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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-16 · Heft 46 (16.11.1917) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 46 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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nur eine Ahnung aufsteigt, was sie angerichtet hat? Eins nur ist ein Glück für uns alle, daß Benno so ein-ernster Arbeiter ist. Wer arbeiten kann und instinktiv zu doppelter Arbeit greift, wenn er nicht weiß, wohin mit sich und seiner Not, der ist nicht verloren. Er hätte ja ebensogut verbummeln können. Manchmal kommt mir doch der dumme Kinderglaube, als habe Tante Phine mit ihrem starken Glauben, mit ihrer unerschütterlichen Sicherheit das bißchen Glück ins Haus gezwungen und das Elend serngehalten. Das Schicksal hat einfach gewußt und eingesehen, daß er dieser Großmama nicht eine Luzi ins Haus hat bringen können. Eins weiß ich: wenn Tante Phine über hundert Jahre einmal tot sein wird — Gott verhüte! Gott verhüte! —, werden wir alle ratlos sein. Tausendfacher Widerspruch kämpft gegen sie in ihrer nächsten Umgebung, mehr, als sie in ihrer lieben, starken Selbstsicherheit ahnt, denn sie denkt meist, wie sie es inacht, so ist es am allerbesten. Bennos Gedanken gehen noch immer sehnend und zehrend seiner unglücklichen Liebe nach; Paula, deren Macht im Hause doch so wunderbar gestiegen ist, rebelliert innerlich bis zum'schlecht beherrschten Unwillen bei jedem Taschentuch, das Großmama sich erlaubt, mit auszusuchen. Sie will ganz allein, und nur von mir beraten, bestimmen. Rosa findet schon alles falsch und „altmodisch" und zum „totärgern", weil es Großnmina gesagt hat. Und ich bin - zu meinem Schrecken merke ich es - auch meist auf seiten der Enkelkinder. Und wo gingen meine Wünsche hin? Und doch, und doch, sie ist der starke Pol, um den das Ganze kreist, der Mittelpunkt, der alles zusammenhält und uns Kraft und Sicherheit gibt. Die Löbkinder und ich, — wir haben keine Eltern mehr, aber erst, wenn Tante Phine uns genommen wird, werden mir alle Waisen sein. Lieber Gott, erhalte sie uns! Sonderbar, seit meiner Kinderzeit habe ich nicht mehr geltet. Allzufrüh verlor ich den Glauben in die Kraft des Gebetes. Nur, wenn ich Angst um Vater hatte und jetzt wieder bei Tante Phine, prüfe ich nicht mehr, was ich wirklich glaube oder nicht, — in meiner Hilflosigkeit wende ich mich an ein höheres Wesen, das die Macht haben muß, zu helfen, und bete. * Gottlob, es scheint doch keine Gefahr vorzuliegen bei Tante. Nur schwach ist sie. Sie kann wenig auf sein und auch der Arzt ist mit der Bettruhe einverstanden. Ich darf mich nicht allzuviel dort aufhalten, sonst wird sie mißtrauisch und glaubt, ich halte sie für schwer krank. „Geh, mein Tochter, besorg deine Wirtschaft", sagt sie halb dankbar, halb zärtlich und ungeduldig, wenn ich schon vormittags dort bin. Wie oft hat mich schon der versäumte Weg zur Putzmacherin gequält! Wer hätte denken können, daß ich die kleine Versäumnis mit solcher Angst zu bereuen haben würde! Nein, nein, ich darf nicht glauben, daß ich sie dadurch um ihren letzten „Gang in Schul" gebracht habe. Sie wird es noch nachholen können. Es ist ihr doch so unendlich wichtig. Heute nachmittag kaufte ich mit großer, fast andächtiger Sorgfalt einen lieben, kleinen Großmutterhut, wie er für sie paßt. „Tante Phine, der Weg zur Putzmacherin wird dir doch lauer fürs erste. Du sagst ja immer, ich habe Geschmack. Ich kann das auch allein besorgen, weiß genau, was für dich paßt und dich kleidet." Und ich packe das schwarzsamtne Kapotthütchen aus der Hutschachtel und setze es ihr auf den dünngrauen Scheitel. Sie hat sich im Bett ausgerichtet und sieht mich unter dem Kapotthut so unendlich zärtlich und wie in leichter Verlegenheit ob des sonderbaren Aufputzes im Bett an, daß sie wie berjüngt aussieht. Ich sehe mich in leisem Schreck nach Rosa um, die in der Fensterecke sitzt. Sie ist hilflos wahren Lachanfällen ausgeliefert, wenn sie etwas sieht, was ihr komisch erscheint, selbst da, wo kein anderer Mensch etwas zu lachen findet. Würde sie jetzt wieder fo zwingend lachen müssen, wenn sie die Großmutter in der Nachtjacke und dem Federhütchen sieht? Das würde mich jetzt verletzen. Und zu meinem Erstaunen sehe ich in ein tiefernstes junges Gesicht, aus zwei wie andächtig zusammengelegte Hände. „Sieht sie nicht lieb und vornehm aus, unsere Großmutter?' sage ich laut und lustig. „Ja, sehr fein", sagt Rosa, aber es klingt kleinlaut und wie unter Tränen. Verstellen kann sie sich noch schlecht, das Kind. „Wie du mir gefällst, Tante Phine!" sage ich, und sie lächelt schwach und doch vergnügt. Den Handspiegel gebe ich ihr aber doch nicht. Wenn nun auf sie selbst ihr liebes Bild so rührend wirkte wie auf uns? So Gott will, wird sie sich im neuen Hut in ihrem Fensterspiegel sehen, wenn sie in ihrer ganzen, molligen Breite wieder vor ihm stehen wird. Freilich, jetzt ist sie schon müde. Ich merke es und nehme ihr schnell den Hut vom Kopf. „Du bist en goldenes Kind", sagt sie innig und legt sich aus die Seite, das Gesicht vom Kissen verdeckt. Ich weiß, sie ist gerührt. Das ist sie jetzt so leicht. „Nu, geht, ich will en bißchen schlafen." „Ja, Tante Phine. Und in dem neuen Hut gehst du mir nicht ohne mich aus. Wir gehen zusammen in die Synagoge, denn da setzest du ihn ja doch das erste Mal auf." „Mit der göttlichen Hilfe!" bestätigt sie leis und fromm. „Er ist je wirklich wunderschön." So schwach sie ist, sie versäumt nicht, einen zu loben. Ich habe das Gefühl, als habe sie sich gefreut. * Gott sei Dank, es scheint besser zu gehen mit unserer Patientin. Wir haben Gespenster gesehen. Sie hat sich heute so kräftig über ihre „liederliche Schickse" — seit Paulas Verlobung ist ein Mädchen für den ganzen Tag im Haus — geärgert, daß mein Herz frohlockt hat. Wer so tüchtig schimpfen kann, kann nicht krank sein. Anna hat 1 Pfund Rindsfett — „bei d i e Preise, und nich for Geld is es zu haben" verbrennen lassen. Selbstredend kriegte das ganze Haus — das ist mal so Brauch bei Tante Phine — mit Zanke, aber der Hanpterguß traf neben der zerknirschten Anna, die mit einem Gesicht herumlief, als habe sie einen Raubmord auf ihre achtzehnjährige Seele geladen, — Klein-Rosa. Doch auch Paula bekam ein paar kräftige Sticheleien zu hören, sie sei „vorläufig", das „vorläufig" wurde stechend betont, „noch in e Haus, wo's nich! drunter und drieber ging, wo's noch aufs Geld ankäm," just, als sei es reines Protzentum der künftigen Bankdirektorin, dem unerfahrenen Mädchen leichtsinnig das Wertobjekt überlassen zu haben. Auch auf Bennos ewige Verbrummtheit und Wortkargheit schalt sie, obgleich ich nicht recht einsah, wie durch schlechte Laune des abwesenden Haussohnes in der Küche das Fett verbrennen konnte. Tante schilt viel zu weit ausholend, viel zu sehr in die Tiefe und in die Breite gehend, als daß es auch nur für den unbeteiligten Zuschauer — allerdings weiß er ja auch nicht, wie lange er unbeteiligt bleibt. Jeden Augenblick kann ihn das Gewitter mit treffen — vergnüglich -bleiben könnte. Heute aber -war es mir ein Fest. Nun habe ich wieder ein leichtes Herz, nun kann ich mich wieder um anderes kümmern, W Ich hatte einen hochinteressanten Besuch, der mir tief, in mein Fühlen und Denken eingedrungen ist und es nicht mehr verläßt. Wer weiß, der Besuch kann für mich bedeutungsvoll

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