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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-23 · Heft 47 (23.11.1917) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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554 Die ewig fortwirkende Offenbarung Gottes kann nicht durch Lernen, sondern nur durch den Glauben gefaßt werden, daher ist denn nun der Glaube, die begeisterte Hingabe an Gott, wichtiger als alles Studieren, und in der Kraft des Glaubens ruht, gleichgültig, ob der Mensch gelehrt ist oder nicht, seine Frömmigkeit, und alle Gelehrsamkeit schwindet vor der fortreißenden Kraft des Glaubens, und der im tiefsten vom Glauben und der Begeisterung Ergriffene steht der Gottheit hundertmal näher als der studierende Gelehrte. Ja noch mehr, er trägt gleichsam Gottes Offenbarung in sich, erhält seine Anweisung nicht erst aus der Thora, sondern ist selbst sozusagen eine Thora. Dieser Glaube wirke sich am stärksten aus in der Kraft des Gebotes. Im Gebet konzentriert sich für den Chassidismus der lebendige Glaube des Menschen. Hier spielen auch all die kabbalistischen Gedanken über die Kraft des Gebetes, die oberen Welten zu bewegen, ihre Rolle; in der Glut des Gebetes vollzieht sich die Vereinigung mit Gott, ohne diese flammende Glut ist es wertlos und tot, und alle Mittel sind recht, um die rechte Gebetsstimmung, Verzückung, Andacht, Isolierung von allem Störenden und volle Versenkung in Gott zu erzielen. Im Gebet muß der Mensch sein Selbst so völlig zum Erlöschen bringen, daß es „eigentlich als eine Gnade Gottes gepriesen werden muß, daß er nach einem wahrhaften Gebet überhaupt noch Kraft zum Leben und Atmen hat". Die Kraft zum Beten ist wiederum unabhängig von aller Gelehrsamkeit und ganz und gar von der Tiefe des Herzens, abhängig, und der Ungelehrteste kann durch die innere Kraft seines Herzens mehr Segen und Heil durchs Gebet stiften als der weiseste Mann; hier liegt eine der stärksten Wurzeln des demokratischen Bewußtseins im Chassidismus. Hauptsache ist aber, daß alles in Freudigkeit und ohne Trübsinn geschieht, denn nur in Freude diene man Gott, und alles Sorgen und Sichkümmern ist eine Abkehr von Gott, nur die Freude erhebt den Menschen über sich hinaus. Diese Freude trug der Chassidismus in die gesamte Frömmigkeit hinein. Es vollzog sich hier wieder eine Art Kompromiß. An sich wäre es bei dem Gegensatz, in dem der Chassidismus zum rabbinischen Judentum stand, leicht möglich gewesen, daß eine Negation diesem gegenüber im Sinne einer Verwerfung der alten jüdischen Frömmigkeit entstanden wäre, aber diese war dazu zu sehr mit dem jüdischen Volkstum verwachsen: so nahm der Chassidismus Thora und Talmud als Offenbarung von Gottes Willen auf, aber er griff zugleich die zum Teil verschütteten alten Tendenzen auf, die die Freude in aller Frömmigkeit betonten, wandte sich demgemäß gegen die ganze Skrupulosität in der Befolgung der ritrlellen Gebräuche und gegen die das Gewissen ängstigende und belastende Pedanterie, die nur von der eigentlichen Religiosität abzöge, und forderte die freudige Hingabe in allem frommen Tun, da es ja doch der Sinn aller Gebete sei, Gott wohlgefällig zu sein, und das geschehe einzig durch die Andacht im Tun. Diese Verinnerlichung wurde noch weiter geführt, indem überhaupt der Unterschied zwischen Religiösem und Weltlichem aufgehoben und gelehrt wurde, daß jede richtig aufgefaßte und allsgeführte Betätigung des Lebens eine Kundgebung im Dienste Gottes sei, und daß jede Handlung durch die Freude, die man in sie hineinlegt, ein Weg zum Herzen der Welt sei. So sollte eine Weihe des Lebens im ganzen erzielt werden: zugleich kam damit auch ein starker demokratischer Zug hinein, die Führer der Chassidim waren so nicht Männer des Lernens llnd Forschens, sondernMänner, die mit dem Volk in Einfachheit llnd Schlichtheit lebten, und das Ideal war nicht der Hochgelehrte, Weltferne, der über den Büchern sitzt, sondern der Mann, der sich um die seelischen Bedürfnisse des einfachen, schlichten Mannes aus dem Volke kümmert, seiner sich annilnmt und ihn sein Leben, das tägliche Leben der Arbeit und der Freude, moralisch weihen lehrt. Innrer. Tugenden vor allem verdichtet sich die Frömmigkeit des Chassid. Die erste ist die „DerzMt", d. h. die Verbannung jeden Stolzes irnd jeder Eitelkerkauf irgend etwas, zugleich verbunden mit einer schrankenlosen Liebe zu den Geschöpfen, denn in nichts anderem kann man Gott lieben als in seinen Kindern, den Geschöpfen. Die zweite ist die „freudige Heiterkeit". Man könne eben Gott nur dienen in vollendeter Freude über die Gotteskindschaft der Menschen, die nicht einmal durch Sünde getrübt werden kann, denn jeder reuevolle Gedanke ist ja wiederum eine Stimme Gottes, die den Menschen froh macht. Keine Sünde braucht den Menschen darum zu brücken; er ist seines Gottes gewiß. Diese Heiterkeit ließ dew Chassidismus sich auch gegen alle Askese wenden; im Unterschied zur alten ,Kabbalah, in der die Askese eine Hauptrolle spielte, verwirft er alle Askese und Kasteiung als etwas, was das Gemüt nur verdüstert und glücklos macht. Und die dritte ist die fj „enthusiastische Begeisterung", die brennende Flamme, die * man in alles Tun hineinlegt, die von aller mechanischen, leblosen Gebotserfüllung und aller Furcht vor der Sünde meilenweit entfernte Glut, die man aus der Kraft der Liebe allem frommen Tun mitteilt, die es verhindert, daß man in ein konventionelles Schema sich bannt und in ihm sein Genügen findet, sondern die den Menschen mit immer wachsender Energie den Weg zu Gott suchen läßt. Das sind im wesentlichen die Grundzüge des Chassidismus. Der Gegensatz zum rabbinischen Judentum wurde bei aller äußerlichen Gleichheit der Lebensform doch auf beiden Seiten so stark empfunden, daß es Zu vielen Kämpfen kam. Die Führer des rabbinischen Judentums bekämpften die Chassidim, während diese wieder die rabbinischen Juden als Veranstalter der wahren Schönhüt des Judentums und seines seelischen Gehalts hinstellten. Es kam so dazu, daß die Chassidim sich in eigenen Gruppen zusammenschlossen; innerhalb dieser fühlen sie sich als zu einer Brüderschaft, die zu besonders heiligem Streben berufen ist, verbunden und wirken in diesem Kreise eine besonders aufopfernde Bruderliebe aus. Würde es bei diesen Zügen allein bleiben, so böte der Chassidismus, seinem Namen entsprechend, ein Bild lauterster Frömmigkeit ater er geriet rasch in Verfall. Dieser Verfall ist wesentlich gekennzeichnet durch die Herrschaft des sogenannten' Zaddik. Es war schließlich für. den Durchschnitt kaum möglich, ein so in Heiligkeit aufgehendes Leben zu führen, wie es die Lehre des Chassidismus forderte; um so mehr mußten die wenigen, denen die innere Kraft zu solchem Leben gegeben war, und die sich des Volkes in seinen Sorgen und Nöten, in allen Angelegenheiten des Lebens annahmen, als mit besonderer Heiligkeit begabt erscheinen und als Vermittler zwischen Gott und Mensch gedacht werden. Solche Führer tragen im Munde ihrer Anhänger den Namen Zaddik. Ursprünglich gedacht höchstens als Vorbild zu einem heiligen Leben, schob sich, da es sich im Anhängerkreise der Zaddikim zumeist um ungelehrte und ungebildete Menschen''handelte, unwillkürlich aus dem Gefühl der eigenen Unvollkommenheit der dem Judentum so fremde Gedanke des Mittlertums ein, der verhängnisvoll wurde. So wurde der Zaddik dem Chassid zum Inbegriff alles Heiligen, der Weisheit in allen Lebeusdingen. dessen Rat immer und überall aufgesuckst wird, der wie ein Souverän seinen Anhängern zu befehlen hat, der ihnen gleichsam als die Verkörperung des Messias erscheint, dessen Gebet alle Schleier vor Gottes Thron zerreißt, Gnade und Erbarmen in Tätigkeit bringt, Wunder tut und an dessen Tun bis ins einzelne alles nachahmenswert ist. Es mochte noch hingehen, wenn ein solcher Zaddik wirklich von lauterer Frömmigkeit erfüllt ist, schlimm wurde und wird es aber, wenn er ein Betrüger ist, der selbst an seine Sendung nicht glaubt, und dem es nur zu tun ist um seine Macht und Herr-

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