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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-16 · Heft 46 (16.11.1917) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 46 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 Phantasievollen Träumen sich aufbauende Geistesrichtung dem strengen methodischen Denken, wre es Grundlage aller wahrhaften Bildung ist, abhold, so mußte sich dieses Widerstreben um so mehr steigern, je mehr gerade die moderne Bildung jenem Uebersinnlichen, auf dem die ganze Gedankenwelt der Kabbalah beruht, feind wurde. Es ist leicht begreiflich, daß in dem Maße, in dem neuzeitliche Bildung den Himmel entvölkerte und den Glauben an ein lebendiges Heer persönlicher Geister und Kräfte entwurzelte, auch die Abneigung der kabbalistisch Gerichteten gegen alle Bildungsbestrebungen sich steigern mußte. Es ist ferner eine durch keine noch so wohlwollende und llnbesangene Betrachtungsweise zu erschütternde Tatsache, daß mit der Kabbalah eine Trübung der Reinheit der jüdischen Gottesidee, auf die wir sonst so stolz sind, Hand in Hand ging. Diese Trübung war gegeben in der hart an christliche Anschauung angrenzenden Hinneigung zur Anerkennung eines selbständigen, wnrzelhaften Bösen: — von hier aus und aus jenem Glauben au eine Ausgießung der Gnade durch rituelle Handlungen erklärt sich auch das starke Interesse, das in der Zeit des Humanismus bei dem beginnenden Interesse an dem hebräischen Schrifttum die christlichen Gelehrten gerade der Kabbalah zuwandten. Eine starke und eigentlich unerträgliche Trübung der reinen Gottesvorstellung war weiterhin die ganze Art, zwischen Gott und den Menschen die als persönliche Wesen gedachten Kräfte, urie Liebe, Erbarmen, Gnade, Einsicht, Strenge, Gerechtigkeit usw., als Mittelspersonen und Fürsprecher einzuschieben und so den unmittelbaren Verkehr des Menschen mit seinem Gotte als etwas zu Schwieriges, Unmögliches hinzustellen, unb die Schöpfung eines ganzen Heeres von bösen Geistern und Dämonen, in deren Furcht man nun einhergiug. Und sie war vor allem auch gegeben in der Art, wie man in den Auswirkungen der Gottheit ein männliches und weibliches Prinzip unterschied, von deren durch den Menschen zu bewirkenden Vereinigung erst das volle Heil erblühen könnte: es wurden dadurch, das darf nicht verschwiegen werden, gelegentlich wie das übrigens häufig eine Begleiterscheinung überschwänglicher Mystik ist unter dem Mantel der Frömmigkeit Ausschweifungen ausgelöst. Aber neben vielem Schatten ist auch viel Licht vorhanden. Es ist unleugbar, daß mit der Kabbalah in alle Frömmigkeit eine starke Andachr und Innigkeit hineingetragen wurde: wer des Glaubens lebte, daß alle Uebung frommer Werke nicht bloß die Erfüllung eines Gebotes sei, sondern ein Werkzeug der Erlösung, ein Instrument der Ausgießung von Gnade und Erbarmen, der mußte in ihnen ein über alle Maßen Hohes und Heiliges erblicken, eine Brücke zwischen Gott und Welt, dem waren sie wie der Ring, der Braut und Bräutigam unauflöslich verbindet, und den man ansteckt getragen von dem Bewußtsein des Auaenblicks, wieviel von dieser Handlung abhängt, dem mußte jede Stunde zur Vermählung mit Gott werden. Wahrhaft großartig ist der starke soziale Zug, der durch die ganze kabbalistische Denkweise sich hindurchzieht: schließlich ist diese ganze Hervorkehrung des Erlösungsgedankens der Ausfluß einer gesteigerten sozialen Empfindung: denn es ist ja nicht die Erlösung des Individuums, die hier wie im Christentum im Vordergründe steht, sonde.ru diese Erlösung ist immer als ein soziales Erfordernis gedacht, als Erlösung Israels, als Erlösung der Menschheit. Und mit welch gesteigertem Gefühl für die Bedeutung des Sozialen ist hier das Problem der Sünde gefaßt! Auch sie wird ja nicht um des Einzelnen willen gefürchtet, weil durch sie die Seele des einzelnen Menschen befleckt und belastet wird, sonde.rn weil durch sie die Erlösung der Gesamtheit gehindert und verzögert wird. Es ist also auch die Sünde nicht individuell, sondern sozial, vom Interesse und Bedlirfnis der Gesamtheit aus gefaßt. Nicht zu leugnen ist der starke sittliche Zug, der durch das kabbalistische Gedankengefüge hindurchgeht. Gar nicht zu reden von dem starken Strom der über alle Schranken und Grenzen hinausgehenden Nächstenliebe, der hindurchbraust. Aber auch sonst ist der Grundzug des kabbalistischen Denkens ein sittlicher. Es wird doch schließlich das ganze Weltgeschehen auf die sittliche Haltung und unbedingte Lebensführung des Einzelnen gestellt, der Einzelne wird durch die Tat zum Mitschöpfer an der Welt erhoben, der ethische Akt des Einzelnen wird zum Urheber der Erlösung gestempelt. Die sittliche Weltordnung wird zum Grundgesetz der Weltentwicklung gemacht. Eine Fülle der Verantwortung wird dem Einzelnen aufgebürdeh das Pflichtgefühl wird bis zum äußersten gestärkt und angespannt: denn jeder wird gelehrt, sich zu betrachten, als sei von ihm und seiner Tat das Heil und das Schicksal der Welt abhängig. Man muß um dieser strengen aufs Ethische gerichteten Gesamthaltung, um dieser Stärkung des Verantwortungsgefühls willen der Kabbalah manches nachsehen, vieles Abstruse und Abgeschmackte in ihr wird gutgemacht durch diese Strenge der Verknüpfung der Tat des Einzelnen mit dem Schicksal der Gesamtheit, durch diese Unbedingtheit der Forderung einer starken Selbstentäußerung, durch diese über alles Einzelinteresse hinausgehende Betonung des Sozialen. An dieser Stelle hängt die Kabbalah, so vieles in ihr auch verhängnisvoll für die Entwicklung des Judentums wurde, mit dem Grundzug des jüdischen messianischen Gedankens zusammen, auch sie will nicht die Ruhe und den Frieden der Einzelseele, auch sie ist die ewige, rastlose Bewegung, dig. hinter jeder Lösung neu sich erhebende Spannung. So hatsie den Seelen viel Mut und Kraft verliehen, Hoffnung und Trost, gibt sie noch heute ihren Anhängern viel Schärfung des Gewissens, viel Versittlichung, innere seelische Erhebung, Andacht und Weihe und gibt ihnen vor allem mit dem Erlösungsgedanken die Konzentration auf ein viel Wichtigeres als auf die Berufsarbeit und alle Lebensvorgänge. Ohne die Kenntnis dieser kabbalistischen Gedankenreihen kann man die Kämpfe, die am Ausgang des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts um die Reform des Kultus geführt wurden, nicht vollständig würdigen. Auch im deutschen Judentum war in jenen Tagen noch viel Kabbalistisches vorhanden: manche waren mit Bewußtsein kabbalistisch orientiert, überall aber waren noch, und vorzugsweise im Kultus, Anschauungen lebendig, die aus der Kabbalah herstammten, ohne daß man dabei ein rechtes Bewußtsein ihrer Herkunft hatte, und die man als Bestandteile des wahrhaften Judentums empfand. Als es sich nun im Besonderen um die Reform des Gottesdienstes handelte, da war in sehr vielen noch ein starker Rest von dem alten kabbalistischen Glauben vorhanden, daß in den Worten des Gebetes Gottesnamen von geheimnisvoller Kraft verborgen ruhen, daß von der Art und Form "des Gebetes das Werk der Erlösung abhängig sei. Ihnen mußte jeder Reformversuch nicht bloß als ein Bruch mit dem Ueberlieserten erscheinen, sondern geradezu als eine Preisgabe der jüdischen Sendung. Man hatte gut aus dem Talmud und Schrifttum Nachweisen, daß. vom religiösen Gesichtspunkt aus das Geibet in jeder Sprache gesprochen werden mag und nur wertvoll ist, wenn es verstanden wird; man mochte noch so sehr die langsame und stufenweise Entwicklung klarlegen, die der jüdische Gottesdienst durchgemacht hat, das traf in den Augen jener ja gar nicht den Kern. Für sie blieb es doch eine Tatsache, daß mit jedem Stück, das aus dem Hebräischen in die Landessprache übertragen wurde, mit jeder Aenderung des Gebetes eine Fülle von Gottesnamen, die die Erlösung hätten beschleunigen können, gemordet, im Keime erstickt wurde, daß mit jeder Aenderung und Abstellung überlieferter Gebräuche' eine unendliche Reihe von Möglichkeiten, die Welt der Gnade in Bewegung zu setzen, die Geburt des Messias zu beschleunigen.

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