Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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544 das sind die Folgerungen, zu denen ein solches Prinzip führt und die ausschließlich zur Unduldsamkeit führen. Der Staat kann nicht einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Religion angehören. Der Staat muß sorgen, daß gleiches Recht für alle vorhanden ist, auch die Atheisten haben ein Recht darauf, im modernen Staat geduldet zu werden. (Sehr richtig! links.) Und ich glaube, auch praktisch läßt sich eine solche Theorie gar nicht durchführen." Vollzieht sich in Deutschland wirklich ein starker Ruck nach links, so schwindet damit auch das Gerede unserer Feinde von einem absoluten, freiheitsfeindlichen Deutschland, das ihnen als ungeeignet zum Frieden erschien. Trotzdem erhoffen wir den Frieden weniger von der Einsicht unserer Gegner als von dem Siege unserer Waffen. Unsere Fortschritte in Italien sind riesenhaft. Die Zahl der Gefangenen hat sich auf 260 000, die Zahl der erbeuteten Geschütze auf über 2300 erhöht. Herrschte in Italien die gesunde Vernunft oder vermöchte dieses Land nach eigenem Willen, statt nach dem Gebote seiner westlichen Vormünder zu handeln, so müßte es sofort unter jeder Bedingung Frieden erbitten, da sein Streben, das Land auszudehnen, so kläglich gescheitert ist, und da es nun die furchtbaren Leiden des Krieges im eigenen Lande erfahren muß. Aber das arme Italien kann nicht anders, als sich unter das Joch seiner angeblichen Beschützer zu beugen, der armselige, nur an Worten, nicht an Taten reiche Cadorna mußte den Oberbefehl abgeben und ist genötigt, sich mit dem dritten Platz in einem militärischen Zentralausschuß zu begnügen, dessen leitende Männer ein englischer und ein französischer General sind. Die Geschichte hat bisher gezeigt, daß solche mehrgliedrige Ausschüsse zur straffen Kriegführung ungeeignet sind, weil statt einheitlicher Leitung gar zu leicht Eifersüchteleien entstehen und Sonderinteressen geltend machen. Und so zeigt sich, trotz aller zur Schau getragenen Zuversichtlichkeit, die Entscheidungsschlacht des Krieges, die man nun zur Abwechslung nach Italien verlegt, werde mit einer Vernichtung der Eindringlinge und mit einem Triumphe der Entente enden, doch ziemlicher Kleinmut in der Presse und ein sehr geringes Zutrauen der Westmächte zu der Widerstandsfähigkeit der stark verminderten, in ihrem Selbstvertrauen erschütterten, in ihrer Kriegsfreudigkeit völlig erlahmten italienischen Truppen. Es ist daher zu hoffen, daß die Entscheidungsschlacht in Italien zu unseren Gunsten ausgeht und von Herzen zu wünschen, daß, wenn die vereinigten Gegner gründlich aufs Haupt geschlagen sind, sie endlich das Widersinnige, das Menschheitvernichtende des fortgesetzten Krieges erkennen und von ihren wahnwitzigen Forderungen abstchen werden, die man höchstens einem zu Boden liegenden Gegner abpressen, nicht aber von einem allerwärts aufrechtstehenden, ja überall inmitten von Feindesland streitenden, nicht auf dem eigenen Boden bedrohten Gegner verlangen kann. Aber die Einsicht ringt sich bei unseren Gegner schwer durch; nur wenige erkennen die Aussichtslosigkeit ihres hartnäckigen Ringens, die Unwahrscheinlichkeit einer rechtzeitigen Hilfe, die Unmöglichkeit, Japan zu einem Eingreifen zu bewegen und so hat leider der vierte Kriegswinter begonnen, ohne daß die Hoffnung auf ein Ende sichtbar zugenommen hat. Es ist hohe Zeit, daß die Optimisten, die den Ausgang des Jahres 1917 als Schlußzeit des ungeheuren Krieges prophezeiten, wirklich recht behalten. * Ueber jüdische Verhältnisse ist diesmal nicht viel zu berichten, zwei Artikel der „Frankfurter Zeitung" mögen hier ihren Platz finden. Tie Lage der Jude n. S t o ck h o l m , 2. November. Die Lage der russischen Juden ist auch unter der neuen Regierung recht unsicher. Von verschiedenen reaktionären Organisationen wird seit dein ersten Tage der Revolution an eiste eifrige Hetze gegen die Inden betrieben, die besonders in der letzten Zeit außerordentlich heftig geworden ist. An verschiedenen Stellen hat diese Hetze denn auch schon ihre Wirkung ausgelöst. So haben in einer ganzen Reihe russischer Städte, darunter Jekaterinoslaw, Orel und Tambow umfangreiche Judenverfolgungen stattgesunden, die besonders in der letzten Stadt ganz und gar die Form eines regelrechten Pogroms annahmen. Diese Ereignisse haben in der gesamten russischen Judenhass eine starke Beunruhigung ausgelöst. I m p e r i a l i s m u s und Zionismus. Basel, 23. Oktober. „Manchester Guardian" verrät in einein Leitartikel, daß die britische Negierung den Zionismus lediglich vorschiebt, um die imperialistischen Zwecke Englands zu fördern. Das Bemerkenswerteste dabei ist. daß das liberale Manchester Blatt diese Politik unterstützt und von den Juden sogar erwartet, daß sie sich im Interesse Englands entgegen ihren eigenen Ansichten in den Dienst dieser Politik stellen. Das Blatt schreibt nämlich: „Die Argumente für die Ausdehnung der britischen Kontrolle über Palästina in irgendeiner Form beruhen auf unserer Lage in Aegypten. Es ist offenbar, daß, wenn bei dem Eintritt des Friedens die türkische Herrschaft in Palästina und Syrien fortdauern würde, unsere militärischen Probleme in Aegypten sehr ernster Natur sein würden. Unsere ganze Orientpolitik war auf dem Gedanken aufgebaut, daß die Türkei ein freundlich gesinnter Pufferstaat sei, und dieser Gedanke ist nun zusammengebrochen. Wir haben neue Grundlagen zu schaffen, und der erste naheliegende Gedanke wäre die Teilung der Souveränität über die asiatische Türkei südlich des Taurus mit -Frankreich in der Weise, daß Syrien an Frankreich gegeben und Palästina zu einem jüdischen Staat gemacht würde, der von unserem Lande abhängt. Das gleiche Resultat kann indessen auf andere Weise erreicht werden. Die Souveränität von Palästina könnte international sein mit Großbritannien als Mandatar der Mächte. Oder schließlich, wenn die Bereinigten Staaten von nun ab -eist Mitglied des europäischen Konzerts und einer zukünftigen Friedensliga sein wollen, müssen die Bereinigten Staaten gewillt sein, nach den Ratschlägen von Europa einen territorialen ..locus standi“ zu erwerben und als Beauftragte Europas in Palästina austreteu." Die Schlußsüße des Artikels des. „Manchester Guardian" lauten: „Es ist schade, daß zur Zeit einer solchen Krise die Juden nicht einmütig sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, in dem Streit der beiden Richtungen zu entscheiden, aber wir wollen zwei Punkte anführen: 1. Diejenigen Juden, die glauben, daß die Errichtung eines jüdischen Staates für die Rechte der Inden in anderen Ländern nachteilig seill würde, und daß die jüdische Freiheit ist einem Palästinaheim weniger Freiheit für die Juden in ihrem Adoptivheim bedeuten würde, haben scheinbar einen unvollkommenen Begriff von den Grundsätzen der britischen Freiheit und religiösen Duldung. 2. Was auch immer gegen die Einrichtung eines jüdischen Staates als materielles jüdisches Interesse gesagt werden mag, es handelt sich zweifellos um ein Interesse Großbritanniens und der Alliierten. und das sollte von den Juden erkannt werden, die das Wohlergehen ihrer Adoptivländer wünschen." * Das Jüdische Pressebureau in Stockholm berichtet: Die französische Presse veröffentlichte ein Telegramm aus Jassy, das den Wortlaut der Erklärung widerg.ibt, die der Staatsminister Take Jonescu in der rumänischen Kammer während der Debatte über die Reformen der Konstitution über die Jndensrage abgab. Die Erklärung lautet: „Kein vernünftiger Mensch hält es für möglich, daß wir unserem Vaterland Provinzen angliedern, in welchen Israeliten w o h n e n , d i e wir zu r u m ä n i s ch e n Bürgern m a ch e n müssen, während unsere eigenen Israeliten, die unter unseren Fahnen gekämpft haben, bei uns Fremde bleiben. Deshalb ist der Punkt, mit dein wir uns jetzt beschäftigen müssen, derjenige der Lösung der israelitischen Frage, aber einer breiten, vollständigen Lösung, ohne Einschränkungen, ohne Abstufungen, ohne Vorbehalte, einer Losung im ehrlichen- Geiste, wie es einem Lande gebührt, das sein Wort gegeben hat und Wert darauf legt, es zu respektieren."