulen aufnehmen oder in besonderen jiddischen Schulen zulassen? Soll er den Prozeß der Loslösung vom altjüdischen Urgrund befördern oder verlangsamen? Soll er Prozentnormen altrussischen Gedenkens einführen für Gymnasien, für Städte mit überwiegend jüdischer Bevölkerung? Und Naumann hat sehr gut und richtig gesehen, wenn er uns mitteilt, daß bislang die Juden in Polen (geschweige wir in Deutschland) ebenso wie die Polen keine Lösung für diese Fragen, die so brennende Tagessragen sind, gefunden haben und die entgegengesetzten Memuügkn üntei: ihnen vertreten sind. mann, der also selber keine Lösung gibt, hält es doch im Interesse des neuen Staatengebildes Polen für wünschenswert, wenn in Uebereinstirnmung von deutscher Verwaltung und Staatsrat eine grundsätzliche Regelung über alle diese Fragen, insbesondere über die Judenkurie, über Selbstverwaltung, eintreten würde, bevor die Wahlen zum ersten gesetzgebenden Parlamente ausgeschrieben werden, damit nicht sofort Judendebatten die Parteien scheiden. „9toch aber ist die Forrn.nicht gefunden, wenn auch nach der Ansicht Naumanns Polen liberal arbeiten und kein zweites Rumänien werden will." Das ist in großen Zügen ein kleiner Ausschnitt aus dem äußerst interessanten Buche; schon dieser dürfte jedermann, der an dem Wöhle der Juden Polens Anteil nimmt, zeigen, daß er das Werkchen lesen muß, das auf Polen ganz neue Lichter wirft und ihm manches in anderer Beleuchtung zeigt, als er es 311 betrachten gewöhnt ist. Denn verhehlen wir. es uns doch nicht, in unserem lieben Vaterland haben wir den polnischen Juden nur immer von der schlechtesten Seite kennengelernt und gekannt als den Schnorrer, der von Haus zu Haus geht. Wir haben aber nicht gelvnßt, was wir hier an der Grenze schon seit langem erfahren hatten, daß dort in Polen eine Masse von Juden wohnt, in ver Intelligenz in höchster Potenz, Tatkraft und Opfermut und vor allem Thorawissen und Thorakenntnis vorhanden. Erst der Krieg, dieser furchtbarer Zerstörer von Kräften jeglicher Art, dieser Kennenlerner aber auch von f r e m d e n Ländern, Leuten, Sitten u n d G e b r ä u ch e n , mußte kommen, damit wir deutsche Juden unsere Brüder im Osten in ihrer Eigenart kennen, achten und schätzen, ja lieben lernten. Zwei Millionen Juden dort, und wir hier in ganz Deutschland etwas mehr als eine halbe Million, zwei Millionen, die gar nicht daran denken, nach Deutschland abzuwandern, wie in manchen feindlich gesonnenen Broschüren zu lesen, zwei Millionen, die in Polen glücklich leben wollen mit Menschheitsrechten, die sie so lange entbehrten. Welch ein Problem, da die richtige Norm und Form zu finden für das gegenseitige Zusammenleben, für das gegenseitige Achten, beim Bau, beim staatlichen und geistigen Ausbau des alle Bürger in gleicher Weise behandelnden Staates, des gleichen Schutzes unter den Fittichen des weißen Adlers, den Polen nunmehr wieder als sichtbares Zeichen seines Staates im täglichen Geldverkehr erblickt. Uns will scheinen, daß bei einigermaßen gutem Willen und gegenseitigem Verständnis das rechte Maß von den dazu Berufenen gefunden werden dürste, um Polen und Juden gerecht zu werden. Wenn auch manches jüngst Borgekommene leider den Menschenfreund" betrüben muß und ihn in seinem Optimismus — diesem so viel geschmähten Worte unserer Zeit — über die guten Beziehungen zwischen Polen tlnd Juden irre werden läßt, so sollte doch immer wieder betont werden, daß eigentlich die sich stets so gedrückt fühlenden Polen auch die Psyche der Juden verstehen und empfinden müßten, wie es einem Volke und einer Volksseele zumute sein m u ß, die einen Leidensweg durch fast alle Regionen einer bekannten Welt gemacht, einen Leidensweg, der länger ist als der Polens in seiner Geschichte, und blutiger und dornenvoller als der — so will es uns dünken — eines jeden anderen Volkes. Wo der Wille vorhanden ist, da dürfte auch der Weg des gegenseitigen Verstehens sein. So lese denn jeder von uns Naumawns Schrift, viele von uns werden manches schon wissen aus den Broschüren, die über Polen und seine Juden bereits erschienen, allen jedoch wird es interessant und reizvoll zugleich sein, wie der Politiker „Mitteleuropas" zu dieser Frage sich stellt. Er wird angeregt zu Gedanken über unsere Glaubensbrüder, wird sich als Folge der Lektüre Naumannscher Schrift -auch mit anderen Werken über die polnischen Juden beschäftigen, sie kennenlernen und ihrem Fühlen, ihrer Glaubensbegeisterung und ihrem Nationalitätsbewußtsein große Achtung, ja oft Ehrfurcht abgewinnen. Denn wie können wir von anderen Verständnis für unsere Brüder in Polen verlangen, wenn wir selber mit gewissen, veralteten, vom Schreiber dieser Zeilen auch heute noch immer gehörten Vorurteilen sie betrachten? Es achai onauchi mewakesch, sprach Josef: Suchen wir unsere Brüder — und w i r werden sie achten und — lieben! N e u h a u s (Ostrowo).

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