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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-23 · Heft 47 (23.11.1917) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 Neunjährigen Sextaner, die doch mit den Quintanern und Quartanern gemeinsam Religionsunterricht erhalten, gezwungen, diese schwierigen Lehrstoffe des dritten Jahres in sich aufzunehmen. Oder will Herr Dr. Rosenberg die neunjährigen Sextaner nach Hause schicken, wenn er den zehn- und elfjährigen Kindern der Quinta und Quarta Vorträge hält über Esra und Nehemia und die bedeutsamen Ereignisse der Urzeit? Aber auch elfjährige Quartaner, die im Geschichtsunterricht von Hektar, Achill, Odysseus usw. hören, besitzen für diese außerordentlich schwierigen Stoffe noch nicht genügendes Verständnis. Auch für diese Stufe, der Stufe der naiven kindlichen Vorstellung, der Freude an typischen Persönlichkeiten und charakteristischen Begebenheiten, muß mit Verständnis das ausgesucht werden, was Kindersinn in dem Alter begehrt. Hier sind zu behandeln die die Phantasie fesselnden Stoffe aus der Mosesgeschichte, aus der israelitischen Richter-, Königs- und Prophetenzeit. Herr Tr. Rosenberg fordert ferner aus psychologischen Gründen das konzentrische Lehrverfahren, ich lehne es aus psychologischen Gründen ab. Tenn dieses Verfahren ist nur für die Lernschule passend, wo man den Erfolg des Religionsunterrichtes nach der Menge des Wissens, das die Kinder sich angeeignet haben, abschätzt! Die Erziehungsschule, die den Wert des Religionsunterrichts in der Heranbildung religiöser Charaktere erblickt, muß diesen Lehrgang ausschalten. Noch ein Schlußwort: Wir leben in einer schweren und großen Zeit. Auch das Schulleben ist vom furchtbaren Kriege nicht unberührt geblieben. Ter gesamte Unterricht wird durch ihn befruchtet. Von allen Unterrichtsfächern ist der Religionsunterricht am ineisten geeignet, Samen, den uns die Gegenwart-reicht, in die Herzen der Jugend zu senken, die Kinder zur Gottesfurcht rind Vaterlandsliebe zu führen. Daß das und wie das geschehen soll, muß im Lehrplan wenigstens angedeutet werden. Jedenfalls ist es mit der Vermittelung von Wissensst v f f e n nach keiner Richtung hin getan, dazu mit Wissensstoffen, deren Wert fürs Leben von mancher Seite recht angezweifelt wird! GE WM Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (38. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ll das und vieles andere besprachen Frau Berliner und ich. Wir erstaunten, rvie wir uns verstanden. Ueber die Frage,, „Nimmt uns der Friede und das, was er im Gefolge haben wird, die Sorge um jene Aermsten der Armen, jene, die noch alle ihre Stammesgenvssen mit arm machen, ab? Kommen sie durch die weltgeschichtlichen Ereignisse in gesunde, menschenwürdigere, heilsame Verhältnisse?" — zerbricht sie sich nicht den Kops, sie wartet ihre Lösung, die kein Mensch voraussehen kann, nicht ab. Sie will praktische Arbeit leisten und kommt zu mir und all denen, von denen sie Hilfe erwartet. Sie hat mir von einem kaum gegründeten Heim für verwahrloste Mädchen erzählt, das 40 Insassen saßt. Es soll die besten Erfolge gezeitigt haben, aber es reicht bei weitem nicht aus. Ich habe mich entsetzt, als mir Frau Berliner zahlenmäßig nachwies, wie viele wegen Raummangels nicht ausgenommen werden könnten, die sonst vielleicht zu retten gewesen wären. Frau Berliner will eine Kleintinderschule gründen und ein Erziehungshaus für Kinder, von denen keines einmal das Mädchenheim für Verwahrloste nötig haben soll. Die Sache ist zu neu, zu groß für mich, als daß ich schon einen bestimmten Plan gefaßt haben könnte. Die Zeit, ein weiteres Vertiefen in all die -großen Fragen und vor allem Frau Berliner, die die geborene Organisatorin zu fein scheint, werden da Rat schaffen. Aber ich hoffe, ich werde mein Leben nicht nutzlos verbringen müssen. Es wird sich ein Feld der Tat für mich finden. Freilich, nicht so öffentlich, von allen gesehen und besprochen. Frau Berliner lächelt über meine Scheu vor der Masse, die ich ihr anvertraut habe. Sie sagt, ich müsse das zum Besten der Sache überwinden lernen. Vielleicht. Wenn es geht. Aber, wenn sie mir irgendein Eckchen anwiese, wo ich still und ungesehen wirken könnte, ich weiß nicht, mir schwebt da ein Kinderheim vor im kleinsten, im familiärsten Sinn, wo ich Mutter und Leiterin und Freundin zugleich sein und mich ein bißchen lieb haben lassen, könnte. Ich kann nicht die Masse beeinflussen, ganz gewiß, darin irrt sich Frau Berliner in mir. Ich kann nur einigen wenigen, die ich mir erobere, etwas sein. * Nicht das Nächste vor dem Fernliegenden vergessen! Frau Berliner ist abgereist und hält heute schon wieder in einem Nachbarort ihren Vortrag. Das Konzept hat sie mir geschickt. Es enthält, mehr für die Allgemeinheit in größeren Zügen gegeben, dasselbe, was sie mir in meinem Hause gesagt hat. Aber nun heißt es abwarten, bis der versprochene ausführliche Brief kommt und bis unsere Vorsitzende, eine im Vereinsleben sehr bewanderte Dame, — Frau Berliner hat den Vorstand, zu dem ich unverdienterweise auch gehören soll, sonst sehr geschickt zusammengestellt, — uns zusammenruft. Mir gehen die Ideen nicht mehr aus dem Kopf. Aus einmal erscheint mir all mein bißchen Wohltun hier und mein bißchen Aushelfen da so planlos, so halb — der Mensch muß sein eigenes, umgrenztes»Arbeitsgebiet haben, sonst bleibt sein Tun doch nur Stückwerk. Aber noch habe ich es ja nicht. Darum nichts versäumt. Nach Cilli mußte ich einmal wieder sehen. Sie war in furchtbarer Verfassung, als sie das letzte Mal bei mir war. Ich hätte längst hingehen müssen, aber da war Tante Phines Krankheit und da war — noch anderes. „Du solltest doch nun etwas vergnügter sein, Cilli", meinte ich beim Weggehen. „Meinst du?" sagte sie mit bitterem Lächeln. „Mir fehlt wohl nichts auf der schönen Gotteswelt?" „Kann ich dir —" „Natürlich kannst du", siel sie ein. „Du hast mir ja mal angeboten, mir was zu pumpen. Mein Wintermantel ist wirklich schon recht schofel, und da ich eventuell verreisen will —" „Aber, Cilli, das bedarf doch keiner Frage", warf ich schnell ein. Ich war viel röter geworden als sie. Und um das Thema zu wechseln: „Wohin willst du denn reisen?" „Es ist ja noch nicht ganz bestimmt," sagte sie. „Ich warte noch einen Bescheid ab, aber wenn, dann natürlich zu meiner Kusine nach Berlin." ' So gewiß wie nur etwas ist das Reiseziel erlogen. Aber das kann mir ja egal sein. Ich freute mich, daß ich ihr gefällig sein konnte, und ging befriedigt und voll von meinen schönen Neuigkeiten nach der Karlstraße. Gottlob, die kleine Angst, ohne die ich jetzt nie dort ankam, war heute unbegründet. Tante ging es verhältnismäßig gut, wenn sie auch im Bett lag, wie jetzt so viel. Sie hatte mich gestern vermißt, und ich erzählte ihr warm von Frau Berliners Besuch und all ihren schönen Plänen,

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