Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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555 schaft über die Seelen, um ein fürstliches Leben auf Kostens seiner Verehrer. Und daß der Chassidismus dahinein gleiten | konnte, ist sein Verhängnis und sein Tod. Fassen wir das Ganze zusammen, so ist zunächst eines zu beachten. Ter Chassidismus trug in seiner anfänglichen Tendenz in sickwden Keim zu einer Erneuerung der jüdischen Frömmigkeit. Wenn es ihm gelungen wäre, den kabbalistischen Einschlag im Laufe der Zeit abzustreifen, so hätte er einer Verinnerlichung und Vertiefung der jüdischen Frömmigkeit den Weg bahnen können. Hatte die strenge Forderung der Demut, des Enthusiasmus und der Freude etwas Prophetisches an sich, so hätte der Widerspruch gegen die übertriebeneAengstlichkeit im Gehorsam gegen festeVorschristen und die Forderung, daß der Mensch selbst gleichsam eine Thora sein sollte, ein Maß von persönlicher Frömmigkeit erzeugen können, das, ohne den Faden der jüdischen Ueberlieferung abzureißen, eine Neubildung hätte zeitigen können. Sein rascher Verfall hat diese Möglichkeiten zerstört. Aber auch in seinem Verfall ist Licht und Schatten noch gemischt. Es ist viel Schatten, an ihm. Mit der Kabbalah hat er viel Aberglauben und Wust in den Köpfen verwurzelt, er ist in starkem Maße bildungsfeindlich; ist er es an sich schon aus der bereits in der Schilderung der Kabbalah angeführten Gründen, so kommt noch hinzu, daß die Zaddikim naturgemäß von jeder modernen Bildung eine Schwächung ihrer Macht erwarten müssen und sich so eifrig bemühen, ihre Anhänger von der Berührung mit Ideen fernzuhalten, die das Weltbild, auf dem der Chassidismus sich aufbaut, zerstören mußten. Tgs Mittlertum des Zaddik ist eine schwere Trübung der Reinheit der jüdischen Lehre, unverantwortliche Menschenanbetung. Das an sich so sympathische Prinzip der Freude erfährt eine Verzerrung, wenn man sich, wie es geschieht, künstlicher Mittel bedient, um sie anzufachen. Und die Ekstase im Gebet hat zugleich die Verwahrlosung und Unordnung im Gottesdienst herbeigeführt. die Konzentrierung des einzelnen auf sich allein die Rücksicht auf die betende Gemeinde ausgelöscht. Aber neben diesem vielen Schatten ist auch eine Fülle des Lichts. Mit der Forderung der Begeisterung und Hingabe an Gott ist viel Andacht und Innigkeit in alle Frömmigkeit gesenkt; das Prinzip der Freude erhöht den weltzugewandten Sinn, die Beweglichkeit und die Möglichkeit steter seelischer Erneuerung; die Demut fördert eine umfassende tätige Nächstenliebe, wirkt versittlichend und stärkt alles Soziale; und der demokratische Zug erhöht jede Anteilnahme eines Juden am Iudentilm und an der Iudenheit. Eins ist nach allem Ausgeführten sicher, und damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück; ist der Chassidismus ein Bestandteil des geistigen Lebens unserer östlichen Glaubensgenossen, so können sie auch in diesem Punkt vor dem Richterstuhl bestehen. Man kann alles Dunkle, Abergläubische, Bildungsfeindliche in. ihm noch so scharf tadeln, es bleibt doch der starke, sittliche und soziale Zug, die tiefe Frömmigkeit und Hingabe, das Leben in Gott und Heiligkeit, die Weihe der Welt, alles Dinge, die immer aufs neue belebend wirken und noch viel stärker hervortreten würden, wenn der soziale und politische Druck, der auf den Ostjuden lastet, weicht und auch ihr Geist sich ungehemmt entfalten kann. Eins wäre für uns alle erwünscht: wenn irgendwo im Judentum wieder diese starke persönliche Frömmigkeit zum Durchbruch käme, die in den Anfängen des Chassidismus das lebenspendende Prinzip bildete. Danach geht unser Sehnen. Dir Wochr. Berlin, den 20. November 1917. ie Verhältnisse sind so verwirrt, daß man sich kein klares Bild gestalten kann. In Rußland schreiben sich beide Parteien den Sieg zu, Kerenski und die Maximalisten, und es sieht aus, als wenn es zu einer Vermittlung käme. In Italien schreitet unser Siegeszug fort, aber zu einer entscheidenden Schlacht ist es noch nicht gekommen. In F r a n k - reich ist ein neues Ministerium unter Clemenceaus Leitung gebildet, das eher dem ärgsten Widerstand als dem Frieden geneigt ist und das den extremen Sozialisten unangenehm erscheint. In E n gl a n d machtsich ein starker Widerspruch gegen Lloyd George geltend, der die Erfolge der Deutschen offen anerkannt und die geringen Fortschritte der Entente offen zugestanden hat. Die Ententemächte erkennen endlich, daß sie weder auf Italien noch auf Rußland zu hoffen haben, und wenden sich flehend an Amerika. Trotzdem brauchen sie weiter tönende Worte, reden davon, daß sie entschlossen sind, den Frieden zu diktieren, und wollen einen solchen nur mit dem deutschen Volke, nicht mit dem Hause Hohenzollern schließen. Dabei spüren sie, durch Frachtmangel und die stets weiter kräftig sich entwickelnden Vorstöße unserer Unterseeboote bedrängt, den Mangel im eigenen Lande. Sie müssen sich Beschränkungen auserlegen, zur Rationierung der Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände schreiten, sie leiden seht selbst unter dem Mangel, den sie für alle anderen Länder heraufbeschworen haben. Unsere Feinde sehen zwar ein, daß sie ihre Vernichtungspläne nicht ausführen können; sie sind ehrlich genug einzugestehen, daß ihnen auch diesmal die so pomphaft ausposaunte Offensive völlig mißglückt ist, und doch wollen sie von ihrer Verblendung nicht lassen, die schließlich zu einer völligen Aushungerung und zu gänzlicher Verelendung ganz Europas führen muß. Wann wird endlich das tiefe Ruhebedürfnis und das allgemeine Friedensverlangen der Völker stark genug sein, um die feindlichen Machthaber von ihrer wahnsinnigen und verbrecherischen Verblendung zu heilen? Wir hören nicht auf, zu hoffen und zu harren. Freilich, das Jahr 1917 neigt sich dem Ende zu, und alle die, die in einem beneidenswerten Optimismus bis zum Ausgang des Jahres den Frieden prophezeiten, sind in ihrer Erwartung schmlihlich zuschanden gekommen, aber wir lassen uns nicht entmutigen. Stark in dem Bewußtsein unserer gerechten Sache, ungebeugt durch die so langandauernden Entbehrungen, die für weitere Volksklassen einen fast bedrohlichen Charakter angenommen haben, gestärkt durch die riesenhaften Erfolge, die uns überall, erst jüngst in Italien, zu teil geworden sind, erfreut durch die Klärung unserer inneren Lage, die eine freiheitsähnliche Wandlung erfahren hat, vertrauend auf die Genialität unserer Führer, selbst unbekümmert von dem Geschrei der Alldeutschen, der sogenannten Vaterlandspartei, die in Wirklichkeit dem Vaterland, dem sie zu dienen vorgeben, eine ganz verkehrte Lage bereiten, schreiten wir in den neuen, den vierten Kriegswinter hinein — wer hätte einen solchen vorauszusagen geahnt? — sehen dem neuen Jahre vertrauensvoll entgegen und hören nicht auf zu hoffen, daß endlich die frohe Friedensbotschaft ertönt. * Das „Berliner Tageblatt" vom 14. d. M. enthält einen längeren Artikel über Elemenceau, dem wir folgende Stelle entnehmen: Ter „Homme enchaine", Elemenceans Blatt, hat in seiner Nummer vom 6. November in großer „Aufmachung" unter der Überschrift „Le Code secret de Margit lies", „Das Geheimwörterbuch Margulies", ein, wie er sagt, „seltsames Dokument" veröffentlicht, das in der Villa des Millionärs gefunden worden ist. „Es ist", sagt das Blatt weiter, „eine Art Wörterbuch m hebräischem Argot, wo den jiddischen Worten eine verabredete Uebersetzung, die von dem wirklichen Sinn sehr weit entfernt ist, gegenübersteht." Der „Homme -enchaiue" teilt dann in vollem Umfang das „Geheimwörterbuch" mit, das mit den Worten beginnt: „Nebbich-Der Ausmarsch an die Front." Einige der anderen „Geheünworte" und ihre 11 Übertragungen lauten: „Muffel — Gefangener sein", „Rishus —-Das Rote