Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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werden, meinem Leben eine bestimmte Richtung, einen neuen ungeahnten Sinn geben. Früh war Lottchen Beyer hier, um sich für das „entzückende Frühstücksscrvice" zu bedanken, bas ich ihr geschenkt habe. Sie hat sich zu sehr gefreut. „Gerade, weil alles sür zwei bestimmt ist, die Täßchen, die Eierbecher und alles", sagte sie mit dumm anzüglichem Kichern. „Nun ja, Fräulein Lottchen, das dachte ich eben auch", sagte ich freundlich, „deshalb habe ich es ja gewählt." „Er wird sich auch schrecklich freuen," meinte sie verschämt. Mit dem Wort „Bräutigam" oder dem Vornamen wagt sie sich noch nicht recht heraus. Ich hatte noch zu tun, mit mir ins Reine zu kommen nach diesem Besuch, da brachte mir Josepha eine Visitenkarte. Frau Hedwig Berliner. Zu nur kommen selten Freunde, wenn sie nicht Bittsteller sind; selten wollen mir Leute etwas bringen. Die Frau bat mich auch um etwas, um nicht mehr und nicht weniger, als um meine ganze Persönlichkeit und sie hat mir doch etwas gebracht. Viel sogar. Schon ihre ernste klug ausschauende Persönlichkeit machte mir tiefen Eindruck und weckte gleich mein Vertrauen. Ob ich vielleicht gestern in ihrem Vortrag „Pflichten der jüdischen Frau nach dem Kriege" gewesen sei. Nein! Ich mußte es mit Beschämung zugeben. Ich hatte wohl die Ankündigung davon in der Zeitung gelesen, aber nicht einen Augenblick in Ertvägung gezogen, hinzugehen. Ich gehe ja dieses Jahr nicht in öffentliche Versammlungen. Aber plötzlich war es mir, als könne ich mich mit diesem Grund vor den nachdenklichen Augen dieser Frau nicht sehen lassen, als sei er in Gewohnheit erstarrt, ohne Leben und Saft und Kraft. Wer hätte das Recht, sich eigensinnig in sein Eigenschicksal einzukerkern und die Stätte zu meiden, an der man von seinen Pflichten hören soll? Tie Frau sah nicht aus, als habe sie rhetorische Erfolge und eigene Ruhmredigkeit im Sinne. Ich fühlte mich tief beschämt, daß sie zu mir gekominen war. Sie sprach, — und zum ersten Male hörte ich zielbewußt, mit dem ehrlichen Willen, zu bessern und zu helfen, davon sprechen, — von dem ungeheuren kulturellen Tiefstand unserer Glaubensgenossen jenseits der Grenze. Wieviel habe ich davon schon sprechen hören! Je nach Art und Eharakter, mit der verständnislosen hochmütigen Verächtlichkeit des Wohlerzogenen, in den Segnungen der Kultur Verwöhnten, oder mit der tiefen erbarmenden Erschütterung dessen, der den Ursachen tiefer nachging und sagte: „Sie haben so werden müssen. Das Leben hat das aus ihnen gemacht"; immer aber mit maßlosem, grausam überraschtem Entsetzen über dieses Maß von Rückständigkeit und Niedrigkeit. Ich habe mich einmal mit ureinem Vater gestritten - manchmal dachte ich doch auch nicht mit seinen Gedanken —, ob es wünschenswert sei, daß nach einer möglichen Grenzveränderung diese Aermsten der Armen zu uns stoßen, deutsch werden und des Glückes deutscher Kultur, deutscher Menschlichkeit teilhaftig würden. Vater meinte, daß das für uns deutsche Juden das größte Unglück sein würde, das uns geschehen könne; daß wir mit jenen im Urteil der Umwelt in einen Topf geworfen und um hundert Jahre in der langsam erworbenen Anerkennung und Achtung zurückgeschleudert werden würden. Und ich widersprach und meinte, das könne vom Standpunkt der Gerechtigkeit gar nicht in Betracht gezogen werden. Tenn die Größe der Vorteile, die jener Unglücklichen hier warten würden, stünden in gar keinem Verhältnis zu dem geringen Schaden, den wir dadurch hätten haben können. Um diesen Preis wollte ich gern noch ein paar von den spärlichen Errungenschaften aufgeben, die es uns kosten könne. Diese Ansicht ist hinterher oft — ich habe es tragen müssen — als weltfremde weibliche Gutmütigkeit Und Urteilslosigkeit belächelt worden, „Sie wissen nicht, wie sie sind," sagten mir oft selbst solche, die mit geradezu begeistertem Opfermut hinausgezogen waren und sich kein schöneres Los sür sich hätten denken können, als all ihr Haben und Können, ihre Kraft und Zeit dem bedrängten Bruder zu widmen. Wie bitter muß sich denen das Wort „Bruder" im Herzen gewandelt haben! Was muß Benno empfunden haben, als feine Kompagnie am Bahnhof jenes kleinen Judenortes ausstieg und ein würdig aussehender Jude, einer, der den Typus seiner Rasse trug, auf ihn zukam und ihm zuslüsterte: „wollen Se meine Frau.oder meine Tochter?" Daß der Schurke als Antwort einen Stoß vor die Brust bekam, kann ich bei meinem Grobian von Neffen, der durchglüht ist von Liebe, Stolz und Ehrgeiz für seinen Stamm, begreifen. Darf ich mich, nach dem, was ich da nun erfahren und was leider nicht vereinzelt dastehen soll, noch wundern, daß mir Hvhnlachen antwortete, als ich vom „jüdischen Familienleben" sprach?! Was ist solchen der Begriff „Familie", „Vaterland", „guter Name"! Leere Worte! Wer sie am besten bezahlt, der hat sie. Wie entsetzlich für uns! Wie entsetzlich erst für die armen braven Marktleute, die an jedem Wochenmarkt zu uns über die Grenze kommen, denen die Verantwortlichkeit für die jüdische Allgemeinheit nicht in Versammlungen und Broschüren, nicht in Schulen und an guten Beispielen gepredigt worden ist und denen sie doch tief im Blute liegt, aus einem eingeborenen Adel der Seele, aus ihrem Anstandsgesühl, ihrer tiefinneren zwingenden Frömmigkeit heraus. Sie haben die gleiche Tracht und Sprachweise wie jene, vor denen jeder anständige Mensch entsetzt zurückschreckt, und könnten deshalb doppelt leicht mit ihnen verwechselt werden. Keinen größeren Justizmord könnte es geben als den; denn es gibt nichts Fleißigeres, nichts rührend Anspruchsloseres als diese Lastträger, die die schwere Bürde ihrer Armut, noch qualvoll verschärft durch die strengen Satzungen ihres Ritus, mit einer stillen, gottergebenen Geduld, mit einer geradezu heiligen Strenge gegen sich selbst tragen. Der alte Jakob ist einer von denen. Daß er seit vielleicht 30 Jahren mehr in Deutschland lebt als in seiner Heimat, hat nicht viel geändert in feiner Kleidung und Lebensweise. Sie haben unter demselben Drrick, in derselben Unkultur, umdroht von dem gleichen Nahrungsmangel, dem gleichen gewaltigen Menschenhaß, gelebt, aber sie brachten das heilige Wunder fertig, doch ehrliche Leute zu bleiben. Sie bettelten nicht, sie kämpften so übermenschlich, wie wir Glücklicheren nicht ahnen können. Sie bekommen keine Ehrenzeichen. Ihre Uniform ist der lange, beschmutzte, von allen verspottete Rock - (man bleibt nicht sauber, wenn man Tag und Nacht im Karren auf der Landstraße und aus den kalten Steinen der Marktplätze kauert oder schwere Säcke schleppt) —, und Helden sind sie doch, stille, fromme, demütig stolze Helden, die sich ihres eigenen Heldentums gar nicht bewußt sind. Benno sagt immer „Ein Jude muß doppelt auf sich halten, muß doppelt so viel leisten, um sich durchzusetzen, wie ein Ehrist." Ich glaube, es ist ein Verdienst der Zionisten, diese alte Weisheit lauter, öffentlicher ausgesprochen zu haben, als es sonst geschah. Aber es ist ihr Fehler, zu glauben, daß sie sie erst entdeckt haben. Unsere armen Markthändler, die noch keine zionistische Versammlung besucht haben, kennen sie, und zwischen den Ghettomauern mag sie wohl jeder jüdische Vater seinen Kindern gepredigt haben, durch sein Wort, sein Beispiel; und, wo das alles nicht hinreichte, da sorgte das Leben eindringlich sür diese Lehre. (Fortsetzung folgt.)