Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8!. Jahrgang GeMtNdetz0te. Beilase zur „Allsrmeinen Leitung deß Judentums. kerlin, 16. November 191? korrrlprnvrn?m und Nachrichten. * * Berlin, 11. November. Die Trauerfeier für I u st i z r a t Maximilian Hvr-witz. Eine imposante Trauerversammlung, zu der der Verband der deutschen Juden, der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Klaubens und die Großloge U. O. B. B. für Deutschland gemeinsam Einladungen hatten ergehen lassen, fand heute vormittag im Kaisersaal des Rheingold-Hauses statt. Der große Saal konnte die zahlreiche Trailerversammlung, die sich aus allen Kreisen der Reichshauptstadt zusammensetzte, kaum fassen. Die großen jüdischen Organisationen waren alle vertreten. Sehr zahlreich war der Vorstand und die Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde vertreten. Auch die Reform-Gemeinde und die Israelitische Shnagogengemeinde Adaß Jisroel hatten Vertreter entsandt. In der ersten Reihe bemerkte man die Witwe des Verstorbenen und die Vorstände der drei einbernfenden Organisationen. Der Chor der Synagoge Lützowstraße eröffnete mit einem Gesangsvortrag die ernste Feier. Als erster Redner sprach Geheimer Justizrat Kassel, Mitglied des Landtages, der als Vor-, sitzender des Verbandes der deutschen Juden der Nachfolger des Verstorbenen geworden ist. „Tiefer Kummer und bitterer Schmerz beseelt alle Mitolieder des Verbandes der deutschen Juden im ganzen Vaterlande. Der Verlust des langjährigen Führers wird vom Verband in allen seinen Gliedern schwer empfunden. Mit fester Zielsicherer Hand und unbeugsamem Willen hat er die Organisation in treuer Liebe zum Vaterlande und stolzer Treue zum heiligen Glauben unaufhaltsam vorwärts geführt. In seiner lebensfrischen Persönlichkeit vereinigte er höchste sittliche Reinheit, Edelsinn des Herzens, selbstlose und aufopferungsvolle Treue, also alle Gaben, die den geborenen Führer kennzeichnen. Das Ziel, das Horwitz erstrebte, war die innere Kräftigung des Judentums durch die Verbreitung der Erkenntnis seines Wertes unter seinen Bekennern und die Erlangung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Unermüdlich warnte er vor dem Abfall. Nicht als Bittender, sondern gestützt auf sein Nechtsbewußtsein, forderte er in der stolzen Haltung eines freien Bürgers Gleichberechtigung der Juden. Immer wieder beschwor er die deutschen Juden, sich trotz aller Zurücksetzung nicht abdrängen zu lassen vom Vaterlande, für das er Gut und Blut zu opfern mahnte, und dem er selbst den einzigen Sohn dahingab. In diesem Sinne wirkte er Jahrzehnte für die gute Sache. In der Kraft seines Wesens und seiner Erscheinung erschien er seinen Mitarbeitern wie ein Symbol der Freiheit und Gerechtigkeit. Von seiner seltenen Vornehmheit prallte alles Niedrige und Gemeine ab. Sein Werk wird dauern, sein Geist imb sein Rat werden fortwirken und den Weg seiner Nachfolger exhellen/' Geheimer Justizrat Eugen Fuchs dankte in seiner Gedenkrede namens der Hunderttausenden, die sich um das von Horwitz ausgepflanzte Banner des Zentralvereins geschart haben, dem Verborbenen für die rastlose Hingabe an sein Lebenswerk. Der treue Freund und Mitstreiter des Toten zeichnete ein Lebensbild des Verewigten: „Als Horwitz 1893 in das öffentliche Leben eintrat, stand die antisemitische Bewegung in höchstem Flor. Die damals bestehenden Abwehrorganisationen, das Lazarussche Dezemberkomitee, das Simon-Nathan-Komitee und der Rickertsche Abwehrverein taten zwar ihr Bestes, doch fehlte es noch an einer Demokratisierung der Abwehrbewegung. Der Zentralverein war im Werden. Auch Horwitz wurde für die Idee gewonnen und schon im zweiten Jahre wurde ihm das Amt des Vorsitzenden übertragen. Durch fast 25 Jahre behielt er die Führung des Vereins, den er durch alle Kinderkrankheiten und Fährnisse geschickt geleitet hat. Von allen Seiten kamen die Angriffe, und mit dem Haß der Antisemiten verbanden sich die Meinungen der Indolenten. Das alles hat Horwitz nicht abgeschreckt; mit unermüdlicher Energie arbeitete er weiter. Das Programm des Vereins, Selbstverteidigung in voller Öffentlichkeit, entsprach der Eigenheit seines Charakters, seinem Selbstbewußtsein und seiner durch und durch demokratischen Gesinnung. Nach seinem Willen sollte jeder einzelne mitkämpsen für die Gleichberechtigung der deutschen Juden und für die Anerkennung der Gleichwertigkeit des Judentums. Er erkannte, daß Recht und Freiheit einer Gemeinschaft nicht mühelos in den Schoß fallen, somdern mit rotem Herzblut e r k ä m p f t w e r d e n m ü s s e n. Die Lilien auf dem Felde, die Vögel, die -nicht säen und nicht ernten, sind keine Symbole unserer Religion. Kampf und Arbeit sind das Jahrtausende alte Erbteil unserer Glaubensgemeinschaft. Auch Horwitz gab Herzblut und Arbeit für die Ziele unseres Vereins. Er wollte keine Rechte ohne Pflichten. Selbstzucht und Selbstbewußtsein sollten sich mit Treue und Stolz auf unsere Eigenart verbinden. Liebe zum Vaterlande und zum Erbe der Väter waren seine Forderungen. Als Erbe seiner Jahrtausende alten Kultur wollte er nicht restlos aufgehen in der Umwelt. Denn nicht Assimilation, sondern Renaissance ist die Forderung der Stunde. Es gilt, sich anzupassen an die Bedingungen der Zeit, aber auch unverbrüchlich, festzuhalten an dem, was Treue, Ehre und Gewissen verlangen. Dieser Standpunkt, den die Führer des Vereins allzeit betätigten, ermöglichte es allen religiösen Strömungen im Judentum, im Zentralverein mitzuarbeiten. Selbst liberal, hatte Horwitz Verständnis für die Bedürfnisse der Andersdenkenden, für die er in bewußter Abwehr radikaler Anschauungen unentwegt eintrat. Aber der Zentralverein war für Horwitz nicht das letzte Blatt in der Geschichte der deutschen Juden. In den ersten Jahren des Jahrhunderts trat er für den Perbandsgedanken ein, der als Gesamtvertreter der deutschen Juden einen Teil der Aufgabe des Zentralvereins übernahm. Nach dem Tode Eduard Lachmanns und dem Rücktritt Martin Philivvsobns wurde Horwitz?nr Leitung des -neuen Verbandes der deutschen Inden berufen. Mit der ArbeHsfülle, die die Leitung der beiden großen Organisationen von ihm erforderte, waren seine iüdiscken Interessen noch nicht erschöpft. Er wirkte auch im Hilssverein, im Simon-Nathan-Komitee, im Komitee für den Osten und in der Loae. Treue Pflichterfüllung war lern erstes Gebot, und mehr als die Vflicbt zu tun, rief er den deutschen Juden bei Kriegsbemnu zu. Deutschtum und Judentum einten sich in ihm zum wahren Menschentum. Noch in dieser Stunde ist unser Herz von Stolz erfüllt, daß dieser wahrhaft edle Mensch der Unsere gewesen ist". -- Die dritte Ansprache hielt JusUzrat Kuznitzky als Vertreter der Groß loae. die in dem Verklärten einen unermüdlichen Kämpfer für die Ehre des Judentums beklagt. „Wenn Horwitz auch nicht in den vordersten Reihen der Logenarbeit stand, io aebörte er doch zu ihren Mitstreitern, denn wenn die verschiedenen indischen Organisationen auch aetrennt marschieren, so streben sie doch alle dem gleichen großen Ziele zu. In dieser Erkenntnis hat Horwitz auch an der Logenarbeit teilgenommen, die ihm Befruchtung und Anregung verdankt. Die Logen sind stolz darauf, daß dieser unvergleichliche Mann auch ihnen mit Herz und Hand angehörte. Maximilian Horwitz lebt im Gedächtnis der Brüder als eine zur höchsten sittlichen Menschenwürde aufgestiegene Persönlichkeit. Das Andenken dieses wahrhaft adligen Mannes wird in unseren Herzen bewahrt und kommenden Geschlechtern überliefert werden." Für den R a b b i n e r v e r b a n d und im Namen der deutschen Feldrabbincr sprach Feldrabbiner Dr. Italiener. „Als bei Ansbruch des Krieaes die iüdischen Männer gleich den anderen Volksgenossen zu Tausenden freiwillig zu den Fahnen drängten, regte Horwitz mit seinen Freunden die Entsendung jüdischer Feldgeistlicher an. Was 1870 nicht verwirklicht werden konnte, wurde ietzt erreicht: iüdische Seelsorger wirken unter den jüdischen Mannschaften als Bindeglied zwischen Front und Heimat. Sie bringen unseren kämpfenden Brüdern die Verbindung mit Gemeinde und Familie, sie steifen ihren Nacken gegen Unrecht, eifern sie zur höchsten Pflichterfüllung an und zeigen der nichtjüdischen Umgebung, wie jüdische Geistliche ihre Pflicht tun. Unsere Feldrabbiner, die Tag für Tag an Totenbetten und frischen Gräbern stehen, haben keinen leichten Dienst, aber wohl niemand kann bester sagen als sie, wie unsere jüdische Jugend ihre Pflicht da draußen tut. Immer wieder kommen die Vorgesetzten und andersgläubigen