Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 kr Nach den angebotenett neuntausend Dukaten mit beiden Händen greifen, sich dafür einen Palast an der Ringstraße — ich wollte sagen an der Riva -dei Schiavoni kaufen, wo sie ohnehin billiger sind, und vielleicht noch für sein verdienstliches Wirken in das Goldene Buch der Republik Venedig eingetragen werden. Aber den Anspruch auf den Kothurn hätte er verwirkt. Goethe und Schiller haben wohlweislich den Juden ven Eintritt in ihre . Dramen strenger verboten als das glaubenseinheitliche Tirol, und unsere Zeit hat schon gar kein Verständnis mehr für den tragischen Juden. Wir können uns Juden als Staatsmänner, Gelehrte oder Dichter denken, aber nicht als Tragödienhelden. Wenn Atta Troll die Juden allen anderen Säugetieren gleichstellen will und ihnen nur das Tanzen aus den Märkten verbietet, „im Interesse seiner Kunst", so möchte ich ihnen im Interesse der Kunst das dramatische Heldentum verbieten. Nur im Lustspiel ist die Figur des Juden als solchen noch erträglich. Man wird mir vielleicht einwenden, daß Grillparzers Isaak, ja vielleicht seine Rahel komische Figuren sein sollen; nun darauf bleibt mir freilich keine Antwort als die, daß man, um Juden und Jüdinnen zu zeichnen, mögen sie komisch oder tragisch sein, sie kennen muß. Shakespeare hat den Juden gekannt, und auch manche moderne Possendichter, die man freilich nicht neben dem großen Briten nennen kann. Grillparzer hat aber die Juden nicht gekannt und noch weniger die Jüdinnen. Hätte er die paar Schritte in die Leopoldstadt nicht gescheut, so würde er zwar dort keine Rahel und noch weniger eine Recha gefunden haben, aber er würde doch die Juden besser kennengelernt haben als ans seinem Lope de Vega. Aus den Blättern des Familiars der Inquisition, dem wohl selbst ein Moses Mendelssohn nur ein Judiö mariano geheißen hätte, stiegen dem Dichter der Esther der Weihrauchduft und der brenzliche Scheiterhaufengeruch zu Kopfe, und er vergaß, daß er im neunzehnten Jahrhundert lebte. Böse Gesellschaften verderben gute Sitten, und wenn sich ein guter Deutscher in spanische Kleider steckt, erkennen ihn selbst seine besten Freunde nicht. Voltaire sagt in seiner Vorrede zum Cid-Kommentar, „mit der Herrschaft der spanischen Politik wäre die Herrschaft des spanischen Theaters gekommen". Nun, die spanische Politik wären wir los, Gott erlöse uns noch von den künstlich; aufgefrischten verwelkten Blumen spanischer Poesie, und dann werden wir keine Dramen deutscher Dichter mehr sehen, die uns fremd und unbegreiflich Vorkommen. Der Oolenbrrgschr Lehrplan. Bon Rektor M. Friedlaender (Danzig). n Dr. Rosenbergs erster Bemerkung über die Auswahl y des Stoffes in Nr. 22 des Blattes heißt es: „Denn bei der uneingeschränkten Willkür, die zurzeit noch im jüdischen Religionsunterricht herrscht, da es ganz den Leitern desselben anheimgegeben ist, Auswahl und Verteilung des Lehrstoffes nach Gutdünken und Belieben vorzunehmen, müßte die Behörde ein eigentümliches Bild vom jüdischen Religionsunterrichte empfangen, was sicherlich nicht zur Hebung seines Ansehens beitragen würde." Weiter unten sagt er: „Er (der Lehrplan) muß also den Unterrichtsstoff auswählen." Weiter heißt es: „Die vom Lehrplan vorzunehmende Auswahl der Stoffe" usw. Daß der Entwurf zu dieser Stofsüberfülle gelangen mußte, liegt daran, daß bei Herrn Dr. Rosenberg (vgl. Nr. 30 d. Bl.) das „Streben vorwältet, den ins Leben tretenden Schülern ein abgerundetes, in sich geschloffenes Wissen mitzugeben". Es kann aber nicht oft genug betont werden: Gerade im Religionsunterrichte kommt es n i ch t auf abgeschlossenes Wissen, sondern auf Charakterbildung an. Das Wissen ist nebensächlich. Der Lehrplan oder der Rahmen zu einem Plan sollte darum nur die Stoffe anführen, die der Charakterbildung dienen. Sonst verleugnen wir die Ziele, die wir dem Religionsunterrichte gesteckt haben. Daß im Rosenbergschen Entwurf die ausgewählten Stoffe für die Kinder auf den einzelnen Stufen zu schwer sind, steht außer Zweifel. Für die Vorschule wird zum Beispiel gefordert: „Lebensbilder aus der biblischen und jüdischen Geschichte aller Jahrhunderte in biographischer Darstellung nach freiem Vortrag des Lehrers. Religiöser Anschauungsunterricht. Der häusliche und öffentliche Gottesdienst. Die Festtage und deren Bedeutung, Sprüche und kleine Gebete." Dafür habe ich vorgeschlagen, in der Vorschule die Vorbereitung des religiösen Gedankenkreises durch eine kleine Anzahl biblischer Geschichten anzubahnen, die dem Standpunkt der Kleinen angemessen find, die Besprechung der Festtage, des häuslichen und öffentlichen Gottesdienstes aber aus einer höheren Stufe vorzunehmen, wo diesen Dingen schon mehr Verständnis entgegengebracht wird. In seiner Erwiderung scheint sich Herr Dr. Rosenberg meinem Standpunkt anzunähern. Es sind aber die drei Klaffender Vorschule, wie aus dem Lehrplan hervorgeht, in denselben Unterrichtsstunden vereinigt, und da ist es doch Pflicht des Lehrers, auf die Schüler der ersten beiden Vorschulklassen Rücksicht zu nehmen. Sollen diese Schüler nach Hause gehen, wenn der dritten Vorschulklasse ein Vortrag gehalten wird über die Makkabäer oder über die Zerstörung Jerusalems oder über Rabbi Akiba? Bteines Erachtens besitzen aber auch die achtjährigen Kinder der Septima noch nicht die genügende Reife für diese Stoffe, geschweige denn die sechs- und siebenjährigen Kinder der beiden ersten Vorschulklassen. Dasselbe gilt von der Besprechung der Festtage. „Besprechung der Festtage und deren Bedeutung." In seinen letzten Ausführungen spricht er nur noch von einem „Hinweis auf die Feste". Das möchte annehmbar erscheinen. Die weitere Forderung, sechsjährige Kinder in den in hebräischer Sprache abgehaltenen häuslichen und öffentlichen Gottesdienst einzuführen, ist dagegen abzulehnen. Auf dieser Stufe muß es genügen, wenn die Kinder wenige kurzedeutsche Gebete lernen. Was Herr Dr. Rosenberg unter dem von ihm in der Vorschule geforderten „religiösen Anschauungsunterricht" versteht, ist nicht recht klar. Es wäre aber gut, diese Kleinen mit allen überflüssigen Dingen zu verschonen. Es sei noch darauf hingewiesen, daß die größten Pädagogen, wie Salzmann, Pestalozzi und andere den Religionsuntericht überhaupt nicht mit der biblischen Geschichte anfangen wollten, und daß die Herbart- Zillersche Schule, die dem Religionsunterrichte so viel Arbeit wie keine andere zugewandt hat, den eigentlichen biblischen Geschichtsunterricht erst mit dem dritten Schuljahr beginnen läßt. Und daß die preußischen allgemeinen Bestimmungen von 1872 anvrdneni, den Kindern der Unterstufe „nur wenige Geschichten, vorzugsweise solche aus dem ersten Buch Moses, vorzuführen, die dem kindlichen Verständnis naheliegen". Man vergleiche damit das von Dr. Rosenberg aufgestellte Pensum für die Vorschule! Auf der Unterstufe ist als Pensum angegeben: „ Die ganze biblische Geschichte von der Schöpfung bis zum Untergang des zweiten Tempels." Der Stoff ist auf drei Jahre verteilt. Die drei Klassen der Unterstrife sind vereinigt. Zu den Ausführungen in Nr. 30 ist zu bemerken: Erstens hören die Schüler der Quinta nach den neuesten Bestimmungen vom Jahre 1915 nicht alte, sondern deutsche Geschichte, und zweitens wären nach dem Dr. Rosenbergschen Entwurf die