Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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die, soweit mein geringes Können reichen wird, auch die meinen werden sollen. Ich fand aber merkwürdig wenig Gegenliebe. Tante setzte eine Miene auf so ähnlich wie damals, als ich ihr für Paula von einem Beruf sprach, nur, daß sie hier natürlich einsieht, daß ihre Macht nicht so weit geht. „Das is doch nichs Richtge for dich", meinte sie verdrießlich. Die Summe, die ich in Heller Begeisterung für die schöne Sache sofort gezeichnet habe, nannte ich gar nicht, um sie nicht aufzuregen. Zu merkwürdig, die Frauen dieser Generation sind sehr für die Wohltätigkeit, aber die soziale Fürsorge können sie nicht leiden. In Roschmin hatte Tante, wie mir die Mädchen erzählen, einen ganzen Stamm von Armen, für die sie kochte und die sie beschenkte, und auch hier hat sie schon ihre einzelnen Beziehungen. Wenn sie mit ihrem Enkel Benno, was freilich seit Wochen nicht mehr vorkam, zusammen ausgeht, so erhebt sich an der ersten Straßenecke, wo der blinde Bettler sein Geschäft aufgemacht hat, jedesmal derselbe grimmige Streit. Benno, den Paula einen „Prinzipienreiter" schilt, der die Straßenbettelei haßt, ist nicht dazu zu bewegen, trotz Großmamas zahlreicher beschwörender „nebbig" und „s is en Rachmones" und so weiter, sein Portemonnaie zu ziehen, lieber wartet er jedesmal in verbissener Wut, bis sie umständlich ihren schweren Mantel und das Kleid aufgehoben und aus der gut zugebundenen Unterrocktasche ihr Portemonnaie herausgeholt und dem Blinden ihren Sechser gereicht hat. In Roschmin trug sie ihr Geld in der inneren Manteltasche, aber in der ^Großstadt" Wostock genügt das noch nicht, da fühlt sie sich von lauter Taschendieben umdroht. Das Erbarmen mit dem sichtbaren Elend überwindet alle Unbequemlichkeiten, sogar ihre Sparsamkeit, aber für die vorbeugenden Mittel, die doch eigentlich noch viel barmherziger sind, spricht ihr mitleidiges Herz nicht. * Ich warte so sehr auf Frau Berliners Brief. Trotzdem ich kaum eine Minute Zeit für mich hatte, wartete ich all die Tage so darauf. Ich hatte viel mit Tante Phine zu tun, viel Pflege, viel Sorge. Es will und will nicht so recht werden mit ihr. Es ist ganz gut, daß mir noch keine Richtlinien für mein Ziel gegeben sind. Was sollte ich heute schon mit meinen« Kinderheim? Vorläufig hat mich die Karlstraße noch sehrnötig. Aber ich muß mich schon auf etwas ein wenig freuen, ich muß ein Ziel haben können. Es ist doch mehr Lebenskraft in mir, als ich mir selbst zugetraut habe. Meine Herzenswünsche sind tot, die farbigen, die feurigen, aber meine Seele kann doch nicht nur ein ständig graues, leeres Oedland sein. Ein paar Nutzpflänzchen will ich noch daraus pflanzen können, die Nahrung und Kraft zum Weiterleben geben, und vor allem, die anderen zum Heil werden sollen. Jetzt will ich Tante Phine pflegen, aber, wenn sie erst wieder gesund ist, dann muß die Arbeit beginnen. Sonderbar, nun liegt der ersehnte Brief von Frau Berliner auf dem Schreibtisch, und ich bin nicht imstande ihn zu öffnen. Seit heute morgen schon liegt er da. Ist das Unrecht von mir? Nein, nein, nein, nicht diese gewaltsamen Mahnungen, nicht mehr dieses ewige „Selbstbeherrschung!" „Frauenwürde". Gott sei Dank, das rst nun alles nicht mehr bedroht. Ich brauche nicht mehr die scharfen, mahnenden Mittel. In mir ist Ruhe, Klarheit und — Frieden. Ja, sogar endlich einmal wieder Frieden. Ich bin zu müde, Frau Berliners Brief heute noch zu lesen, ihre gewiß klugen, nützlichen Worte zu würdigen. Sie selbst würde es einsehen, wenn sie diesen Tag um mich gewesen wäre, und würde lächelnd in ihrer verstehend gütigen Weise sagen: „Morgen ist auch noch ein Tag. Morgen werden wir in« Ruhe an die Sache gehen und gemeinsam überlegen." — Und wenn ich dann sagen würde: „Es ist schon alles mcht mehr so, wie es vor wenigen Tagen war. Mein ersehntes kleines Kinderheim ist schon da, ich selbst bin nicht mehr frei",— dann würde sie mir die Hand drücken und sagen: Wo man Gutes tut, ist ganz egal- Welchen Kindern man eine sonnige Kindheit und gute Pflege bereitet, ihre kleinen Seelchen vor Bösem bewahrt, ist gleich. Wenn man nur den Platz, auf den man sich gestellt hat, gut ausfüllt. Aber wir wollen deshalb doch den Brief Punkt für Punkt durchgehen«; man kann auch in die Ferne wirken, durch seine Geldmittel, seine Fürsorge, seine — „Ach gern, beste verehrteste Freundin. So habe ich es ja vor. Nur heute will nur an mich denken und mein Erlebnis und an die, die es mit angeht". Sonderbar, was ich mir so ausmale! Vielleicht, daß ich alles, das mir soeben in den Sinn kam, so Frau Berliner einmal schreibe. Die Frau, die ich kaum eine Stunde sah, ist meine Freundin. Ich weiß, daß sie mich verstehen wird. Freilich, heute wüßte ich selbst noch kaum, wie ich es erzählen sollte. Mir ist alles noch wie im Traum. Ich weiß nur, daß Stille in mir ist und Friede und daß es mir ist, als habe ich recht getan. Wer mir heute früh gesagt hätte, als ich sehnsüchtig darauf wartete, für mein Kinderheim zu sorgen, daß es schon fertig sei, daß ich nur einzutreten, brauche. Wer mir gesagt hätte, daß ich den kleinen Magdeburger Waisenkindern Stiefmutter, — o nein, Gott verhüte, nicht Stiefmutter — Mutter, Mutter will ich ihnen sein — werden« würde. Tante Phine, jetzt lachst du mich aus, du liebe, zähe, erfolgreiche Kupplerin. Und ich nehme es dir noch nicht einmal übel. Lach' dich nur gesund daran, du gute Seele! Also, er kam, der Herr Simon aus Magdeburg, den ich mich nun wohl gewöhnen muß, Julius zu nennen. Er kam, weil ihn „Frau Sternheim" zu mir geschickt hatte. Er mag sich wohl etwas gesträubt haben, aber Tante Phine hat behauptet, ihm wirklich und wirklich keine genügende Auskunft über Fräulein Benjamin« geben zu können. Die erfrüge er am besten bei mir, die ich das Fräulein ganz genau kenne. Und da hat der gute Vater, der keinen, auch den schwersten Weg nicht scheut, wenn er der Sorgfalt für seine Kinder gilt, sich überwunden und ist noch einmal in das Haus gegangen, das ihm das vorige Mal sicherlich keine freundlichen Eindrücke hinterlassen hatte- Ich war so ganz im unkultivierten Osten mit meinen Plänen und meinem Erbarmen, daß ich mich zuerst gar nicht in den Gedanken hineinfinden konnte, daß es auch im Westen, auch in Wohlstand und Ansehen, recht bittere Not geben könne. Und doch, dort in Simons Haus -- aber nein, er heißt ja Julius, — ist Not. Ich hatte nach seiner Abreise selten noch an ihn gedacht. Sein Aussehen war mir ziemlich aus dem Gedächtnis geschwunden. Aber dessen erinnerte ich mich doch noch, daß der Mann damals noch lange nicht so viel graues Haar gehabt und überhaupt viel jünger ausgesehen hat. Er hat sein neunjähriges Töchterchen verloren und kam gerade von dem Professor unserer Provinzialhauptstadt, der auf dem Gebiete der inneren Krankheiten eine Autorität sein soll. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Friedrich flanmann „W n s wird aus Polen?" Besprochen von Rabb. Dr. Neuhaus (Ostrowo). Preis 1 Mark. Soeben ist von Friedrich Naumann im Verlage von Georg N-eimer (Berlin) eine Broschüre „Was wird aus Polen?" erschienen. Wenn schon alle Schriften dieses bekannten Politikers unser Interesse beanspruchen können, so wird ein jeder von uns ganz besondere Erwartungen an dieses Büchlein stellen, um 311 sehen: Wie stellt sich Naumann zu dem ostjüdischen Problem?