Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
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543 fortfallen mußte. Ohne daß man noch eine rechte Ahnung davon hatte, war der ganze Kultus durchsetzt von kabbalistischen Einrichtungen, von Gebeten und Gebetsbräuchen, die kabbalistischen Gedankenreihen ihre Entstehung verdanken. Sogar in unserem heutigen Kultus geht manches noch auf einstige kabbalistische Einführung zurück; aber das hier im Einzelnen anzuführen, ist an dieser Stelle nicht der geeignete Platz, das wäre einmal gesondert zu schildern. Jedenfalls ist von hier aus die ganze Erbitterung der damaligen Kämpfe erst so recht zu begreifen; es ist nicht bloß und ausschließlich die Furcht vor der deutschen Bildung, daß sie dem Judentum und der Treue zu ihm abträglich sein würde, die viele damals zu ihrer Ablehnung aller Reformen trieb, es ist die ganze kabbalistische Denkweise, die unbewußt bei der Stellungnahme weiter Kreise mitschwang, und die vielen jede Reform als eine Zerstörung des jüdischen Gebäudes im Ganzen und im Grundriß, als ein Verrat an der Sendung Israels erscheinen ließ. Die eigentliche Kabbalah war dabei damals, genau genommen, schon zum großen Teile abgestorben, aber sie hatte unter den osteuropäischen Juden in einer veränderten Form eine Neübelebung erfahren, in der Gestalt des Chassidismus. Davon im Folgenden. Sie Woche. Berlin, den 13. November 1917. wei hochwichtige Ereignisse erregten innerhalb der Berichtswoche das größte Interesse: sie müssen an dieser Stelle um so mehr erwähnt und besprochen werden, als sie auch für die jüdischen Verhältnisse von großer Bedeutung sein können. Das eine ist die U m w ä l z u n g i n R u ß l a n d, das ändere die Lösung der innerpolitischen Krise in Deutschland. Jene besteht darin, daß die Maximalisten unter Führung von Lenin gesiegt, sämtliche Mitglieder des früheren Ministeriums gefangen gesetzt und die Verfolgung des geflohenen Kerenski verfügt haben. Man kann freilich weder wissen, ob dieser in Petersburg erfolgte Umschwung auf das ganze Land übergreift, noch ob er von Dauer ist: erhält er sich, so ist er fast von ähnlicher Wichtigkeit wie die Vertreibung des Zaren. Denn die Partei, die jetzt ans Ruder gekommen ist, verlangt ausschließlich die innere Umgestaltung Rußlands, und seht daher an die Spitze ihres Programms: „Sofortiger Vorschlag eines demokratischen Friedens": sie hat auch ein merkwürdiges Programm eines solchen Friedens sofort verbreitet: damit wäre, wenn nicht etwa die neuerlich von den Mittelmächten beschlossene Angliederung Kongreßpvlens an Galizien und Ausrufung des Kaisers Karl als König von Polen — ein Beschluß, über dessen Nützlichkeit oder Zeitgemäßheit wir jede Betrachtung vermeiden — in Rußland starke Empfindlichkeit hervorruft, oder gar die Regierung zum Widerstande neu belebt, eine Basis geboten, den Krieg im Osten bald zu beenden. Freilich sind die Verhältnisse in Rußland ganz unübersehbar. Kerenski marschiert, den neuesten Nachrichten zufolge, gegen Petersburg, der Prinz Nikolajew macht Anstrengungen, eine monarchische Bewegung zu beginnen, der englische Gesandte verläßt Rußland — lauter wichtige Ereignisse, die auf ein furchtbares Chaos vorbereiten. Keiner kann wissen, wie die Dinge sich in dem gewaltigen Reiche entwickeln werden. Die Lösung der innerpolitischen Krise in Deutschland ist dadurch erfolgt, daß nach langem Widerstreben der leitenden Kreise, als deren eigentlicher Stimmführer der Staatssekretär Helfferich angegeben wurde, ein Nationalliberaler, Friedberg, und ein Fortschrittler, v. Paper, in ein leitendes Staats- und Reichsamt berufen worden sind. Damit ist nicht nur ein bemerkenswerter Sieg des Parlamentarismus erfochten, indem mau das Verlangen der Mehrheitsparteien befriedigte, sondern für unsere ganze Regierung ein bedeutsamer Schritt nach links getan. Die Wichtigkeit beider Ereignisse für die Juden kann eine sehr große werden. Für Rußland möchte dieser Sieg der völlig revolutionären Partei eine volle Gleichstellung, die nicht bloß auf dem Papiere steht, zur Folge haben. In Deutschland kann, wie wir hoffen, der Eintritt wirklich liberaler Männer in die leitenden Negierungskreise den Bruch mit dem rückständigen System der Bedrückung, zum mindesten der Ausschließung der- Juden von höheren Richter- und Staatsämtern, zur Folge haben. Die Hoffnung, die von den Juden an Friedbergs Eintritt ins Ministerium geknüpft wird, ist um so größer, als der Genannte sich früher entschieden gegen den christlichen Staat ausgesprochen hat. Darüber empfangen wir folgende Zuschrift: S t a a t s m i n i st e r D r. Fried berg ü b c r den christlichen Staat. Als vor einigen Jahren wieder einmal im preußischen Abgeordnetenhause die Debatte über den „christlichen Staat" von konservativer Seite heraufbeschworen wurde, trat der damalige Abgeordnete Friedberg dem konservativen Abgeordneten v. Heydebrand mit nachfolgenden Ausführungen entgegen: „Herr v. Heydebrand geht aber noch einen Schritt weiter. Er sagt, er müsse verlangen und Herr Tr. Porsch hat ihn darin, wenn ich nicht irre, tapfer sekundiert —daß der christliche Geist auf allen. Gebieten des staatlichen Lebens herrschen müsse. Meine Herren, man kehrt damit zurück zu einer Theorie, die, wie ich offen sagen möchte, etwas in Mißkredit gekommen ist. Meine Herren, der Staat als solcher ist kein christlicher und kann kein konfessioneller sein. Sie können, wie die vreußische Verfassung es richtig ansdrückt, bei verschiedenen Veranstaltungen des Staates, die das Gebiet der Religion berühren, die christliche Religion zugrunde legen, aber der Staat als eine Rechtsanstalt für alle kann keinen konfessionellen Charakter haben. (Abgeordneter Dr. v. Heyedebrand und der Lasa: Habe ich auch nicht behauptet!) Christlicher Charakters (Abgeordneter Dr. v. Heydebrand und der Lasa: Auch nicht!) Dann weiß ich überhaupt nicht, was Sie haben sagen wollen, dann haben Sie sich höchst unklar ausgedrückt. Sie sagen: der christliche Geist muß auf allen Gebieten des Staatslebens herrschen. (Sehr richtig! rechts.) Jawohl! Das ist die Umschreibung des alten Begriffs der Lehre vom christlichen Staat, und da möchte ich den Herrn v. Heydebrand bitten, sich einmal die Folgerungen klarzumachen, die aus einer solchen Forderung entstehen. Ich möchte ihm weiter nichts raten, als einmal das alte, aber immer noch sehr lesbare Buch des Begründers der Konservativen Partei in Preußen durchzulesen, das Buch „Ueber die gegenwärtigen Parteien in Staat und Kirche" von Stahl. Der hat diese Theorie vom kirchlichen Staat: er kommt dann aber auch konsequent dazu, daß im Staate eigentlich nur eine Religion herrschen dürfe, weil die allein imstande sei, dem Menschen die richtige Offenbarung zu geben, das sei die lutherische Kirche. Cr verwirft natürlich die katholische Kirche, aber er geht sogßr so weit, die verwandte Schwesterkirche nicht tolerieren zu wollen, die reformierte Kirche. Er setzt zuerst auseinander, wie das organische Prinzip der reformierten Kirche zur Demokratie dränge, wie es tatsächlich die reformierte Kirche sei, die den Jndependentismus Hervorrufe, und der letzte Knalleffekt, den er abschießt, ist der, daß die Jndependentisten, mit anderen Worten die Reformierten, es gewesen seien, die König Karl I. aufs Schafott geschleppt haben. Sie sehen,