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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-23 · Heft 47 (23.11.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang. Nr. 47 Berlin, 23. November 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen. Regierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Kabbalah und Chassidismus. Von Rabbiner,Dr. Diene- IJillJUll« mann (Ratibor). — Die Woche. — Justizrar Abraham Ofner. Von F—r. — Dr. Markus Landau zum 80. Geburtstage. Von F. L. — Ein Roman von Eliza Orzeszka. Von Ludwig Geiger. — Nahet und Recha. Von Markus Landau. — Ter Rosenbergsche Lehrplan. Von Rektor M. Friedlaender (Danzig). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Aon Anna Goldschmidt. Literarische Mitteilungen. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Vreußisch-Stargard, Crone an der Brahe, Rheine in Wests., Kassel, Altenburg, Nürnberg, Budapest, Stockholm. — Von Nah und Fern. lksbbalah und Chassidismus. Von Rabbiner Dr. Dienemnnn (Ratibor). III. Der Chassidismus. ie Hochflut der kabbalistischen. Schwärmerei hatte sich verlaufen, als die groteske Verzerrung, die der mystische Erlösungsgedanke in der an den Pseudomessias Sabbatai Zewi sich anschließenden Bewegung erfahren hatte, weiten Kreisen die Augen über die Gefahr geöffnet hatte, die in den kabbalistischen Lehren für die Einheit des Judentums und die Reinheit seiner Gottesidee lag. Der in der westeuropäischen Judenheit — Westeuropa hier westlich von Polen — neu aufkeimende Wille, sich in den Ländern, in die die Fügung Gottes die Juden hingeführt hatte, auch innerlich heimisch zu machen, nahm dem Erlösungsgedanken viel von seiner fortreißenden Gewalt: und blieb auch, getreu den prophetischen Verheißungen, stets die Hoffnung auf die Sammlung aller Zerstreuten, so wurde doch der Erlösungsgedanke allmählich vergeistigt und seines mystischen Zubehörs mehr und mehr entkleidet. Aber wenn auch so die alte und eigentliche Kabbalah ins Schwinden geriet, das mystische Verlangen an sich starb nicht und erfuhr in Osteuropa eine Neubelebung von. einer solchen Stärke, daß sie zu einer Art Sektenbildung innerhalb des Judentums führte. Diese Neubelebung ist beschlossen in dem Namen und Inhalt des Chassidismus. Das östliche Judentum war zu einem Teile hineingeglitten in eine Periode der Ueberschätzung des Lernens, seiner Gleichsetzung mit Frömmigkeit schlechthin, in eine Art des kalten Forschens, die auf der einen Seite mit der Ueberschätzung des Verstandesmäßigen und Geistreichen einen starken Gelehrtendünkel reisen ließ, aus der anderen Seite infolge der Vernachlässigung derjenigen Teile des Schrifttums, die zum Gemüte sprechen, dem Sehnen des Volkes nach lebendiger Frömmigkeit nicht genügend Spielraum bot. Dem trat nun der Chassidismus gegenüber als eine Kundgebung des Verlangens der Seele nach unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott, als eine demokratische Reaktion gegen den Aristokratismus des über der Masse thronenden Gelehrtentums, als die praktische Auswirkung einer persönlichen Frömmigkeit. In ihm pflgnzen sich Hauptlehren der alten Kabbalah fort, die Seelenlehre, der Erlösungsgedanike, der Glaube an das Uebersinnliche nach Art des im früheren Skizzierten und der Glaube, daß die Tat des Menschen einen Einfluß auf die oberen Welten auszuüben vermag: aber es ist doch nicht mehr die alte Kabbalah, sondern ein Hinausgehen über sie im Sinne eines uns Persönlich näher liegenden Empfindens. Auch bei der Darstellung des Chassidismus wollen wir hier von einer Aufzählung seiner Meister absehen und nur die in ihm zur Auswirkung kommenden Vorstellungen und die in ihm lebendige Gefühlswelt zeichnen. Da ist zunächst bedeutsam die stark ans Pgntheistische streifende Gottesvorstellung. Der Stifter, ein gewisser im Anfang des 18. Jahrhunderts lebender Israel Baal Schern -- d. h. der der Gottesnamen und ihrer Handhabung Kundige - , war ein mit und in der Natur lebender Mann: in den Karpathenwäldern seiner Heimat fand er in den rings um ihn her ertönenden Stimmen die Allgegenwart Gottes. Das ganze chassidische System ist getragen von dem Gedanken der Gegenwart Gottes in allem Bestehenden. Alle Dinge sind erfüllt vom göttlichen Leben, und aus allem, was der Mensch denkt und redet, spricht das göttliche Leben. Das Wort Gottes ist unaufhörlich am Werk des Schaffens tätig. Nicht e i n Mal schuf Gott die Welt, sondern die lebenerzeugende göttliche Kraft ist ununterbrochen in Tätigkeit. Die Schöpfung ist eine nie abreißende Offenbarung Gottes. Und da alles seine Existenz von Gott hat, ist. es nicht schwer, bei allem, , was Lust erregt, nicht das Aeußere, Sinnfällige zu begehren, sondern an den Quell selbst zu gehen, an den Schöpfer der Dinge, ihn in allen Dingen zu sehen und zu lieben, in ihm aufzugehen. „Wie der Liebende in den Juwelen seiner Geliebten nur die Schönheit derer sieht, die er liebt, so erkennt der Gott wahrhaft Liebende in allen Erscheinungen der Welt nur die lebenspendende Kraft Gottes." Ist Gott der .Träger aller Dinge, aller Gedanken des Menschen, dann gibt es eigentlich auch nichts Böses: was die Menschen so nennen, ist nur die Aeußerung eines Unvermögens, an den Kern allen Seins, an Gott, an das Gute heranzugelangen, ein Mangel an Kraft, in dem wirklichen Quell der Dinge unterzutauchen, eine niedere Stufe des Guten, so etwa, möchte man es heut verständlich machen, wie wir etwas Kälte nennen, was doch eben nur ein geringerer Grad des Naturphänomens Wärme ist. Es vollzog sich hier, wenn man auch Ausdrucksformen und Redeweisen der Kabbalah vom Bösen, übernahm, doch eine wohltuende Wiederanknüpsung an die alte jüdische Lehre von der einzigen Sieghaftigkeit . des Guten, an die Ablehnung einer im Menschen steckenden Sündhaftigkeit. Von hier aus drang in den Chassidismus eine starke Anspannung aller Nächstenliebe, der Wille, auch in dem. Sünder die göttliche Natur zu entdecken, zu lieben, ihr zum Siege zu verhelfen, der Glaube an die läuternde Kraft aller Reue, und daß keine Sünde den Menschen je von Gott trennen könne.

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