Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Bigotterie, starren Formalismus, widrigen unmenschlichen. Fanatismus, der sich als Frömmigkeit ausgibt und sich mit einem Heiligkeitsmüntelchcn jit drapieren wagt. Wo findet sich der Dramatiker, der es unternähme, in der Unfreiheit Mitte Freiheit zu künden und Licht zu tragen in die Finsternis? - Nahe! und Hrchs. Bon M a r c u * £ a n b n n. enn man den Namen Recha nennt, so weiß jedermann, daß von keiner anderen die Rede sein kann als von Blanda von Fitneck, der Adoptivtochter des weisen Nathan; aber den Namen Rahel haben so viele berühmte Frauen getragen, daß man nicht gleich erraten kann, welche von ihnen gemeint ist, wenn man diesen Namen aussprechen hört. Ist es die fromme Gattin Jakobs, die da weint um ihre Kinder und sich nicht will trösten lassen, ist es Rahel Varnhagen, des geistreichen Mannes geistreichere Frau, odergar die große Tragödin, deren Stimme die gewaltigen Alexandriner der großen Franzosen unserem Ohre wieder vertraut machtet Nichts von alledem: die Rahel, von der ich hier sprechen will, war weder die zärtliche Gattin eines Patriarchen noch das lebende Zentrum der Berliner Gesellschaft, ja nicht einmal eine Schauspielerin des „TheLtre Fran^ais". Sie war nichts als ein schönes, ungezogenes Judenmädchen, eine lose Dirne, die mit ihren Koketterien und Zauberkünsten den guten König Alsons von Kastilien verführte und des heiligen Krieges gegen die Mauren vergessen machte, bis Königin und Stände dem Unwesen ein Ende machten, indem sie, wie sich’s gebührt, die Judendirne abschlachten ließen, was der König in Anbetracht ihres „bösen Zugs um Wange, Kinn und Mund" nicht übelnehmen konnte. Ein moderner Tendenzdichter hätte sich hier wohl die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen Großinquisitor auftreten und die Jüdin als Zauberin verbrennen zu lassen. Der königliche Liebhaber würde im Kampfe gegen die Religion unterliegen, und -- die Inquisition Anno 1195 wäre vielleicht ein kleinerer Anachronismus als Grillparzers Garten „englischen Geschmacks". Doch was geht es uns denn eigentlich an, was vor beinahe 700 Jahren in Kastilien sich ereignete, unb was kümmerte uns, ob das Liebchen Alfons des Edlen Jüdin, Maurin oder Ehristin war. Maitresse bleibt Maitresse, ob sie nun Schweinefleisch ißt oder nicht. Wir würden den spanischen Dichter und sein Drama, das ihm wahrscheinlich, wie die meisten seiner Stücke, nur 24 Stunden Zeit kostete, ungestört im Bibliothekstaube ruhen lassen, wenn es nicht unserem Grillparzer eingefallen wäre, uns das Stück als historisches Trauerspiel wieder vorzuführen. lieber das Verhältnis von Grillparzers „Jüdin von Toledo" zu Lope de Begas „Pazes de los reyes y la judia de Toledo’’ ist schon von anderen genug gesprochen worden; mir aber drängten sich die Fragen auf: Warum hat sich Grillparzer diesen Stofs zur Bearbeitung gewählt, warum machte er eine Jüdin zur Heldin seines Stückes, und warmn hat uns das Stück so wenig angesprochen? Es haben wahrscheinlich schon andere diese Fragen gestellt, und so mögen denn folgende Zeilen als Versuch zu deren Beantwortung ausgenommen werden. Wenn wir die erste Frage damit beantworten wollen, daß Grillparzer sich verlockt fühlte, auch einmal ein verfängliches, in das Gebiet der Physiologie und Kriminalistik hereinragendes Thema nach Art der modernen französischen Autoren'auf die Bühne zu 'bringen, so ist damit jedenfalls nicht erklärt, warum er die sündigende Frau, zur Jüdin machte. Wollte er uns etwa einen Ehebruch nach jüdischem Ritus schildern? Auch daß er die Jüdin schon in Vegas Stück fand, ist keine befriedigende Antwort auf meine zweite Frage. Ein Dichter wie Grillparzer schreibt nicht gedankenlos nach, und wenn er das Judentum Rahels so stark betonte, so wußte er, weshalb er es tat. Es kann mir auch nicht einfallen, Grillparzer der Intoleranz oder des Judenhasses zu beschuldigen. Wer solche Verse schreibt wie: „Was sie verunziert, es ist unser Werk, Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken" und „So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ältstem, erstem", der hat die Juden nicht gehaßt oder verachtet. Aber Grillparzer hatte eben sein Entenfüßchen wie andere Menschen auch, und dies war seine Antipathie gegen Lesfing, ich möchte sagen seine Lesfingophobie. Lessing und seinem Nathan zum Trotz führt er uns seinen habgierigen Kuppler Isaak und seine lüsterne Tochter vor. Da heißt es nicht mehr: „Schlägst du meine Juden, so schlage ich deine Juden", sondern: „Küßt du deine Juden, so schlage ich meine." Wie satanisch äffender Spuk steht die verbuhlte Judendirne Rahel gegenüber ihrer engelreinen Namensschwester, der sinnliche, weiche, charakterlose König Alfons, der die Jüdin vordem Pöbel schützt, gegenüber dem jungfräulich reinen, strengen Templer, der Recha aus den Flammen rettet. Und Isaak gegen Nathan! Man erlasse mir den Vergleich. Es mag vielleicht berechtigt sein, gegenüber Lessings Idealisierung des Juden uns den wirklichen jüdischen Juden vorzuführen, aber das hat schon, lange bevor Lessing geboren wurde, ein gewisser William Shakespeare getan, und neben Shylock und Nathan hat kein dritter Jude Platz auf der tragischen Bühne. Dieser Raummangel gibt uns aber auch die Antwort auf meine dritte Frage. Grillparzers Drama läßt uns kalt, weil uns der Jude auf der Bühne nicht mehr interessiert. Schillers Worte parodierend, möchte ich sagen: „Da die Pfaffen noch die Welt regierten, An der Dummheit starkem Band Jud' und Ketzer eifrig führten Zu des Scheiterhaufens Brand", da war auch die Gestalt des Shylock berechtigt, der sich mit der Wut des getretenen Wurmes gegen seine Verfolger aufbäumt und gierig nach Rache lechzt. Als dann mildere Zeiten kamen, da entstanden die Gebilde von Lessings Geist, die mit sanften, edlen Worten die bösen Leidenschaften beschwichtigten und mit heiligen Zauberformeln die Bande sprengten, welche Juden und Christen in Intoleranz und Aberglauben gefangenhielten. Aber heutzutage haben die Juden mehr erreicht, als selbst Lessing für sie verlangen konnte: sie werden Minister, Barone, ja sogar Notare. Anstatt in Ghetti eingesperrt zu sein, umspannen sie die Stadt mit einem Ring von Palästen; kein Patriarch ruft mehr: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt", und wenn die Juden einen der ihrigen zum Scheiterhaufen schleppen sehen wollen, müssen sie in die Gemäldeausstellung gehen, um es sich von Meister Kaulbach zeigen zu lassen. Deshalb fehlt ihnen auch sowohl Nathans Liebe als die Energie des Shylockschen Hasses. Ein moderner Shylock würde seine Jessica recht gern eine Zivilehe mit Lorenzo eingehen lassen, und anstatt auf seinem Pfund Fleisch zu bestehen, würde