Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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!>5d Kamille, muß das Städtchen, in dem er bisher gelebt, verlassen, rettet zwar die ihm anvertrauten Schriften seines Urahns,- geht aber einer ungewissen Zukunft entgegen. Er steht zwar zuerst nicht ganz allein, denn die Vertreter des jungen Geschlechts zählen zu seinen Freunden, ebenso manche Mitglieder seiner Familie. Aber sie haben trotz ihres guten Willens keine Möglichkeit, sich gegen die Autorität arrfzulehnen, und seine Freundin Golda, die sehr sympatisch geschilderte Enkelin eines einsam lebenden, von allen gemiedMien Karaitengreises, wird von der fanatischen Menge getötet. Man sieht deutlich, daß die Verfasserin,diese Ausgestoßeneu als die wahren Israeliten betrachtet. Den Alten, der sich ganz in die Vergangenheit versenkt, aus dieser Poetisches hervoczulocken weiß, trotz aller Schmähungen, die ihm zuteil werden, seine Verfolger nicht haßt; die Urenkelin, die vollkommen ausgeht in Liebe zu ihrem Ahnen und die wie eine Heroine für Meir zu kämpfen und wie eine Märtyrerin für ihn zu leiden bereit ist. Aber auch sonst steht die Verfasserin durchaus auf seiten der Freigesinnten. Meir Ezefowitsch ist zwar kein Held, aber ein guter, wackerer Mensch. Er ist Kaufmann, will aber nicht, wie die meisten seiner damaligen Berussgenossen es gewohnt sind, das Unrechte tun; er ist in Ehrfurcht für die Seinigen erzogen, läßt sich aber trotz der Schönheit und des Reichtums der ihm zugedachten Braut nicht überreden oder zwingen, dieses völlig äußerliche Judenmädchen heimzuführen; er ist zwar kein selbständiger Denker, kein Forscher, aber ernpfänglich für die Schriften des Maimonides, die einer seiner jungen Freunde aufgefunden hat und die er mit den Gefährten zusammen in heimlichen, am Sabbat stattfindenden Zusammenkünften liest. Er ist ein guter Mensch, der den Armen wohltut, der Unrecht, wo er es erkennt, abzustellen sucht. Seine Freunde, der Kantor Elieser, ebenso wie einige Mitglieder seiner Familie sind gleichfalls wackere Menschen, aber sie haben nichts von dem Feuereifer Meirs; sie ducken und beugen sich, weil sie erkennen, daß sie nicht die Mittel besitzen,'den Widerstand zu brechen. Auch einzelne Mitglieder seiner Familie, sein Onkel Ber, namentlich seine Großmutter Freida, eine Hundertjährige, die eigentlich nur vegetiert, aber doch, die Erinnerung an die Vergangenheit festhält und eine treue Hüterin des geistigen Erbes ihres Schwiegervaters ist, werden in Poetischer Weise dargestellt. Ebenso wie die Verfasserin diese guten Menschen mit allen edlen Eigenschaften auszustatten bemüht ist, so häuft sie nun auf die Gegner alles Schlechte. Der schlimmste unter diesen, ein wirklicher Verbrecher, ist der Schankwirt, der Vater des schon genannten Kantors Elieser. Aeußerlich fromm, daher auch in der Gemeinde von außerordentlichem Aussehen, aber ein roher Schuft, der sein Geld durch Betrügereien gewinnt und sich nicht nur kein Gewissen daraus macht, sondern es sich womöglich zum Verdienste anrechnet, einen christlichen Baron zu ruinieren. Mit wahrem Schauder liest man, wie alle diese Frommen der Gemeinde dies betrügerischeVerfahren ihres Gemeindemitglieds kennen und ohne es geradezu zu billigen, doch nicht wagen, ihm entgegenzutreten. Ja, wie sie es dem Meir Ezefowitsch als Verbrechen anrechnen, daß dieser in seiner reinen kindlichen Natur es übernimmt, den Uebeltäter zu denunzieren. Gerade diese moralische Versunkenheit, dies erbärmliche Verharren in der Sünde, diese Billigung schlechter Taten, wenn sie gegen Andersgläubige verübt werden, macht den Leser ungemein traurig. Sie widerspricht durchaus der Morallehre des Judentums, die ja freilich leider in manchen Teilen des Ostens gegenüber der äußerlichen Frömmigkeit so wenig Kraft und Geltung besitzt. Unter den Gegnern Meirs treten namentlich zwei Personen hervor: der Lehrer und der Rabbiner. Beide mit größter Virtuosität und mit solcher Kunst geschildert, daß es der Verfasserin gelungen ist, diesen starren Fanatikern eine Spur von Sympathie zu gewähren. Selbst der Lehrer, einer der widrigsten Repräsentanten der Roheit, der barbarisch ausgeklügelten Prügelmethode, die um so herzzerreißender wirkt, da sie sich ihre bedauernswerten Opfer gerade unter den schwächsten Kindern wählt, ein Mann, der in seiner mystischen Verzückung sich geradezu lächerlich gebärdet, besitzt etwas Erhebendes, und in seiner hündischen Unterwürfigkeit unter den Rabbiner etwas Ehrwürdiges, da diese Unterwürfigkeit nicht etwa durch Lohn oder durch milde Behandlung, sondern durch eine religiöse Scheu vor dem heilig Gehaltenen diktiert wird. Dieser Rabbiner selbst, der nicht etwa ein großer Forscher oder ein gewaltiger Prediger, sondern ein finsterer Fanatiker, ein verworrener Kabalist, ein starrer Buchstabenmensch, ein herrschsüchtiger Gewaltzwinger ist, nötigt dem Leser eine gewisse Achtung ab und erregt manchmal geradezu sein Mitleid: Achtung durch seine Selbstlosigkeit, durch seine Güte gegen die Armen, durch sein Wirken für die Gesamtheit, durch seinen Verzicht auf jeden Gewinn, denn er lebt in dürftigster Armut und ist auf milde Gaben, selbst aus die Kost seiner Gemeindemitglieder angewiesen; Mitleid, denn er lebt dahin ohne Weib und Kind, ohne jede Spur von Behaglichkeit und Lebenszierde. Vor allem aber erregt er Achtung und Mitleid dadurch, weil man ahnt, daß er im allergeheimsten erkennt, , daß seine Zeit vorüber ist, daß die Macht, an die er sich mit schwachen Greisenhänden anklammert, den Fingern zu entgleiten droht, daß seine ganze angebliche Weisheit Trug ist und daß die Zukunft anderen gehört. Wenn man dies gewaltige Buch liest, so möchte man wünschen, daß sich ein Dramatiker fände, der diese Szenen für die Bühne bearbeitete. Was ließe sich aus Meir Ezefowitsch, aus Golda, aus dem Knaben Leible, einem jener verprügelten Jungen, der, von Meir Ezefowitsch gerettet, ihm seine Wohltat mit knabenhaft-knechtischer Begeisterung vergilt, aus dem Rabbi Todros, aus dem Melammed (Lehrer), aus den Prachtfiguren des Ezesowitschen Hauses, von der Urahnin Freida bis zu all den zwar in manchem gleichen und doch innerlich so verschiedenartigen Figuren der Söhne, Enkel, Töchter und Enkelinnen, machen! Welch wunderbare Szenen bieten sich fast von selbst dar: die Geheimgespräche der Jünglinge über die Lektüre des Maimomdes; das still umfriedete Leben der Familie auf dem Karaitenhügel; das Leben der hungernden. dabei streng arbeitenden Juden und ihre armseligen Hütten; der Marktplatz mit seinem tollen Treiben; die Versammlung in der Synagoge und die Achterklärung; schließlich die Flucht des Meir und sein Gang in die unbekannte Freiheit! Neben diesen düsteren und erhabenen Szenen ist auch an humoristischen kein Mangel: namentlich das Haus des Großhändlers Witebski mit seiner großsprecherischen Frau, seinen! hochgebildeten Fräulein Tochter, seinem Neffen, einem Modejüngling, der wähnt, ein hoher Staatsbeamter zu sein, weil er in der Kanzlei Schreiberdienste verrichtet, und der sich einredet, ein Neuerer zu sein, weil er den traurigen Mut besitzt, in einem frommen Hause am Sabbat Zigaretten zu rauchen; — alle diese Szenen wären geeignet, den schaurigen Hintergrund durch komische Nebenhandlungen zu erhellen. Denn schließlich handelt es sich in diesem hochbedeutenden Buche, wenn sich die Verfasserin auch in der Zeit vergriffen hat — sie hätte es in die Mendelssohnsche Epoche verlegen müssen, in der wirklich diese Aufklärungsgedanken in die fernste Hütte gedrungen waren — um den großen und gewaltigen Kampf, der im Judentum tobte und auch keineswegs zu Ende geführt ist, nänrlich um den Streit der Anhänger wahrer Aufklärung, innerer Erhebung, des Verlangens, sich dem Volke anzuschließen, in dessen Mitte sie leben, gegen