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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-23 · Heft 47 (23.11.1917) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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heutigen Anlaß unsere Leser nur auf die ansehnliche Reihe inhaltsreicher und fesselnder Aufsätze aus den Feldern der Kultur, Literatur und insbesondere engeren jüdischen Vergangenheit Hinweisen, worin sich Markus Landau in unseren Spalten als ausgezeichnet bewanderter Kenner dieser Gebiete und äußerst gewandter Darsteller zunächst öfters seitab liegender oder wenig Packender Stoffe immer wieder erwiesen hat. Und so dürfen wir heute auch einfach ans die ausführliche Charakteristik zurückgreisen, die, mit einem sprechenden Bildnis des ausdrucksvollen Kopses geschmückt, vor fünf Jahren zum 75. Geburtstage in unserem Blatte gestanden hat. Wie darin die Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit seines Forschens und Arbeitens, die bei aller literarischen Fruchtbarkeit und Verläßlichkeit seiner Veröffentlichungen nach Gebühr gerühmt wurden, so trat Landau damals und sonst gelegentlich einigemal hier und andernorts mit spannenden, teilweise halb idyllisch anmutenden Ausschnitten seiner Selbstbiographie nun,ittelbar vor die Leserwelt. Führt auch deren längst abgeschlossener Tert nur bis zum Ende deS Jünglingsalters, so begründet doch der ungewöhnliche Anreiz der Umwelt, in der der unaufdringliche Held jener Selbstschilderung aufwuchs und mit den Grundlagen feines Denkens, Wissens und Fühlens wurzelt, den dringlichen Wunsch und die ernste Hoffnung, wir und auch er selbst mögen in absehbarer Zeit über jene bruchstückhaften Proben hinaus am Buchdruck des Gesamtbildes aus Menschen- und Volksleben sich erfreuen können. Dies wäre wirklich kein Wagnis für einen Verleger. Spiegeln doch, wie es beim Sprößling einer der seinstkultivierten und angesehensten Familien der einheimischen Judenheit nicht aufiällt. jene Kapitel bunt und auss deutlichste Wesen und Lernausstieg jener eigenartig durchgebildeten bürgerlichen Schichten der Juden ostgalizischer Kleinstädte, von denen uns die Tagesberichterstatter des jetzigen Weltkrieges in ihren Stimmungsgemälden so mancherlei gemeldet haben. Dabei entpuppt sich der miterlebende Landau als ein warmblütiger, verständnisinniger, häufig ungemein launiger Erzähler, der, wie wir schon beim 75. Geburtstage 1912 festgestellt, der berufene Geschichtschreiber seiner Vaterstadt Brody, dieser unvergleichlichen relativ größten, zudem vielleicht eigentümlichsten Judenstadt in einer nun gemach allmählich versinkenden Vergangenheit gewesen wäre. Wer in jüdischen Zeitschrifteil von ihm die verschiedensten Beiträge vor Augen hat oder auch bloß das dünne Heft „Skizzen aus der jüdischen Geschichte" (1897, Prag, Brandeis) kennt, wird sich darob kaum verwundern. Auch dieser Umstand verlangt geradezu, Tr. Markus Landau, wo er nun glücklich an die Achtzig herangekommen ist, das geziemende volle Lob seiner — leider zremlich zersplitterten lind wohl nur in seinem eigenen Belegearchiv überblickbareil — umfänglichen und erfolggekrönten schriftstellerischen Tätigkeit zugunsten gerechter Ausklärung über Schicksale und Geistesart des jüdischen Volkes warm zu spenden. Es verschlägt nichts, daß der weitreichende Hauptruhm des Geburtstagskindes in der Weltgelehrsamkeit auf seinen außerordentlich gediegenen, teilweise ivirklich maßgebenden Abhandlungen, kleinen und großen Bücherii über italienische Literatur des Mittelalters und der Neuzeit, voran Boccaccio und seine Genossen, sowie über österreichische Staatsiind Kulturbeziehnngen nach Süden aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts fußt. Eben die ihm dafür lind sein letztes inhaltsvolles Werk, „Hölle und Fegseuer in Volksglauben, Dicht,lilg und Kirchenlehre" (1909) sollen den Stolz seiner Elaubensgeuossei! auf die ihm gezollte hohe Anerkennung stützen. Hat mau in ihm doch einen der aufrechtesten und sogar durch wildestes antisemitisches Gekläff unbeugbarsten Verfechter deutscher Geistesbildung und ihrer eifrigen Pflege bei den dentschsprechende» Juden dankbar hervorzuheben. L. F. Lin Kaman von Llisa Orresska. Bon Ludwig Geiger. atz Werk der polnischen Schriftstellerin, dem wir hier eine ausführliche Besprechung angedeihen lassen, ist nicht neu. Es ist vielmehr 1878 polnisch und im Jahre 1885 in einer deutschen Uebersetzung (Verlag von Heinrich Minden in Dresden) unter dem Titel „Meir Ezefowitsch" erschienen, doch weiß ich nicht, ob das Werk damals in unserer Zeitung gebührend besprochen worden ist. Da es aber in hohen, Grade eine Würdigung verdient, so versuche ich, eine solche hier zu geben, selbst auf die Gefahr hin, zum zweiten Male auf die so hochbedeutsame und zumal für die Juden außerordentlich verdienstvolle Dichtung hinzuweisen. Eliza Orzeszka ist eine fruchtbare, vielleicht die fruchtbarste Polnische Schriftstellerin der neuesten Zeit. Sie ist 1842 geboren und 1910 gestorben. Sie lebte lange Jahre in Grodnow, ihre gesammelten Werke erschienen in 44 Bänden, Warschau 1884 bis 1888. Ihre Romane behandeln zum Teil die römische Zeit, zum Teil das polnische Leben, wenden sich aber auch vielfach, obgleich die Schriftstellerin durch ihre Geburt, ihre Ehe und ihren Gedankenkreis durchaus in der polnischen adligen Gesellschaft wurzelte, häufig dem jüdischen Leben zu. Woher sie ihre genaue Kenntnis des Judentums, seiner Geschichte und seiner Auffassung geschöpft hat, kann ich nicht sagen; bei manchen ihrer Erzählungen, namentlich bei dem vorliegenden Roman, vermag man kaum zu glauben, daß ein Andersgläubiger das Wort führt. Der Roman ist die Geschichte eines jungen Mannes. Meier Ezefowitsch, des Urenkels des Michael Ezefowitsch, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts, von dem König Sigismund empfohlen, zum Nettesten der Judenschaft eingesetzt wurde, eines Kaufmanns, der sich durch bedeutende geschäftliche Tätigkeit und Gewissenhaftigkeit zu großem Reichtum erhob und der durch seine handschriftlich erhaltenen Schriften zur Aufklärung unter seinen Glaubensgenossen wirkte. Diese Schriften haben sich durch die Treue der uralten Schwiegertochter Michaels erhalten. Sie kommen in die Hände des Helden unserer Erzählung und werden von ihn, gerettet. Der große Fehler der Geschichte ist einerseits der, daß diese Schriften, die wörtlich mitgeteilt werden, des großen Aufhebens, das von ihnen gemacht wird, nicht wert sind, und daß sie in Hände kommen, die nicht ganz fähig sind, davon den rechten Gebrauch zu machen. Man kann wohl zugeben, daß im 16. Jahrhunderl auch innerhalb des Judentums in einzelnen Köpfen gewisse freiere Ansichten sich zeigten, aber man wird schwerlich einräumen können, daß in der Mitte des 17. Jahrhunderts, denn in diese Zeit müssen wir das Auftreten des Meier Ezefowitsch setzen, sich ein Kämpfer für Aufklärung, Wahrheit und Freiheit unter den Juden fand, in dieser Epoche der schlimmsten Verfinsterung und der ärgsten äußeren Knechtschaft. Das geistige! Testament des Ezefowitsch Senior, wie er gewöhnlich genannt wird, ist zwar an sich recht verständig, indem es Vergessen (des erlittenen Unrechts), Gedenken (der Vergangenheit) und Erkennen (des wahren geistigen Inhalts der jüdischen Lehre! verkündet, aber inan muß sagen, daß die Leute in Szylow, einem Städtchen in einem Winkel Polens, diese gedrückten, uni ihren Bestand ringenden, durch jahrhundertelanges Elend und Unwissenheit verderbten Menschen für solche Lehren kein Verständnis besitzen können. Dies ist um so natürlicher, all sie von einem jener barbarischen, zwar klugen, aber rohe» Lehrer erzogen worden sind und von einem Rabbiner Todros. einem Abkömmling spanischer Flüchlinge, in ärgstem Fanatismus und äußerlichster Religionsübung erhalten wurden. Daher ist das Geschick des Meier Ezefowitsch vorauszusehen. Er wird in den Bann getan, trotz des großen Ansehens seiner

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